11. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung

Europe/Vienna
Innsbruck

Innsbruck

Universität Innsbruck und Medizinische Universität Innsbruck
Description

Gender_Queer Worldings: Gewalt, Bündnisse, Zukunftsentwürfe

Die 11. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung findet unter dem Titel "Gender_Queer Worldings: Gewalt, Bündnisse, Zukunftsentwürfe" von 23.-25. September 2026 in Innsbruck statt.

Anmeldung zur Tagung: 1.5.2026-9.9.2026

***Tagungsprogramm (Stand: 3.8.2026)***

CONFERENCE PROGRAM (PDF)

***Book of Abstracts (Stand: 6.8.2026)***
BOOK OF ABSTRACTS (PDF)

Kontakt Organisationsteam
    • 10:30
      Welcome & Check-in Ágnes-Heller-Haus (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Early Career Brunch Seminarraum 6 (Ágnes-Heller-Haus, 1.Stock)

      Seminarraum 6

      Ágnes-Heller-Haus, 1.Stock

      Innrain 52a, Innsbruck

      Early-Career Brunch bei der ÖGGF-Tagung 2026
      Neoliberaler Umbau der Universitäten, Prekarisierung von Forschung und Lehre, Transanatagonismus, Gender-Verbot, die systematische Demontage von kritisch-emanzipatorischen Forschungsperspektiven und die Kürzung staatlicher Förderungen, die in Deutschland beispielsweise die institutionelle Existenz der Disability Studies bedroht — der gegenwärtige konservative Backlash ist für alle, die im Bereich Geschlechterforschung tätig sind, spürbar. Für jene, die am Anfang einer wissenschaftlichen Karriere stehen, also für Menschen, die im BA, im MA, im Doktorat, oder früh im Post-Doc sind, stellt dies eine besondere Herausforderung dar.
      Wir wollen am ersten Konferenztag bei einem gemeinsamen Brunch einen informellen Raum für Austausch und Vernetzung schaffen. Was bedeutet die gegenwärtige Lage für Early-Career-Forschende, die sich in der Geschlechterforschung oder angrenzenden Wissensfeldern situieren, aber im Ungewissen sind, ob dies (noch) eine berufliche Perspektive bietet? Oder für jene, die auf eine wissenschaftliche Karriere Lust hätten, aber nicht wissen wie?
      Einander kennen lernen, sich austauschen, diskutieren, herausfinden, wie wir einander unterstützen können — wenn du dich angesprochen fühlst, komm vorbei.

      Conveners: Flora Löffelmann (University of Vienna), Tyan Fritschy
    • Eröffnung: Plenum Ágnes-Heller-Haus, Audimax (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, Audimax

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Panels: (Onto-)Epistemologien von Worlding 01 (D) Seminarraum 7

      Seminarraum 7

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock, Innrain 52a, 6020 Innsbruck
      Convener: Carla Ostermayer (Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck)
      • 1
        Ontologie als worlding, worlding als Politik. Elemente einer Konzeptualisierung

        In meinem Beitrag möchte ich die politische Dimension des maßgeblich von Donna Haraway (insbes. Haraway 2016) geprägten Konzepts des „worlding“ untersuchen. Analog zum CfA, der worlding als „Formen der Weltgestaltung und -erzeugung“ fasst, verstehe ich worlding als „Praxis des Weltenschaffens“ (mein Begriff), die insofern immer schon politisch ist, als dass sie zur Gestaltung eines Kollektivs („Welt“) beiträgt. Schon die Charakterisierung dieses Kollektivs als „Welt“ statt „Gesellschaft“ verweist allerdings auf ein Verständnis des Politischen, das im klassischen Politikbegriff mit seinem Fokus auf dem Verhältnis zwischen Individuum und Staat nicht fassbar ist (vgl. z.B. Zigon 2018). Wie ich argumentieren möchte, kommt im Konzept des worlding ein Denken des Politischen zum Tragen, das die „moderne Verfassung“ (Latour 1995) aufkündigt, indem es sich weigert, Welt von der Abbildung der Welt, das Sein von der Erzählung über das Sein zu trennen. Genau diese Weigerung verkörpert m.E. Haraways Plädoyer „It matters what thoughts think thoughts. It matters what knowledges know knowledges. It matters what relations relate relations. It matters what worlds world worlds. It matters what stories tell stories.“ (2016: 35). In meinem Beitrag möchte ich die Diskussionen um die „neuen feministischen Materialismen“ (Alaimo/Hekman 2008, Bath et al. 2017) als Feld anführen, in dem ein solches Verständnis des Politischen paradigmatisch – wenn auch meist implizit – verhandelt wird. Zentral hierfür ist ein Bezug auf Ontologie, der die eigenen ontologischen Grundannahmen nicht als Aussage über die „reality out there“ (Law 2015) begreift, sondern als umkämpfte Positionierung, die politischen, weltschaffenden, Charakter hat (vgl. Hoppe 2017). Ontologie wird damit selbst zu einem worlding.

        Bio
        Veronika von Wachter hat Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in einem deutsch-französischen Doppelstudiengang studiert. Ihr in der feministischen Theorie angesiedeltes Promotionsprojekt widmet sich der Frage, wie ontologische Erzählungen wie die im Natur/Kultur-
        Dualismus angelegte Zweiteilung von Wirklichkeit als politisch konzeptualisiert werden können. Besonderes Interesse gilt dabei dem Denken von Donna Haraway, Sylvia Wynter und Karen Barad.

        Speaker: Veronika von Wachter
      • 2
        Ideologie, Alltagsverstand und Gefühl: Worlding zwischen gesellschaftlicher Stabilisierung und Transformation

        Mit dem vorliegenden Beitrag schlage ich Antonio Gramscis Konzept des Alltagsverstands als Selbst- und Weltverhältnis zur Analyse von gegenwärtigen Worlding-Prozessen vor. Über materialistisch-queer_feministische Problematisierungen und Wendungen des ideologietheoretischen Konzepts erarbeite ich dieses als instruktives Instrument für die Geschlechterforschung:

        Erstens lassen sich mit dem Konzept sowie dessen Weiterentwicklung sowohl Welt als auch Selbst in den Blick nehmen: Gramscis (2019) Konzept bezieht insbesondere die Rolle von Weltauffassungen ein. Wie queer-feministische Anschlüsse (Ludwig 2011) deutlich gemacht haben, lässt sich darüber ebenso die Rolle von Selbstauffassungen analysieren.
        Zweitens können so Gefühle in die Analyse von Worldingprozessen einbezogen werden, wodurch der Dualismus von Denken und Handeln unterlaufen wird: Anhand materialistisch-queer_feministischer Weiterentwicklungen des Konzepts zeige ich, dass dieses nicht allein rational-kognitivistisch als Denkweisen zu verstehen ist, sondern auch als Handlungs- und Fühlweisen. Worlding umfasst damit ebenso passive als auch aktive Prozesse der affektiven Selbst- und Weltkonstitution. Drittens gelingt es, die Ambivalenzen von Herrschaft und Handlungsfähigkeit, von Stabilisierung und Transformation, zu fokussieren. Die Weiterentwicklungen des Konzepts unterstreichen die ambivalente Rolle gesellschaftlicher Widersprüche, in welche die Subjekte in der bürgerlich-kapitalistischen Welt verstrickt sind. Zum einen tragen diese Widersprüche zur gewaltförmigen Stabilisierung bei, zum anderen ermöglichen sie ‚im Vorhandenen das Mögliche‘ aufzuspüren. Die Veränderung von Selbst und Welt muss damit nicht in eine revolutionäre Zukünftigkeit verschoben werden, vielmehr findet sich gesellschaftliches Transformationspotenzial bereits in gegenwärtigen Alltagspraktiken.

        Zusammenfassend ermöglichen es die materialistisch-queer_feministischen Problematisierungen und Wendungen des Konzepts Alltagsverstand, Ideologien, Praktiken und Affekte in ihrer Verwobenheit und damit ebenso Erfahrungen, Lebensweisen und Begehren in die Analyse von Worlding-Prozessen einzubeziehen.

        Bio
        Henrike Bloemen ist Doktorandin in der Politikwissenschaft (Universität Münster) und arbeitet an der Schnittstelle Politische Theorie/Geschlechterforschung zur Frage, inwiefern Ideologie eine gelebte und gefühlte Praxis darstellt. Dazu wendet sie Antonio Gramscis Konzept des Alltagsverstands materialistisch-queer_feministisch. 2025/2026 ist sie Visiting Scholar am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck (Universität Innsbruck).

        Speaker: Henrike Bloemen
      • 3
        Worlding beyond Belonging? Queere Kollektivität imaginieren mit Pauline Boudry/Renate Lorenz und Antonia Baehr

        Kaum ein Konzept formt die Vorstellung von Bündnissen, Zusammenarbeit oder Gemeinschaft, aber auch der politischen Auseinandersetzung und des Streits, wie das des Belonging (dt. Zugehörigkeit). Neben normativ bis reaktionären, wenn nicht gar faschisierenden Affirmationen von (naturalisierter) Zugehörigkeit – etwa in Bezug auf Nation, Volk, Familie, „Rasse“ – gibt es auch queertheoretische Bezugnahmen auf das Konzept, wenn auch durchaus ambivalent (Bradway/Freeman 2022). Mit Queer-Theoretiker*in Lauren Berlant lässt sich diese Ambivalenz zuspitzen und nach den (affekt-)politischen Implikationen des Konzepts, seinen Verstrickungen in Eigentums- und Souveränitätslogiken und damit in die Aufrechterhaltung durchaus gewaltvoller worldings fragen (Berlant 2022: 105). Eine Kritik, die mit fundamentalen queertheoretischen Zurückweisungen von inhärent gewaltförmigen Subjektivierungsweisen resoniert (Butler 2009).
        Der Beitrag geht der epistemischen wie politischen Herausforderung nach, Existenz- und Beziehungsweisen denkbar zu machen, die über eine anerkennungs- und zugehörigkeitslogische Konzeption von Subjekt und Kollektiv hinausweisen. Entlang der künstlerischen Arbeiten von Antonia Baehr, Pauline Boudry/Renate Lorenz, fragt er nach deren ästhetisch-epistemischen Potenzialen, bestehende (Infra-)Strukturierungen von Wahrnehmung, Sozialität und Welt zu überschreiten. Dazu zählt eine Auseinandersetzung mit konstitutiven Gewaltgeschichten, die positive Gegenbilder und geschlossene Identitäten zurückweist sowie eine Arbeit an Distanz- und Näheverhältnissen, die die Grenzen zwischen Körper, (Medien-)Technik, Geschlecht und Begehren neu verhandelt. Mit Boudry/Lorenz und Baehr wird der Begriff der „Queeren Kollektivität“ entwickelt, als Teil einer möglichen „Glitchfrastruktur“ (Berlant 2022: 106), die an der Auflockerung und Verschiebungen bestehender worldings arbeitet, unserer Vorstellungen und Wahrnehmung von sowie unserer Bindungsweisen an die Welt(en), die wir kennen.

        Judith Butler, Undoing Gender. New York: Routledge 2004.
        Lauren Berlant, On the Inconvenience of Other People, Durham: Duke University Press 2022.
        Tyler Bradway/Elizabeth Freeman (Hg.), Queer Kinship. Sex, Belonging, Form. Durham: Duke University Press 2022.

        Speaker: Philipp Hohmann (International Research Center Gender and Performativity (ICGP); mdw - Universität für Musik und Darstellende Kunst)
    • Panels: Archive, Wissen, Ver_Lernen 01 (D) Seminarraum 14

      Seminarraum 14

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Melinka Violeta Karrer (Philosophie/Soziologie)
      • 4
        „Glitzer, Geschichten, Geschlechterkritik“ – Dragqueen-Lesungen als kritische pädagogische Praxis

        Dragqueen-Lesungen für Kinder haben sich in den letzten Jahren zu einem umkämpften Schauplatz bildungspolitischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen entwickelt. Der Beitrag versteht diese Veranstaltungen als performative Praxis kritischer (Bildungs-)Formate, die normative Vorstellungen von Geschlecht, Identität und Erziehung herausfordern und zugleich neue Räume für kindliche Selbstverortung und Vielfalt eröffnen. Aus einer bildungs- und fachdidaktischen Perspektive wird der Frage nachgegangen, welche Lernziele – etwa die Förderung von Identitätsentwicklung, Anerkennung von Differenz, Vielfalt und normkritischem Denken – bewusst oder implizit aktiviert werden. Dabei wird auch die Rolle ästhetischer Erfahrung und performativer Irritation als pädagogisches Potenzial reflektiert. Gleichzeitig widmet sich der Beitrag den Widerständen, die Dragqueen-Lesungen hervorrufen wie etwa Diskurse um „Frühsexualisierung“, moralische Panik und die angebliche Gefährdung von Kindern zeigen, wie stark geschlechterpolitische Fragen mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und kulturell aufgeladenen Ängsten verknüpft sind. Diese Konfliktlinien werden nicht nur als politische Reaktion, sondern auch als didaktische Herausforderung verstanden. Der Beitrag schlägt vor, solche Widerstände nicht zu umgehen, sondern sie produktiv in die pädagogische Reflexion zu integrieren – etwa durch die Thematisierung von Normen, die Sichtbarmachung von Ausschlüssen und die Förderung von Ambiguitätstoleranz.

        Bio
        Judith Goetz, Dr.in, Politik- und Bildungswissenschaftlerin, Gender-Forscherin, Rechtsextremismus-Expertin. Sie lehrt und forscht an der Universität Innsbruck im Bereich Politische Bildung. Ihre Interessensschwerpunkte liegen bei Antifeminismus, Gender und Rechtsextremismus. Zuletzt erschien ihre Dissertation "Geschlechterpolitiken der Identitären. Ein Beitrag zur politischen Bildung gegen Rechtsextremismus" (2024).

        Speaker: Judith Goetz (Universität Innsbruck)
      • 5
        Material World(ing)s. Gedächtnisökonomie und literarische Erinnerungsarbeit in materialistisch-feministischer Perspektive

        In Zeiten von autoritärer Politik, neoliberalen Umstrukturierungen kultureller Institutionen und rechtem Geschichtsrevisionismus verschärfen sich Kämpfe um erinnerungskulturelle Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und Deutungshoheit. Vor diesem Hintergrund begreift dieser Beitrag die (offizielle) Erinnerungskultur als spezifische Form von Worlding (Haraway 2016; Spivak 1985), das bestimmte Welten hervorbringt, hierarchisiert und stabilisiert. Weiblich konnotierte Lebens- und Arbeitszusammenhänge, Erfahrungen und Wissensformen gelten dabei häufig nur eingeschränkt als erinnerungswürdig, archivierbar oder kanonfähig, während feminisierte Gedächtnispraktiken zugleich ökonomisch abgewertet werden. Aus materialistisch-feministischer Perspektive wird daher gefragt, wie kapitalistische Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse mit Praktiken des Erinnerns und Vergessens verschränkt sind.
        Als theoretische Klammer dient der heuristische Begriff der Gedächtnisökonomie. Er bezeichnet die Gesamtheit der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Erinnerungsprozesse organisiert sind und fokussiert ihre arbeitsförmige Dimension – etwa als Archiv- und Dokumentationsarbeit, affektive Erinnerungsarbeit, Sorge um Nachlässe, (auto-)biografisches Schreiben oder Weitergabe von Alltagswissen. Erinnerung wird damit nicht primär als diskursives Phänomen, sondern als soziale und materielle Praxis verstanden, die ungleich verteilt, arbeitsteilig organisiert sowie in hohem Maße vergeschlechtlicht ist.
        Literatur kommt in diesem Zusammenhang eine doppelte Funktion zu: Sie ist Teil solcher Gedächtnisökonomien und zugleich Ort ihrer Reflexion und möglichen Unterbrechung. In Auseinandersetzung mit Anna Readings Konzept der „Female Memory Factory“ (2019) und am Beispiel von Gertraud Klemms Roman Hippocampus (2019) analysiert der Beitrag, wie patriarchal-kapitalistische Gedächtnisregime zur Produktion von asymmetrisch verteiltem „mnemonic capital“ beitragen – und wie literarisches Schreiben die Leerstellen hegemonialer Gedächtnisökonomien offenlegt. Ziel ist es, literarische Erinnerungsarbeit als potenziell widerständige Praxis eines alternativen Worlding und ihr utopisches Potenzial für (queer-)feministische Zukunftsentwürfe zu diskutieren.

        Bio
        Dr. Melanie Heiland forscht und lehrt im Bereich der Vergleichenden und Romanistischen Literatur- und Kulturwissenschaft an der Schnittstelle zu den Gender Studies. Kürzlich hat sie ihr interdisziplinäres Dissertationsprojekt zu feministischen Erinnerungsperspektiven im Kontext der lateinamerikanischen Militärdiktaturen abgeschlossen. Forschungsschwerpunkte bilden Gegenwartsliteratur, kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung, materialistische Literaturkritik und feministische Fragestellungen.

        Literatur
        Haraway, Donna. Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, Durham: Duke University Press, 2016.
        Haug, Frigga. “Vom Ringen um Kohärenz: Annäherung an eine Theorie von Erinnerungsarbeit als feministische Praxis.” Argument, no. 336, 2021, 65-80.
        Reading, Anna. “The Female Memory Factory: How the Gendered Labour of Memory Creates Mnemonic Capital.” European Journal of Women’s Studies, vol. 26, no. 3, 2019, 293–312.
        Spivak, Gayatri Chakravorty. “Three Women's Texts and a Critique of Imperialism”. Critical Inquiry, vol. 12, no. 1, 1985, 243-261.

        Speaker: Melanie Heiland
      • 6
        Conflictive commons: Überleben in hoffnungsvollen Kollektiven

        Mit Rückgriff auf Erkenntnisse aus unserer Forschung zu Housing Commons, feministischem Abolitionismus und hoffnungsvollen Kollektiven diskutieren wir Praktiken kollektiver Konfliktbearbeitung als Grundlage für die Möglichkeit lebbarer Welt. Ausgehend von bestehen-dem Wissen über vergangene, aktuelle und zu erwartende Katastrophen und deren Verwobenheit mit Lebens- und Weltvernichtenden autoritären politischen Akteuren, verstehen wir kollektive, auf das Prinzip der Sorge ausgerichtete Praktiken als begehrenswert. Sie trainieren uns darin, uns in Imagination zu üben, abseits ausgetretener Pfade zu wandern und respektvoll und nicht imperial vereinnahmend auf überraschende Begegnungen antworten zu können. Praktisches Einüben, das immer auch die Gestaltung der Bedingungen des Lebens erfordert, unter denen diese Ausrichtung überhaupt möglich wird, wird dabei zum zentralen Ort des Lernens und Verlernens. Es ermöglicht transformative Prozesse, in denen wir unsere Affekte, Beziehungen, Institutionen und Infrastrukturen so gestalten, dass möglichst gewaltarme Zukunft lebbar wird.

        In unserem Beitrag besprechen wir Herausforderungen kollektiver Praxis in Momenten der Gewalt und des Konflikts. Wir nutzen den Begriff der conflictive commons, um daran zu entfalten, dass wir kollektive, auf Sorge und lebbare Zukunft ausgerichtete Praktiken der Konfliktaushandlung brauchen, statt das Phantasma der erstrebenswerten Harmonie im Inneren gegen ein gewaltvolles Außen in Stellung zu bringen. Wenn kollektive Praktiken von Imaginationen der Reibungslosigkeit getragen werden, kommt uns die Enttäuschung über das Scheitern an diesen Vorstellungen in die Quere bei der transformativen Bearbeitung eigener Verwobenheiten mit gewaltvollen Strukturen. Conflictive commons können jedoch nur bestehen, sofern zugleich kollektive Praktiken des Festhaltens an Hoffnung, des Weitermachens durch Verletzungen hindurch, eingeübt werden.

        Bio
        Nina Fraeser forscht ethnographisch zu kollektiven Umgangsweisen mit Gewalt in selbstorganisierten Kontexten, mit besonderem Interesse an Affekten der Verbundenheit mit hoffnungsvoller Kollektivität. Ihre akademische Arbeit verbindet sie mit Beratung und Prozessbegleitung zu Konflikten und Gewalt sowie mit politischer Bildungsarbeit, mit dem Ziel, Rassismus und Antisemitismus gemeinsam zu bekämpfen.

        Hanna Meißner ist Professorin für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität Berlin. In ihrer aktuellen Forschung befasst sie sich mit Perspektiven solidarischer Vergesellschaftung in gegenwärtigen Kämpfen um die Bedingungen gesellschaftlicher Reproduktion.

        Speakers: Hanna Meißner (ZIFG Technische Universität Berlin), Nina Fraeser (Universität Hamburg / ZIFG Technische Universität Berlin)
    • Panels: Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität 01 (D) Raum 4U102b (GEIWI)

      Raum 4U102b

      GEIWI

      Innrain 52d (Geiwi-Turm), Untergeschoß
      Convener: Sephir Arden (Institut für Soziologie, Center für interdisziplinäre Geschlechterforschung (CGI))
      • 7
        „So leb ich einfach, ne?“ – Selbstanerkennung als Gesundheitsdimension

        Der Vortrag beleuchtet die gesundheitsbezogene Bedeutung von Selbstanerkennung für unsere Leben als trans und nichtbinären Menschen vor dem Hintergrund (cis-)normativer Regulierungsweisen.
        Für viele von uns trans und nichtbinären Menschen ist es aufgrund juristisch-medizinischer Vorgaben sowie vielschichtiger (cis-)normativer Gewalterfahrungen kaum möglich, uns selbst als gesund zu erleben. Um anerkannt zu werden, sind wir angehalten uns als ein verandertes und pathologisches trans Subjekt hervorbringen und als solches zu erfahren (Schirmer 2012). Die aktuelle Forschung zu trans Gesundheit verdeutlicht die teils gravierenden gesundheitlichen Folgen von trans Unterdrückung (Hornstein 2021; Pöge et al. 2020). Ungleichheitsverhältnisse, deren Auswirkungen auf Gesundheit sowie die unzureichende Gesundheitsversorgung werden bereits seit Jahren durch trans und nichtbinäre Aktivist_innen kritisiert. Häufig bleibt dabei jedoch offen, wie Gesundheit im Kontext von Transgeschlechtlichkeit überhaupt konzeptualisiert werden kann – insbesondere ohne defizitäre und individualisierende Perspektiven auf trans Gesundheit zu reproduzieren. Im Rahmen meiner Promotion habe ich Gesundheitsentwürfe in biographischen Erzählungen von trans und nichtbinären Menschen untersucht. In der Rekonstruktion zeigt sich Gesundheit weniger im Sinne biomedizinisch geprägter, dualistischer Gesundheits-/Krankheitskonstruktionen, sondern vielmehr als relationale Be- und Verarbeitungsprozesse der lebensgeschichtlichen Erfahrungen.
        Anhand empirischer Beispiele aus meiner Forschung möchte ich in dem Beitrag Selbstanerkennung als eine zentrale gesundheitsbezogene Ressource diskutieren, die von den Biograph_innen fortwährend gegen (cis-)normative Anforderungen wiederhergestellt und durchgesetzt werden muss. Die biographischen Erzählungen verdeutlichen, dass Selbstanerkennung als eine kollektive Herausforderung von uns trans und nichtbinären Personen verstanden werden kann, die in gelebten Praktiken eigenmächtiger Selbstpositionierung, Körperarbeit und gegenseitiger Sorge wirksam wird und zum Erleben von Wohlbefinden und Handlungsfähigkeit beiträgt.

        Bio
        Mael Boenig ist Geschlechterforscher_in (M.A) und Sozialarbeiter_in (B.A.) und arbeitet noch bis April 2026 als wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in an der Universität Kassel. In Forschung und Lehre arbeitet dey zu den Zusammenhängen zwischen trans_queeren Existenz- und Lebensweisen, Gesundheit und Körpern sowie zu den Herausforderungen und Potentialen queerer Biographieforschung und dialogischen Forschungskonzeptionen.

        Speaker: Mael Boenig
      • 8
        Rhetorisch-Epistemische Unterdrückung am Beispiel von trans Erfahrungen in Österreich

        Um in Österreich Geschlecht affirmierende Maßnahmen wie Mastektomie oder HRT durchführen zu können, müssen trans Personen drei psychologische Gutachten (klinisch-psychologisch,psychiatrisch, psychotherapeutisch) einholen. Währen dieses Prozess des „medizinischen Gatekeeping“ (Pearce 2018) müssen viele persönliche Details preisgegeben werden. Doch nur bestimmte Aussagen werden als Beweis akzeptiert, dass dem Wunsch stattgegeben werden sollte.
        Auf der Grundlage einer interviewbasierten Fallstudie und Literatur aus Philosophie und Trans Studies argumentiere ich, dass diese Situation als „rhetorisch-epistemische Unterdrückung“ (REU) klassifiziert werden sollte. Diese Form der epistemischen Ungerechtigkeit (Fricker 2007) zwingt Angehörige von Randgruppen in Situationen, die von einem starken Machtungleichgewicht durchdrungen sind, das, was sie über sich selbst sagen, so zu gestalten, dass es dominanten Normen entspricht. In meinem Beispielfall der Erfahrungen von trans Personen in Österreich müssen sich
        die Subjekte an Cis-Normativität, Chrononormativität und affektive Normativität anpassen.
        Aufbauend auf Foucaults Beobachtungen zur produktiven Macht des erzwungenen Geständnisses (2014, 2019) argumentiere ich, dass REU Subjekten auf drei Arten schadet. Auf einer epistemischen Ebene zwingt REU sie zum Aussparen von Wissen und Erlebnissen, die nicht mit diesen Normen übereinstimmen, was zu epistemischer Unterdrückung führt (Dotson 2014). Durch hermeneutische Dominierung (Dular 2023; Lunau 2024) zwingt REU Subjekte, sich selbst in Konzepten zu beschreiben, die ihre Marginalisierung vorantreiben. Auf einer verkörperten Ebene verursacht REU emotionale Ungerechtigkeit (Pismenny et. al. 2024), die Verzweiflung, Zukunftsmüdigkeit, Gefühllosigkeit, Burnout und Wut mit sich bringt (Ahmed 2004; Malatino 2022). Meine philosophische Analyse von REU wird durch einen genealogischen Ansatz ergänzt, der koloniale affektive und epistemische Systeme in Österreich (Garde 2025) als Ursache von heutigem medizinischem Gatekeeping und Transantagonismus herauskristallisiert.

        Bio
        Flora Löffelmann schreibt am Institut für Philosophie der Universität Wien bei Prof. Martin Kusch deren Dissertation. Floras Forschung umfasst Trans Studies, soziale und politische Erkenntnistheorie, feministische Theorie, Wissenschaftsgeschichte und -philosophie sowie queere Phänomenologie. Kürzlich erschienene Publikationen fokussieren auf rhetorisch-epistemische Unterdrückung und geschlechtsaffirmative Behandlung in Österreich. 2024 hat Flora die Veranstaltungsreihe Trans*Formations ins Leben gerufen.

        Literatur:
        Ahmed, Sara (2004): The Cultural Politics of Emotion. Edinburgh University Press.
        Dotson, Kristie (2014): “Conceptualizing Epistemic Oppression.” Social Epistemology. 28(2). 115-138.
        Dular, Nicole (2023): “One Too Many: Hermeneutical Excess as Hermeneutical Injustice”. Hypatia 38. 423-438.
        Fricker, Miranda (2007): Epistemic Injustice. Power & the Ethics of Knowing. Oxford University Press.
        Foucault, Michel (2014): Wrong-Doing and Truth-Telling. The Function of Avowal in Justice. The University of Chicago Press.
        Foucault, Michel (2019): Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit. Vierter Band. Suhrkamp.
        Garde, Jonah I. (2025): Trans*Geschichten der Moderne. transcript.
        Lunau, Resa-Philip (2024): “Epistemic Domination and 'Gender Identity Fraud' Prosecutions”. Social Epistemology 1-14.
        Malatino, Hil (2022): Side Affects. On Being Trans and Feeling Bad. University of Minnesota Press.
        Pearce, Ruth (2018): Understanding Trans Health: discourse, power, and possibility. Polity Press.
        Pismenny, Arina et. al. (2024): “Emotional Injustice.” Ergo 11, no. 6: 150-176.

        Speaker: Flora Löffelmann (University of Vienna)
      • 9
        Gesundheit als leeres Signifikant in Äquivalenzketten feministischer und LGBTTIQ+ Forderungen in Argentinien

        Die vorliegende Arbeit analysiert die entstehenden Allianzen zwischen verschiedenen feministischen und LGBTTIQ+ Gruppen in Argentinien, basierend auf Äquivalenzketten, die sich um ein leeres Signifikant, in diesem Fall die Idee von Gesundheit, entwickeln. Die Analyseeinheiten dieser Arbeit sind das Encuentro Plurinacional de Mujeres, Lesbianas, Travestis, Trans, Bisexuales, Intersexuales und No Binaries (Plurinationales Treffen von Frauen, Lesben, Travestis, Trans, Bisexuellen, Intersexuellen und nicht-binären Personen), die Nationale Kampagne für das Recht auf sicheren und kostenlosen Abbruch und die Bewegung Ni Una Menos (Nicht eine weniger). Diese Auswahl an Analyseeinheiten wurde getroffen, da es sich hierbei um die einflussreichsten feministischen und LGBTTIQ+ Militanzinstanzen in Argentinien handelt. Die primären Daten, die analysiert werden, stammen aus einer digitalen Ethnografie der Webseiten der genannten drei Analyseeinheiten. Zusätzlich werden sekundäre Daten aus verwandten Studien herangezogen.
        Die theoretischen Werkzeuge, die diese Arbeit leiten, stammen aus der Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Dieser Ansatz ermöglicht es, zu verstehen, wie verschiedene Forderungen oder Bedeutungen politisch um ein leeres Signifikant herum artikuliert werden. Ein solches Signifikant hat keinen festen oder bestimmten Inhalt, sondern fungiert als Ankerpunkt, um den sich verschiedene, zum Teil widersprüchliche Forderungen oder Bedeutungen gruppieren und eine kontingente politische Einheit bilden.
        Im untersuchten Fall wird deutlich, dass der Sinnkonstruktionsprozess des Begriffs „Gesundheit“ unterschiedliche feministische und LGBTTIQ+ Forderungen im Feld von Sexualitäten, Rechten, sozialer Gerechtigkeit, Ernährungs- und Umweltgerechtigkeit sowie dem Schutz vor Gewalt diskursiv miteinander verknüpft und in ein Verhältnis wechselseitiger Stärkung überführt. Im Zuge der hegemonialen Konstruktion werden die unterschiedlichen Forderungen nicht hierarchisch geordnet, sondern als Äquivalenzkette verbunden.

        Bio
        Dr:in Patricia Schwarz ist Soziologin mit einem Master-Abschluss in sozialwissenschaftlicher Forschung und einem Doktortitel in Sozialwissenschaften von der Universität Buenos Aires, Argentinien. Sie forscht und lehrt an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck. Ihre Publikationen umfassen Bücher, Buchkapitel und Fachartikel zu Themen an der Schnittstelle von Gesundheit und Gender.

        Speaker: Patricia Karina Natalia Schwarz (Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung - Universität Innsbruck)
      • 10
        Spatio-Temporal Worlding: Affektive Chronotopographien chronischer Erkrankung

        Unser Beitrag fokussiert Körper- und Weltverhältnissen aus einer relationalen und interdependenten Perspektive (Kim 2025). Die Verleugnung körperlicher Angewiesenheit auf Sorge in der westlichen Moderne stabilisiert Bedingungen, die die Welt entlang rassifizierter, vergeschlechtlichter, heteronormativer und ability-zentrierter Herrschaftsverhältnisse nur für einige Körper lebbar einrichten. Gerade die raum-zeitlichen Anordnungen dieses Bedingungsgefüges sind, so wollen wir argumentieren, im gegenwärtiger Kapitalismus zentral. Um dies zu fassen, entwickeln wir das Konzept der affektiven Chronotopographie. Dafür verbinden wir literaturwissenschatliche, affekttheoretische und Crip-Perspektiven zu einem kritischen gesellschafstheoretischen Konzept, das wir abschließend am Beispiel ME/CFS erproben. Mit dem literaturwissenschaftlichen Begriff des Chronotopos beziehen wir uns erstens auf Michail Bachtin (2008 [1879]), der damit nicht nur die spezifischen „Raum-Zeit“-Konfigurationen literarischer Genres meint, sondern auch, wie diese durch ihre Erzählweisen zugrunde liegende Weltbilder und Ideologien (re-)produzieren und stabilisieren. Aus Affektperspektive fokussieren zweitens Zeit-Raum über eine narrativ-diskursive Struktur hinaus auch als affektiv gelebte Erfahrung. Wir fragen, wie sich politische Verhältnisse als raum-zeitliche Herrschatsverhältnisse anfühlen (Bargetz 2014; Kafer 2013; Price 2024) und zeigen, wie Affekte als relationale Kräfte Körper in normative Raum- und Zeitordnungen einbinden. Diese hegemonialen Raum- und Zeitregime kritisieren wir drittens aus crip Perspektive zu chronischer Krankheit. Chronische Krankheit gilt hier nicht als Defizit, sondern als epistemischer Standpunkt, von dem aus Crip Space/Time und alternative Spatio-Temporal Worldings denkbar werden.
        Abschließend veranschaulichen wir exemplarisch anhand des Beispiels ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom), wie dieses Verständnis affektiver Chronotopographie dazu beitragen kann, die politischen Implikationen gegenwärtiger Raum-Zeit-Ordnungen freizulegen und zugleich Möglichkeiten anderer, nichtlinearer und relationaler Weisen des In-der-Welt-Seins sichtbar zu machen.

        Literatur
        Bachtin, Michail M. (2008 [1879]): Chronotopos. Berlin: Suhrkamp.
        Bargetz, Brigitte (2014): Jenseits emotionaler Eindeutigkeiten. Überlegungen zu einer politischen Grammatik der Gefühle. In: Angelika Baier et. al (Hrsg.): Affekt und Geschlecht. Eine einführende Anthologie, Wien: Zaglossus, pp. 117–136.
        Kafer, Alison (2013): Feminist, Queer, Crip. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press.
        Kim, Jina B. (2025): Care at the End of the World. Dreaming of
        Infrastructure in Crip-of-Color WriBng. Durham/London: Duke University Press.
        Price, Margaret (2024): Crip SpaceBme. Access, Failure, and Accountability in Academic Life. Durham/London: Duke University Press.

        Bios
        Brigitte Bargetz ist Professorin und Leiterin der Abteilung für Gesellschaftstheorie und Sozialanalysen der JKU Linz sowie Projektleiterin des FWF-Projekts „Neue Mitleidsökonomie und Affektive Staatlichkeit“ an der WU Wien. Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen gegenwärtige Autoritarismus- und Remaskulinisierungstendenzen, Freiwilligenarbeit im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Transformationen, Critical Affect Studies sowie affektive Methodologien.

        Verena Sperk promoviert im Lehr- und Forschungsbereich Kritische Geschlechterforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den
        Bereichen von Komik, Humor und Lachen, Queer/Feministischer Theorie und Critical Affect Studies.

        Speakers: Brigitte Bargetz (JKU Linz), Verena Sperk (Universität Innsbruck)
    • Panels: Institutionen, Räume, Temporalitäten 01 (D) Seminarraum 8

      Seminarraum 8

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Caroline Haupt
      • 11
        Wahrnehmung und persönliches Erleben von Diskriminierung und sexueller Belästigung im Krankenhausalltag - Ergebnisse einer Querschnittstudie an der Universitätsmedizin Mannheim

        Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind im Gesundheitswesen weit verbreitet. Bisherige Studien fokussierten meist auf einzelne Berufsgruppen. Diese Studie bietet einen umfassenden Überblick darüber, wie Angehörige verschiedener Berufsgruppen an einer Universitätsklinik Diskriminierung und sexuelle Belästigung wahrnehmen und erleben.
        Im Mai 2025 führten wir eine anonyme Querschnittstudie an der UMM (Universitätsmedizin Mannheim) durch. Es wurden alle eingeladen, die an der UMM arbeiten, studieren oder in Ausbildung sind. Erhoben wurden Daten zu Wahrnehmung und persönlichem Erleben von Diskriminierung und sexueller Belästigung.
        Die Rücklaufquote der Umfrage betrug 8,4% (n = 840). 34,2% der Teilnehmenden gaben an, dass Diskriminierung sehr oft/oft vorkomme, 83,6% berichteten von eigenen Erfahrungen damit. Die Auswertung der Everyday Discrimination Scale (EDS) zeigte signifikante Unterschiede zwischen den Berufsgruppen (F=5,325, p < 0,001, η² = 0,031), wobei Pflegekräfte die höchsten Werte aufwiesen (EDS 1-6, M=2,42) und wissenschaftliche Mitarbeitende (EDS 1-6, M=1,93) die niedrigsten. Es wurden Diskriminierungserfahrungen vor allem aufgrund von Geschlecht (31,9%, 224/702), Leistung (19,7%, 138/702) und Alter (14,5%, 102/702) berichtet. 36,0% aller Teilnehmenden gaben an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben (Frauen: 42,6%, 269/632; Männer: 14,1%, 27/192). Der Anteil war bei den Pflegekräften (49,7%, 79/159) am höchsten, bei den nichtmedizinischen Berufen (19,0%, 30/158) am niedrigsten. Sexuelle Belästigung ging überwiegend von Männern (92,1%, 278/302) und Patientinnen (49,0%, 148/302) und Ärzt*innen (47,0%, 142/302) aus.
        Die Ergebnisse belegen, dass Diskriminierung und sexuelle Belästigung in allen Berufsgruppen an der UMM auftreten. Sie unterstreichen den dringenden Bedarf an Präventionsstrategien, Sensibilisierungsmaßnahmen, Mitarbeitendenschulungen und transparenten Meldewegen auf institutioneller Ebene, um ein sicheres und respektvolles Arbeits- und Lernumfeld zu fördern.

        Bio
        Felix Hofmann hat in Mannheim Medizin studiert. Er interessiert sich für
        gesellschaftliches Zusammenleben, zugrundeliegenden Machtstrukturen und Wege, diese kritisch aufzuzeigen und aufzubrechen. Als Gleichstellungsbeauftragter seiner Fakultät initiierte er dort eine Umfrage zu Diskriminierung und sexueller Belästigung. Er schreibt aus cis-männlicher, weißer Perspektive.

        Speaker: Felix Hofmann (Universität Heidelberg, Medizinische Fakultät Mannheim, Mannheim, Baden-Württemberg, Deutschland)
      • 12
        Analoge Unsicherheiten versus digitales Sicherheitsnetz. Geschlechtersensible Mobilitätsplanung aus der Perspektive weiblicher und queerer Jugendlicher in Wien

        Bis heute wird die Forderung nach Mobilitätsgerechtigkeit (mobility justice, Sheller 2018) zur Vermeidung sozialer Ungleichheiten und geschlechtsspezifischer Benachteiligungen immer noch unzufriedenstellend erfüllt.
        Besonders bei weiblichen und queeren Personen bestimmen Ängste ihre Mobilität (Shakibaei & Vorobjovas-Pinta, 2022; Weintrob et al., 2021). Die Folge sind massive Einschränkungen (Ivanova & O'Hern 2024). Um Mobilitätssituationen für diese vulnerablen Gruppen zu entschärfen, könnten digitale Geomedien und Routenplanungssysteme mehr Planungssicherheit gewährleisten (Götzenbrucker, Preibisch & Griesbeck 2025).
        Im Rahmen der JuMp! Studie werden weibliche und queere junge Erwachsene mit Mobilitäts- und Routenplanungserfahrung befragt und in ihrem Mobilitätsalltag begleitet, um Potenziale und Risiken der Planungsinstrumente für urbane Mobilitäten auszuloten.
        Auf Basis von 25 Flash Interviews und 11 Sets aus Tiefeninterviews und begleiteten Mobilitätsspaziergängen mit weiblichen und queeren Jugendlichen (14-25 Jahre) werden wahrgenommene Unsicherheiten und Herausforderungen (RQ1) in der Alltagmobilität der jungen Nutzer*innen aufgezeigt. Darauf aufbauend wird den Sicherheitsstrategien der Jugendlichen und inwiefern Geomedien eine geschlechtergerechte und sichere Mobilitätsplanung verbessern können (RQ2) nachgegangen.
        Das methodische Vorgehen wird durch eine umfangreiche App-Analyse nach geschlechtersensiblen Parametern und durch Expert*innen Walk throughs mit FLINTA* Personen vervollständigt. So sollen neben den Chancen der Systeme auch mangelnde Unterstützung und Entwicklungsdefizite sichtbar gemacht werden.
        Den theoretischen Rahmen dafür bilden unter anderem Feministische Informatik (Bellini et al.2022), Gendered Technologies (Wajcman 2010) sowie Überlegungen zu Tech-Design Justice und Digitaler Benachteiligung und Verzerrung (Chock 2020; Durand et al., 2022; Ng & Acker 2018; Hummel, Stieß & Sauer 2020).

        Bio
        Caroline Strecker, BA BA MA MA MA hat Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Judaistik an der Universität Wien studiert, wo sie jetzt als Universitätsassistentin (Praedoc) und Lektorin für u.a. qualitative Forschungsmethoden am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft tätig ist.

        Dipl. Ing. Shuyin Zheng BSc BA hat Informatik und Human-centered Computing an der TU Wien, und Sinologie an der Universität Wien studiert. Zurzeit arbeitet sie als Projektassistentin im Forschungsprojekt JuMp! an der TU Wien. Ihre Forschung beschäftigt sich mit (sub-)urbaner Mobilität, Participatory Design, Gameful Design und Game-based Learning.

        Katharina Schrems, BA studiert Kommunikations- und Sportwissenschaft an der Universität Wien. Sie ist studentische Projektmitarbeiterin im Projekt JuMp! und hat vielfältige Erfahrungen in der Arbeit mit verschiedensten vulnerablen Gruppen.

        Gerit Götzenbrucker ist Assoziierte Professorin und Privatdozentin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, wo sie 2006 habilitiert hat. Als Expertin für Jugendforschung und qualitative Methoden, liegt ihr Forschungsfokus auf Medieninnovationen und Technikfolgenforschung, Soziale Netzwerk Forschung, Digitale Spieleforschung und Visueller Kommunikation.

        Speakers: Caroline Strecker (Universität Wien), Shuyin Zheng (Technische Universität Wien), Katharina Schrems (Universität Wien), Gerit Götzenbrucker (Universität Wien)
      • 13
        Zur (Un)Möglichkeit gendergerechter Teilhabe in Tennisvereinen

        Im Vortrag werden Befunde eines Dissertationsprojektes vorgestellt, das die Entwicklung des weiblichen* Selbstverständnisses von Tennisspielerinnen* in Hobbysportvereinen als Bildungsprozess aus theoretischer und empirischer Perspektive untersucht. Im Rahmen einer sozialhistorischen Betrachtung von Frauen* im Tennissport wurden dabei jene gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen sichtbar gemacht, innerhalb derer sich das heutige Vereinsleben und die darin verankerten Geschlechterverhältnisse zeigen. Diese „historischen Mitbringsel” prägen weibliche* Körper- und Lebenspraxen bis heute und sind daher nicht nur in bestimmten Regelungen, sondern auch in impliziten Normen, symbolischen Ordnungen und habitualisierten Deutungsmustern verankert. „Tennis” ist ein sozialer Handlungsraum, in dem Geschlecht, Gesundheit und Lernen historisch gerahmt sind und in dem sich Deutungs- und Anerkennungsordnungen fortschreiben, über die Frauen* als Sportlerinnen* bewertet und positioniert werden. Cis-heteronormative Ordnungen und Lebensweisen wirken als normalisierte, häufig unsichtbare Gewaltformen über Körpernormen, Leistungserwartungen und geschlechterdifferente Zugänge (Ressourcen, Räume) auf die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Tennisspielerinnen* ein. Diese Ordnungen strukturieren das Verhältnis der Spielerinnen* zu sich selbst und zu ihrer Gesundheit und wirken damit auf ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität. Im Zuge von biografisch-narrativen Interviews wurden Wandlungs-, Aneignungs- und Bildungsprozesse von Tennisspielerinnen* aufgrund dramatischer Brüche in den Lebensbiografien der interviewten Frauen* herausgearbeitet. In diesem Vortrag wird basierend auf diesen Ergebnissen aufgezeigt, wie patriarchale und cis-heteronormative Strukturen die Entwicklung von Selbstverständnissen bei Tennisspielerinnen* beeinflussen, welche Prozesse des Worldings in Tennisvereinen stattfinden und unter welchen Bedingungen Vereine als Möglichkeitsräume für Gesundheits- und Bildungsangebote für Frauen* fungieren können. Die theoretische Einbettung erfolgt über frauen*spezifische Gesundheitsaspekte, die Gesellschaftstheorie der fluiden Moderne (Bauman 2022) sowie die Bildungstheorie von Marotzki (1990).

        Bio
        Sarah Aldrian studierte Soziologie an der KF-Universität Graz und Angewandtes Wissensmanagement an der Hochschule Burgenland. Derzeit verfasst sie ihre Dissertation im Doktoratsstudium Erziehungs- und Bildungswissenschaften (KF-Universität Graz) mit voraussichtlichem Abschluss im Sommersemester 2026. Als Hochschullehrende liegen ihre fachlichen Schwerpunkte in den Bereichen Gender Health, psychosozialorientierte Gesundheitsförderung, Gesundheitsbildung und -soziologie.

        Speaker: Sarah Aldrian
    • Panels: Institutionen, Räume, Temporalitäten 03 (D) Raum 4U102a (GEIWI)

      Raum 4U102a

      GEIWI

      Innrain 52d (Geiwi-Turm), Untergeschoß
      Convener: Michael Rasell
      • 14
        Von transnational zu transversal: Feministische Solidarität als relationale Praxis im Migrationskontext

        Der Beitrag basiert auf dem vierten Analysekapitel und untersucht feministische Solidarität aus der Perspektive migrantischer Feministinnen aus dem Iran, die in Deutschland leben. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Bedingungen Solidarität in diasporischen Kontexten entsteht und wie sie im Spannungsfeld von Differenz, Machtasymmetrien sowie geteilter Verletzbarkeit ausgestaltet wird. Die Analyse zeigt, dass feministische Solidarität in diasporischen Kontexten als relationale Praxis entsteht. Sie formiert sich in einem Raum, der durch doppelte Verortung geprägt ist: Einerseits durch die fortdauernde Bezugnahme auf politische Kämpfe im Herkunftskontext und andererseits durch die Auseinandersetzung mit neuen gesellschaftlichen Machtverhältnissen im Ankunftskontext. In diesem Zwischenraum werden Zugehörigkeiten, Verantwortlichkeiten und politische Positionierungen fortlaufend neu verhandelt. Feministische Solidarität erscheint dabei als Prozess, der Differenzen nicht auflöst, sondern sie als Ausgangspunkt gemeinsamer Handlungsfähigkeit nutzt. Deutlich wird, dass Differenz in diesem Kontext nicht nur entlang nationaler Grenzen verläuft, sondern sich auch innerhalb der iranischen Diaspora sowie zwischen verschiedenen diasporischen Gruppen manifestiert. Solidarität entsteht somit nicht aus vorausgesetzter Gemeinsamkeit, sondern aus der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit divergierenden Erfahrungen, ungleichen Ressourcen und asymmetrischen Anerkennungsverhältnissen.

        Vor diesem Hintergrund wird die Verschiebung von einem primär transnationalen Verständnis von Solidarität hin zu einer transversalen Praxis analytisch zentral. Während ersteres territoriale Bezüge überschreitet, bezeichnet Letzteres eine dialogische Haltung, die auf reflexiver Standortverschiebung, wechselseitiger Anerkennung und ethisch verstandener Fürsorge basiert. Ihr normativer Kern liegt nicht in harmonischer Einheit, sondern in der Fähigkeit, komplexe Beziehungen trotz Differenzen aufrechtzuerhalten – selbst unter Bedingungen von Konflikt, Erschöpfung und möglichem Scheitern.

        Bio
        Bahar Oghalai ist Sozialwissenschaftlerin und Promotionsstipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie promoviert an der Universität Koblenz zu Politisierungsbiografien migrantischer Feministinnen aus dem Iran in Deutschland. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit Feminismus, Rassismuskritik, Migration und Diaspora und publiziert regelmäßig zu diesen Themen.

        Speaker: Bahar Oghalai
      • 15
        Queere Jugendarbeit.Wie sich postheteronormative und postemanzipatorische Räume gestalten lassen

        Junge queere Menschen sind aktuell mit widersprüchlichen Entwicklungen ihrer Lebenswelten konfrontiert. Mediale Repräsentation und die Inklusion in Peergroups verheißen sichtbare Anerkennung. Gleichzeitig sehen sie sich neuen Gewaltdrohungen und fortgesetzten Diskriminierungen ausgesetzt. In diesem Spannungsfeld entwickeln sich Emanzipationsvisionen, die junge Menschen insbesondere als Druck erleben: Sie nehmen es als Notwendigkeit an, trotz aller Widerstände Coming-outs ‚erfolgreich‘ bewältigen und eine vermeintliche ‚Politik‘ ihrer Beziehungen, Selbstgestaltung und Identität erklären zu können. Junge queere Menschen oszillieren damit beständig zwischen den Imaginationen der ‚Happy Queers‘ (Ahmed) und der störenden ‚Anderen‘ (Fütty).
        Diese paradoxe Situation adressieren Angebote der queeren Jugendarbeit. Durch ihre Benennung als queerer Raum, durch methodische Ausgestaltung und Beziehungsarbeit schaffen sie dreierlei: Erstens entlastet queere Jugendarbeit junge Menschen, indem sie queeres Leben aus der Notwendigkeit enthebt, sich zu erklären. Zweitens entstehen Bezugsweisen, die Diskriminierungserfahrungen kollektivieren und positive queere Welt- und Selbstbezüge herstellen. Drittens eröffnen die Angebote Möglichkeiten unabgeschlossener Entwicklung, des Ausprobierens, die Position des questioning und der (anhaltenden) Transition.
        Zeitlich begrenzt gestaltet queere Jugendarbeit auf diese Weise postheteronormative und postemanzipatorische Räume: Heteronormativität und (die Anforderung zur) Emanzipation werden nicht negiert, aber zugunsten darüber hinausweisender Visionen zurückgestellt (Hartmann; Klenk). In kritischer Reibung und unvollständig entstehen Worldings, die jenseits (individuellen) Empowerments die Relevanz von strukturellen, kollektivierenden wie subjektivierenden Raumgestaltungen hervorheben.
        Der Beitrag rekonstruiert die Lebenssituation junger queerer Menschen und die Arbeitsweisen queerer Jugendarbeit auf Basis von Interviews mit der Zielgruppe, mit Jugendgruppenleitungen und Beobachtungen der Jugendarbeitspraxis. Er reflektiert, wie ein Worlding angesichts der Paradoxien der zweigeschlechtlichen Gesellschaft und der Emanzipation von diesen geschehen kann.

        Bio

        Dr.*in Folke Brodersen ist Post-Doc am Center for Diversity, Media and Law der Universität Gießen, Mitglied des Rats Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und ehrenamtliche Vorständ*in der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung für queere Bewegungen. Folke forscht zu queere Lebenswelten, queerer Jugendarbeit, Therapeutisierung und Subjektivierungsprozessen.

        Speaker: Folke Brodersen (Center for Diversity, Media and Law, JLU Gießen)
      • 16
        „von den Rechten wird unser Frausein und unser Altsein angegriffen“: Visueller Aktivismus der OMAS GEGEN RECHTS

        Die feministische Bewegung OMAS GEGEN RECHTS (OgR) hat mittlerweile via Insta-gram einen europaweiten Zusammenschluss unter dem Titel „Die Grand Dame des Antifaschismus“ verkündigt. Die im Call angesprochenen Krisen, die sich u.a. durch das Erstarken autokratischer Systeme kennzeichnen und sich in Angriffen auf FLINTA*-Personen äußern können, sind seit jeher Bezugspunkt dieser Bewegung. Ihren Ausgangs-punkt nahmen die OgR in den Protesten gegen die blau-schwarze Regierung in Österreich 2017; seitdem setzen sie sich gegen Antifeminismus, Rassismus und rechte Politiken ein, wofür sie regelmäßig von rechten Akteur*innen, wie FPÖ-Politiker:innen, angegriffen werden (Der Standard 2026).

        In unserem Vortrag analysieren wir auf der Grundlage von agonistischen Öffentlichkeits-theorien (Mouffe 2007), visuellem Aktivismus (Mirzoeff 2016) und „unruly practices“ (Halberstam 2012) den Aktivismus der OgR als politische Intervention gegen rechte Poli-tiken. Dabei untersuchen wir, wie die Bewegung durch visuelle Praktiken auf Instagram mobilisiert und wie Alter dabei als politische Ressource eingesetzt wird. Der Aktivismus der OgR wird somit nicht nur als Protest konzeptualisiert, sondern als eine Form des „Worlding“, also eine aktive Gestaltung und Bedeutungsstiftung von Welt und Öffentlichkeit durch visuelle Praktiken.
        Unsere Studie basiert auf einer qualitativen Analyse der Instagram-Posts von Januar bis November 2025 der zwei landesweiten österreichischen und deutschen Accounts (@omasgegenrechts (130.000 Follower) und @omas_gegen_rechts_deutschland (13.000 Follower). Die Ergebnisse zeigen, dass die älteren Aktivist:innen visuelles Sto-rytelling, Protestdokumentation und symbolische Selbstdarstellung strategisch einset-zen. In diesen Posts werden Formen von Worlding deutlich, die von Sorge und Wider-stand getragen sind; es werden gemeinsame Identitäten erzeugt und politische Positio-nen hervorgebracht.

        Bio
        Ricarda Drüeke ist Assoziierte Professorin am Fachbereich Kommunikationswissen-schaft der Universität Salzburg und Co-Leiterin des Programmbereichs Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion der interuniversitären Einrichtung Wissenschaft und Kunst. Sie forscht und lehrt zu digitalen Öffentlichkeiten und Protestbewegungen, Rural Media Studies und Smart Farming.
        Tanja Maier ist Direktorin des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock, wo sie die Professur für Kommunikations- und Medienwissenschaft vertritt. Sie lehrt und forscht zu visueller Kommunikation und Medienkultur, Social Media und Politik, Wandel von Bildern im Digitalzeitalter sowie Social Media, Sichtbarkeit und Alter.

        Speakers: Ricarda Drüeke (Universität Salzburg), Dr Tanja Maier (Universität Rostock)
      • 17
        Postdigitale Schulräume als Institutionen von (Nicht-)Zugehörigkeit

        Zugehörigkeit und Entfremdung sind zentrale Erfahrungen von Schüler*innen (Goodenow, 1993). Im Zuge der Digitalisierung verändern sich Zugehörigkeitsprozesse und intensivieren sich in digitalen Räumen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Simultanität von analogen und digitalen Praktiken. Dieser Einzelbeitrag stellt anknüpfend an das Konzept Worlding als Herstellung sozialer Welten und Yuval-Davis‘ (2006) Beitrag zur Bestimmung von Zugehörigkeit die Frage: Wie wird (Nicht-)Zugehörigkeit durch Praktiken des Worldings in postdigitalen Schulräumen performativ hervorgebracht und welche Rolle spielen dabei institutionelle Strukturen?
        Es wurden zwei Gruppendiskussionen und ein partizipatives Designprojekt mit einer Schulklasse einer Mittelschule durchgeführt. Diese Methoden erfassen Praktiken des Worldings durch partizipatives Einbeziehen der Schüler*innen-Perspektive (Redebeiträge, Post-Its und Digital Storytelling). Eine erste rekonstruktive Analyse der Daten zeigt drei wiederkehrende Praktiken des Worldings entlang sozialer Ungleichheitskategorien:
        1. Herkunft als Marker für Grenzziehung, adressiert als wiederkehrender Konflikt,
        2. Sprache als Norm, performiert in Othering-Prozessen von Schüler*innen und
        3. Gender als Binarität, materialisiert in geschlechtsspezifischen digitalen Gruppen.
        Schlussfolgernd lassen sich innerhalb postdigitaler Schulräume Praktiken des Worldings feststellen, welche insbesondere Herkunft, Sprache und Gender betreffen. Digitalität bleibt damit ambivalent: Einerseits ermöglicht sie den Schüler*innen Identifikation und erweiterte, digitale Zugehörigkeit, andererseits begünstigt sie Othering, indem Personen nicht eingeladen oder aus digitalen Chats entfernt werden.

        Quellen:
        Goodenow, C. (1993). The psychological sense of school membership among adolescents: Scale development and educational correlates. Psychology in the Schools, 30(1), 79–90.
        Yuval-Davis, N. (2006). Belonging and the politics of belonging. Patterns of Prejudice, 40(3), 197–214.

        Bio
        Selina Gartner hat Bildungswissenschaft studiert und arbeitet als Prae Doc im Arbeitsbereich Digitalisierung im Bildungsbereich, Zentrum für Lehrer*innenbildung an der Universität Wien. Der inhaltliche Fokus der Forschung liegt auf soziale und digitale Ungleichheit in Bildungsorganisationen.

        Speaker: Selina Gartner (Universität Wien)
    • Panels: Institutions, spaces, temporalities 02 (E) Seminarraum 13

      Seminarraum 13

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Carolin Zieringer
      • 18
        Feminist commoning as a decolonial practice of worlding. Experiences from Latin America

        This contribution draws on Silvia Federici’s Marxist feminist interpretation of commons (Federici 2018) to argue that commoning – the collective reorganization of life outside the capitalist logic – constitutes a concrete feminist and decolonial practice of worlding against the devastations of the “white supremacist capitalist patriarchy” (hooks 1984).
        Focusing on Latin America, conceived as the first laboratory of coloniality (Qujano 2011), the paper explores how communitarian feminists and indigenous movements articulate alternative worldings to the ones imposed by the “global coloniality of power” (Quijano 2011). Epistemologies such as “buen vivir” (Quijano 2011, Paredes 2008) resonate with Federici’s feminist understanding of the commons as a transformative practice for imagining and building decolonial-anticapitalist futurities.
        The Chilean case illustrates the operational dimension of these ideas. Initiatives such as comedores populares or the experience of the arpilleristas from Casa de la Mujer de Huamachuco, started during Pinochet’s dictatorship, were not merely survival strategies. They were acts of political reappropriation of communal activities and bonds that demonstrate how domestic labour can be transformed into a site of collective resistance.
        In a context of ecological collapse and systemic unsustainability, decolonial-feminist commoning of reproduction offers pathways toward what Federici (2018) calls a “re-enchantment” of the world. Ultimately, this contribution argues that alternative worldings are not mere utopias. They are already present in the everyday acts of those who are reweaving relations among bodies, communities, non-humans, nature and territories, against a system that has always depended on dismantling collective forms of life and solidarities (Federici 2004).

        Bio
        Chiara Langerame is a PhD student in Political Philosophy at the University of Salerno (Italy) where she is working on reproductive labour and decolonial feminist practices of commoning, drawing on Silvia Federici’s thought. She graduated cum laude (MA) in 2022 with a dissertation in Global Gender Studies.

        Speaker: Chiara Langerame (University of Salerno)
      • 19
        World Health Order: The Racial Grammar of Gender and Black Feminist Anti-Colonial Refiguration

        This paper examines how global health classifications participate in worldings that shape the past, present, and futurities of racialized and gendered populations. Focusing on the World Health Organization’s reclassification of gender from pathology in ICD-10 to a health-related category in ICD-11, I ask whether ostensibly progressive reforms may nonetheless reinscribe modern patterns of racialized gender governance. Without dismissing the importance of depathologizing gender, I argue that the ICD sustains regulatory authority by enacting conditions of intelligibility structured through colonial demands for transparency, determinacy, through evidence. Drawing on Denise Ferreira da Silva’s material critique of the ontoepistemology of race, I approach global health governance as part of a modern racial grammar that produces affectable existences while claiming universality and neutrality. The celebrated shift from disorder to incongruence may therefore reiterate racial subjugation through liberal inclusion that remains inseparable from authoritarian exclusion within the same ontoepistemological order. In Austria, diagnostic evidentiary standards shape asylum and healthcare procedures; in Brazil, they intersect with racialized regimes of affectability and lethal vulnerability. These are differentiated expressions of a deeply implicated world-making logic rather than isolated national developments. Methodologically, the paper combines discourse analysis and a relational genealogy to mobilize policy documents and trans movement advocacy, proposing inseparability as an empirical, political, and ethical orientation. It asks what black feminist anti-colonial refigurations become possible when health politics moves beyond modern determinacy toward transforming the grounds that render non-white existences affectable through global racial order.

        Bio
        Paula Maio de Siqueira (she/they) is a PhD candidate at the University of Innsbruck. Paula’s research approaches how global health classifications inseparably reproduce racialized-gender determinacy in international sites. Paula holds the GenderFem Prize 2024 and has a forthcoming article in the International Feminist Journal of Politics.

        Speaker: Paula Maio De Siqueira (Peace and Conflict Studies, University of Innsbruck)
    • Panels: Militarisation, borders, belonging 01 (E) Seminarraum 12

      Seminarraum 12

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Sujatha Subramanian
      • 20
        Tamazgha as a Contemporary Utopia

        This presentation aims at conceptualizing Tamazgha as a queer-feminist utopia, connecting the vision of decolonial living with the contemporary materialisation of land beyond (post-)colonial nation-state borders.
        Tamazgha is a neologism coined by the Amazigh Cultural Movement and represents an anti-hegemonic attempt at an Indigenous re-mapping of the land of the Indigenous Imazighen in North Africa, which was once colonised by Europeans and has now been postcolonially Ar-abised. The term envisions a re-Amazighised, re-Indigenised, decolonial, allied, solidarity-based, geographical living space beyond existing ((post-)colonial) nation-state borders, Europe-an neocolonialism, and Arab hegemony.
        Previous studies on Tamazgha neither conceive of Tamazgha as a utopia nor address gender-related issues. Therefore, this paper aims, firstly, to conceptualise Tamazgha as a utopia: Rather than constructing utopia as a fantasised, fictional, futuristic and unattainable end-state, this presentation understands utopia in the sense of utopian moments in the present as an action-guiding, social process of transformation that can already be found in current practices. This process of transformation is based on a critique of existing social orders, a belief in a possible better future, and active action towards that future. Developed from a critique of postcolonial structures and nation-state borders in North Africa and the vision of a decolonial, re-Amazighised land, I understand Tamazgha as a utopia insofar as resistant practices are currently creating lived realities that concretely realise the vision of Tamazgha.
        Secondly, this paper aims to examine how the utopia of Tamazgha manifests itself in queer-feminist practices and how, in and through these, allied Amazigh futures are actively created beyond the boundaries of the nation-state. In doing so, Tamazgha brings together not only fu-ture-oriented vision and the present, but also the materialisation of Indigenous land, making Tamazgha a decolonial, queer-feminist, re-Indigenised worlding.

        Bio
        Inès Moumen
        arbeitet und promoviert am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck und forscht zu dekolonialen, queer-feministischen Perspektiven in und auf Körper, Epistemologien, Methodologien und Empowerment im Kontext Diaspora mit einem Fokus auf die amazighische Diaspora. Inès Moumen kommt aus der antirassistischen und empowerment-orientierten Bildungsarbeit und ist zudem kunstschaffend.

        Speaker: Inès Moumen
      • 21
        Between Care and Confinement: Memory, Poetry, and Women’s Resistance in Greece

        Ethnographic poems offer insights into the everyday resistances of different generations of female activists in Greece: women involved in the resistance during the occupation, women politically active under the military dictatorship, and contemporary activists. Drawing on concepts of queer temporality, the poems are understood as a means of queering linear representations of political struggle.
        The contribution demonstrates how contested memories shape ideas, concepts, and actions that actively world alternative futures and enable continued struggle and a re-imagination of trajectories of the present. At the same time, the poems serve as a tool through which I as a researcher negotiates memories from the field, forming a polyphonic medium attentive to the fragmentary quality of biographical experiences (of violence) and field work itself (often marked by violence as well). The poetic format constitutes a feminist and queer epistemic intervention privileging relationality, affect and fragmentariness over linear modes of knowledge production. As a research method and product, the poems trace cross-generational continuities of resistance alongside experiences of gendered and political violence. They weave together practices of solidarity and care across public, private, including prisons and trace alliances that cut across time and contexts.
        Poems are read and short ethnographic vignettes will provide insight into the field contexts in which the poems were written, while also forming an analytical framework. By doing so the contribution engages with narratives and memories (as embodied, relational and contested processes) through which the past and possible futurities are negotiated.

        Bio
        Christina Sterniša is currently a university assistant in the Department of Southeast European History and Anthropology at the University of Graz. For her PhD she is conducting research on the culture of remembrance of the Greek resistance during the 1940s. Sterniša focuses on female experiences of resistance, transgenerational memory threads, narrative forms, and various writing formats such as ethnographic poems. Her other research interests include representations of and writing about (sexualized) violence and mechanisms of silence in relation to field research processes and academia.

        Speaker: Christina Sterniša (Universität Graz)
      • 22
        Singing in Concert as Resistant Worlding: Lampedusa, the Mediterranean Deathscape, and the Politics of Breathing

        The violence of the European border regime has turned the Mediterranean into one of the world’s deadliest borderscapes. However, the Mediterranean is not only a necropolitical space permeated by racialized, gendered, and neocolonial technologies of securitization and control. Instead, it also provides a space for resistant worldings.
        My paper focuses on practices of resistant world-making vis-à-vis the criminalization of maritime migration by European governments. Introducing a scene of singing in concert during the commemoration of the 3 October 2023 shipwreck off the coast of Lampedusa, I argue that singing creates a shared space: a community of solidarity that renews embodied relationships between those singing, those who survived, and those who died. Singing in concert challenges the EU’s necropolitical border regime.
        Based on my field research on Lampedusa, my paper discusses a scene of shared singing at the beginning of the commemoration on 3 October 2024, organized by Comitato 3 Ottobre—a locally organized association—and other local initiatives and activists: When we sang “Ode to Joy” (“European Anthem”), the Italian national anthem “Il Canto degli Italiani” (or: “Fratelli d’Italia”), and “Non Siamo Pesci” (“We Are Not Fish”), a protest song written by Chris Obehi, an ambivalent worlding unfolded. In my paper, I unpack the various political layers and colonial traces of this scene of ambivalent worlding. Following Arendt’s conception of the political as a lifeworld in which communities bring themselves into being through action in concert, I introduce singing in concert a powerful force to resist necropolitical normalization of practices of letting die. Therefore, my paper draws on feminist theories of singing in the Arendtian tradition, such as those of A. Cavarero, J. Butler, and G.Ch. Spivak, and connects these with Black feminist and postcolonial reflections on the politics of breathing (A. Mbembe, A. Emejulu).

        Bio
        Mareike Gebhardt (sie/ihr) is Endowed Professor for Migration, Internal Border Regimes, and Bureaucracy at the University of Applied Sciences St. Pölten. Using a feminist and postcolonial lens, her works focus on the production of otherness through border work in European democracies. She has a background in political theory, with a particular interest in poststructuralism and critical theories, and works at the intersection of migration and border regime studies and gender studies. The last four years (2022-26), Mareike co-lead the Gerda Henkel Foundation research group ZivDem on civil search and rescue in the Mediterranean at the universities of Bonn and Münster.

        Speaker: Mareike Gebhardt
      • 23
        Po_ethics of Worlding With_For the Trans*cestors

        "Girl, I will put your photo on my ancestral altar to remember all of
        us who never jumped. Miss Johnson, your meanings sparkle like stars
        dappled across the piers of the Hudson River. Gathered on the bridge
        we resist the water."

        Ethical questions around H/history, memory, archives, temporality and kinship are at the center of transfeminist politics when many of us choose to look for trans*cestors – or historical figures that were or can be interpreted as trans* or gender non-conforming – in the past to fight for current presence and future survival. However, as I argue, the strategy of 'we have always been here' requires a practice of re-membering – a worlding for and with – that stands against gestures of neo-colonial appropriation, orientalist nostalgia and romanticizing commodifications often at play when these bonds are forged (and queered?). How do we look after the most vulnerable of our community like 'icon' Marsha P. Johnson, whose life, legacy and spectral presence far exceed, but are often narratively limited to the myth of Stonewall or the violence of her death and a search for justice embedded in a carceral logic contradicting her actual politics? Informed by Saidiya Hartman’s critical fabulations I am close-reading Cherokee Two Spirit writer Qwo-Li Driskill's poem For Marsha P. (Pay It No Mind!) Johnson. I am looking for trans*temporal touches* (Dinshaw) or moments that intimately re-member Marsha, care-fully step into community with her and world belonging otherwise (Bradway and Freeman).

        Bradway, Tyler and Elizabeth Freeman. "Introduction: Kincoherence/Kin-Aesthetics/ Kinematics." Queer Kinship: Race, Sex, Belonging, Form, edited by Tyler Bradway and Elizabeth Freeman, Duke University Press, 2022, pp. 1–22.
        Dinshaw, Carolyn. Getting Medieval: Sexualities and Communities, Pre- and Postmodern. Duke University Press, 1999.
        Hartman, Saidiya. "Venus in Two Acts." Small Axe, vol. 12 no. 2, 2008, p. 1-14.

        Bio
        Kilian Schmidt (they/them), B.A. Applied Literary and Cultural Studies (TU Dortmund University); currently pursuing M.A. Gender & Queer Studies (University of Cologne). Their work focuses on the intersections of Trans* and Migration Studies with a decolonial, anticapitalist, and queer-feminist lens.

        Speaker: Kilian Schmidt (Universität zu Köln)
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 01 (D) Seminarraum 11

      Seminarraum 11

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Paul Scheibelhofer (Institut für Erziehungswissenschaft)
      • 24
        Transgeschlechtlickeit(-en) im Koran, in den Ahadith und im klassischen Tafsir

        Der geplante Vortrag, der im Rahmen einer Masterarbeit entstanden ist, versucht die verschiedenen Konstruktionen von Transgeschlechtlichkeit(-en) im Koran, in den Ahdaith und im klassischen Tafsir zu untersuchen und arbeitet aus einer kulturwissenschaftlich orientierten Koranwissenschaft heraus. Ausgangspunkt dazu ist die Feststellung, dass Transgeschlechtlichkeiten in den Theologien vor allem apologetisch oder transfeindlich behandelt werden. Ziel dieses Vortrags ist wiederum eine genuine text- und ideengeschichtliche Darstellung, die zugleich reflektiert, wie diese Texte in Erinnerungskulturen zeitgenössischer trans Menschen nutzbar gemacht werden können. Beleuchtet werden einschlägige Koranverse, wie Q 24:31, deren Auslegungen in verschiedenen Tafasir, sowie verschiedene Ahadith, vor allem mit Bezug auf die Muchannathun. Gefragt wird, in welchen literarischen und normativen Kontexten Transgeschlechtlichkeit sichtbar wird, wie sie begrifflich und sozial gerahmt werden und vor welchem spätantiken Hintergrund diese Konzepte stehen. Im Fokus stehen dabei früharabische Geschlechts- und Sexualitätskonstruktionen, aber auch die Verbindung zu christlich-hellenistischen und rabbinischen Vorstellungen. Methodisch wird dem Konzept der Erinnerungskultur der Assmanns sowie der posttranssexuellen Theorie Sandy Stones gefolgt, um einen „Türöffner“ für die Relektüre spätantiker Texte aus einem trans Blickwinkel zu haben, bei gleichzeitiger Wahrung der historisch-kritischen Methode. So werden die Texte als „prä-transsexuell“ gelesen, sprich als Texte vor der mediko-psycho-legalen Fixierung von „Transsexualität“ und es wird ausdrücklich auf anachronistische Gleichsetzung verzichtet. Ziel ist es, die historischen Geschlechterkonzeptionen differenziert herauszuarbeiten und ihren möglichen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten aufzuzeigen, um Transgeschlechtlichkeit im islamischen Kontext kritisch zu reflektieren.

        Bio
        B.A. in Historisch orientierten Kulturwissenschaften (mit Schwerpunkt Biblische Theologie) und Gender Studies an der Universität des Saarlandes, gegenwärtig Masterstudium der Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Biblische Theologie des Zentralinstituts für Katholische Theologie und im Forschungsprojekt „Exploring and Activating the Democratic Potential of Religion in Times of Growing Anti-Semitism and Racism“

        Speaker: Diva Emily Lailah Azadeh Strauß (Humboldt-Universität zu Berlin)
      • 25
        Patriachale und feministische frühneuzeitliche Welten. Die Bedeutung der Frühen Neuzeit in feministischen Debatten des 21. Jahrhunderts

        Hexen erfreuen sich in Filmen, Büchern, Serien und auf Social Media aktuell erneut großer Beliebtheit. Wie schon in den 1970er/1980er Jahren wird die frühneuzeitliche Hexenverfolgung als Beispiel einer Verfolgung von Frauen benannt und die Figur der „Hexe“ als feministisches Role-Model umgedeutet. Dabei entsteht das Bild einer transepochalen Schwesternschaft im Kampf gegen ein als überzeitlich wahrgenommenes Patriachat.
        Derartige Narrative finden sich nicht nur in der populären Geschichtskultur, sondern ebenso in der feministischen Literatur: Rebecca Endlers Sachbuch Witches. Bitches. It-Girls. Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen (2025) trägt diese überzeitliche Verbundenheit direkt im Titel, während Mona Chollet in ihrer Streitschrift Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen (dt. 2020/frz. 2018) Hexen als Form des Empowerments herausgreift.
        Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf Hexendiskurse. In unterschiedlichen Medien wird ein als epochenübergreifend wahrgenommenes Patriachat in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen vom Mansplaining bis hin zu #metoo aus feministischer Perspektive verhandelt. Die Frühe Neuzeit als „Zeitalter der Hexenverfolgung“ spielt hier eine zentrale Rolle.
        Der Vortrag fragt nach der Bedeutung der Frühen Neuzeit in diesen feministischen Debatten. Welche narrativen Funktionen erfüllt der Rückgriff auf eine Vergangenheit, die Jahrhunderte zurückliegt? Wie werden die Verbindungen zwischen heutigen und historischen Formen der geschlechtsspezifischen Diskriminierung, aber auch feministischer Solidarität diskutiert?
        Der Fokus liegt hierbei auf feministischer Literatur wie den genannten Titeln von Endler und Chollet, um nur zwei Beispiele zu nennen. Dabei stellt sich auch die Frage, inwiefern der aktuelle Rückgriff auf die Frühe Neuzeit im Allgemeinen und die Hexenverfolgung im Speziellen eine Kontinuität zu den Debatten der zweiten Welle der Frauenbewegung darstellt oder inwiefern sich diese voneinander unterscheiden.

        Bio
        Lena Oetzel ist Frühneuzeit-Historikerin und außerplanmäßige Professorin am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Sie beschäftigt sich u.a. mit frühneuzeitlichen Friedenskongressen, Diplomatie, Herrschaft und Geschlecht in der Frühen Neuzeit. Ihr aktuelles Projekt untersucht die Frühe Neuzeit als Epoche in der Geschichtskultur.

        Speaker: Lena Oetzel (Universität Salzburg)
      • 26
        Eine queere Lesart vom Galaterbrief 3,28: Die Gleichheit aller Menschen in Christus Jesus

        Zwischen der biblischen Taufformel im Neuen Testament, Galaterbrief 3,28c, und den ersten geschaffenen Menschen in der Septuaginta in LXX Genesis 1,27 und LXX Genesis 5,1–2 besteht ein Zusammenhang, der auf identisches Vokabular zurückzuführen ist. Aus feministischer Perspektive leitet sich die Gleichheit von Mann und Frau von ihrer gleichzeitigen göttlichen Erschaffung in diesen Versen der Septuaginta (eine der antiken jüdischen Übersetzungen der Hebräischen Bibel ins Griechische, abgekürzt als LXX) ab. Bereits der Apostel Paulus könnte den egalitären Aspekt in diesen Stellen über die Schöpfung erkannt und daher die ursprüngliche Gleichheit aller geschaffenen Menschen in Christus Jesus bekräftigt haben. Aus heutiger queerer Perspektive, in welcher die Diskriminierung sogenannter „Homosexueller“ in christlichen Gemeinschaften oft noch immer Realität ist und in welcher die Unterscheidung nicht nur zwischen homo- und heterosexuellen Menschen, sondern auch zwischen queeren und straighten Menschen getroffen wird, wird die Abschaffung solcher Formen der Diskriminierung in diesen paulinischen Ausspruch in Galaterbrief 3,28 im Zusammenhang mit der Taufe hineininterpretiert – zusätzlich zur Abschaffung der religiösen Diskriminierung von Nichtjüd_Innen, der sozialen Diskriminierung von Sklav_Innen und der sexuellen Diskriminierung von Frauen. Laut gegenwärtiger queerer Lesart von Genesis 1,27 schuf Gott im ersten Schöpfungsbericht die gesamte Menschheit in ihrer Bandbreite von verschiedenen Geschlechtern und Geschlechtlichkeiten. Aus queerer Perspektive liegt es daher auf der Hand, die in der Taufformel in Galaterbrief 3,28 erwähnte Einheit in Christus Jesus heute als eine Einheit zu betrachten, die auch queere Christ_Innen einschließt.

        Bio
        Mag. theol. Karin Hügel PhD, Research Fellow an der Universität Wien, ist eine Theolog_in mit Fachkenntnissen in den Bereichen Bibelwissenschaften, Jüdische Studien, Kunstgeschichte, Geschlechterstudien und Queerstudien. Sie veröffentlichte kürzlich Studien zu queeren Lesarten der Hebräischen Bibel, Biblical Interpretation Series 235, Leiden, Brill 2025.

        Speaker: Karin Hügel (Universität Wien)
      • 27
        Resonanzen säkularistischer Diskurse in qualitativer Forschung: Pathologisierung, Vergeschlechtlichung, Kolonialisierung

        Der Kontext des Beitrags ist die kritische Forschung zur Säkularität, in der die Binarität von Säkularität und Religiosität infrage und die Gleichzeitigkeit und Ko-Konstitution in den Vordergrund gestellt werden. Dabei geht es u.a. darum, dass bei antifeministischen und -genderistischen Perspektiven nicht Religiosität das Problem darstellt, sondern der Heterosexismus und Rassismus. In diesem Kontext befasst sich der Beitrag mit der Präsenz säkularistischer Diskurse in qualitativ-empirischer Forschung. Der Fokus liegt dabei darauf, wie diese von drei (feministischen) Teilnehmerinnen eines Projekts zu Erfahrungen während COVID in ihre Erzählung eingewoben werden. Exemplarisch werden drei Diskursstränge herausgearbeitet: die Psychopathologisierung nichtnormativer religiöser Erfahrungen, die vermeintliche Rückwärtsgewandtheit alles Religiösen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität sowie die kolonialistisch entwickelte Konstruktion eines rückwärtsgewandten Islam. Die Diskurse werden als strukturgebend und wirksam für Erzählpassagen erkannt und stellen somit eine ähnliche Herausforderung für den Umgang mit Machtbeziehungen in qualitativer Forschung dar, wie es sich bereits in anderen Bereichen, wie etwa der Sexualitätsforschung, gezeigt hat.
        Das Worlding ist hier im Vorfeld schon passiert bzw. gegenwärtig, indem sich in der Moderne entsprechende machtwirksame Diskurse über Religiosität und insbesondere nicht-christliche außereuropäische Gesellschaften entwickelt haben, die nach wie vor im cultural archive (Said) präsent sind. Das Worlding wird im Interview zugleich in Frage gestellt und reifiziert, indem ungefragt auf diese Diskurse eingegangen und sich gegen sie verteidigt oder aber auch geschwiegen wird. Der Vortrag soll für diese Problematik sensibilisieren, um Gräben zwischen religiösen und säkularen Feminismen überbrücken zu helfen.

        Bio
        Sabine Grenz ist Professorin für interdisziplinäre Gender Studies an der Universität Wien, an der sie auch das Referat Genderforschung leitet. Ihre derzeitigen Forschungsinteressen sind Postsäkularität und Feminismus sowie feministische Epistemologie und Methodologie.

        Speaker: Sabine Grenz (Universität Wien)
    • Panels: Nicht-menschliche Welten 01 (D) Kleiner Hörsaal

      Kleiner Hörsaal

      Ágnes-Heller-Haus, UG Innrain 52a, 6020 Innsbruck
      Convener: Chriz M. Klapeer
      • 28
        Wor(l)ding als reparative Praxis: Feministische, dekoloniale und mehr-als-menschliche Welterzeugungen

        Im Anschluss an das Konferenzthema möchte ich mit meinem Beitrag wor(l)ding als reparative Praktik für feministische, dekoloniale sowie mehr-als-menschliche Seins- und Weltweisen diskutieren. Reparativ ist eine solche Praxis, im Sinne Eve Kosowsky Sedgwicks (2003), da sie nicht nur strukturelle Ungleichheitsverhältnisse sichtbarmacht, sondern vor allem, da sie einen hoffnungsvollen, zukunftsgerichteten Versuch ausdrückt, in diesen Strukturen zu überleben und sie zu verändern. Dafür verfolge ich ein zweiteiliges Vorhaben, das die Verbindung von Welterzeugung und Praktiken des Schreibens (wor(l)ding) in den Mittelpunkt stellt:
        In einem kurzen genealogischen Rückblick markiere ich zunächst die Untrennbarkeit von sprachlichen, semiotischen und materiellen Prozessen und Praktiken der Welterzeugung als tief verankert in feministischen Traditionen. Hierbei erarbeite ich, wie ein solch schreibendes Welterzeugen Fragen feministischer Subjektivität diskutiert (Cixous 1975), mehr-als-menschliche Körperlichkeiten in den Blick nimmt (Kirby 1997; Haraway 2008, 2018) und Kolonialität verhandelt (Spivak 1990). Vor diesem Hintergrund stellt sich wor(l)ding sowohl als Intervention in patriarchale, anthropozentrische und kolonial-rassistische Ordnungen sowie als epistemisch-materielles Gewaltinstrument heraus. Diese verschränkte Wirkweise, so möchte ich in einem zweiten Schritt aufzeigen, manifestiert sich in der ethnographischen Praxis der Anthropologin Marisol de la Cadena. Ihren Ansatz des co-laboring (2015) lese ich als feministisch-dekoloniale und plural-ontologisch informierte Perspektive des wor(l)ding, das eine mögliche Verbindung zwischen Indigenen und nicht-Indigene Welten und, darin eingeschlossen, zwischen Menschen und Nicht-Menschen vorführt.

        Bio
        Alina Sabransky arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der UzK am Arbeitsbereich für Organisation, Technik und Geschlecht (Prof*in Eva Sänger). Ihre Dissertation untersucht den Zusammenhang zwischen feministischen Schreibpraxen, neuen Materialismen und Emanzipation(en). Sie ist Mitglied eines inter- und transdisziplinären Kollektivs, das sich mit kompostistischen Praktiken der Wissensproduktion in/mit mehr-als-menschlichen Beziehungen beschäftigt.

        Speaker: Alina Sabransky
      • 29
        Techniksolutionistische Versprechen: Ökologisch nachhaltige Welten mit KI hervorbringen?

        Künstliche Intelligenz (KI) und ökologische Nachhaltigkeit entfalten spannungsvolle Intra - Aktionen. Während sich manche von KI einen «tech fix» für ökologische Krisen versprechen, betonen andere unter Verweis auf die kaum abzuschätzenden, materiell - ökologischen Effekte der Entwicklung und Nutzung von KI, die «Unmöglichkeit» nachhaltiger KI. Vor diesem Hintergrund möchte der Vortrag zu einer «sorgsamen Auseinandersetzung» (Maria Puig de la Bellacasa 2011) mit gegenwärtigen soziotechnischen Dynamiken beitragen, um «Sorge/Besorgnis» um die komplexen Verflechtungen von Technowissenschaft, Materialitäten und Macht in mehr-als-menschlichen Welten zu «generieren».
        Theoretisch schließt er an (queer-)ökofeministische und neomaterialistische Perspektiven an, die eine Trennung und dualistisch-hierarchische Gegenüberstellung von «Technik» und «Natur» in Frage stellen (u.a. Plumwood 1993; Cielemęcka & Daigle 2019). Empirisch untersucht er anhand ausgewählter Fallbeispiele, wie in (1) Politik, (2) Wissenschaft und (3) Wirtschaft «versprochen» wird, ökologisch nachhaltige Welten mit KI hervorzubringen.
        Um unser Verständnis davon anzureichern, wie KI und ökologisch nachhaltige Welten diskursiv «ko-produziert» (Ozaki, Shaw & Dodgson 2013) werden, trägt die Analyse folgende, von Maria Puig de la Bellacasa (2011) inspirierte Fragen, an das empirische Material heran:
        - Was wird unter ökologischer Nachhaltigkeit verstanden, wie soll diese hervorgebracht werden und welche Rolle wird KI dabei zugewiesen?
        - Welche Vorstellungen von «Natur», «Technik» und ihrem Zusammenspiel liegen diesen Versprechen zugrunde?
        - Für wen oder was wird dabei «Sorge getragen», und wer oder was wird vernachlässigt oder auch ignoriert?
        Eine solch «sorgsame Auseinandersetzung» mit sogenannter «nachhaltiger KI» hat das Potential, «Spekulationen» darüber zu eröffnen, wie Zukünfte aussehen könnten, die «bessere Welten» (Haraway 1988) Realität werden lassen, die für alle lebbarer sind.

        Bio
        Bianca Prietl ist Professorin für Geschlechterforschung mit Schwerpunkt Digitalisierung und Co - Leiterin des Zentrums Gender Studies der Universität Basel. Ihre Arbeiten sind in den Feminist Science and Technology Studies situiert. Aktuell beschäftigen sie unter anderem die materiellen Dimensionen von KI und die Anstrengungen, Nachhaltigkeit mittels KI herzustellen.

        Speaker: Bianca Prietl
      • 30
        Hilda und die posthumanistische Familie. Eine narratologische Analyse inter-spezies-eller Beziehungen in den Hilda-Comics

        „Well that was weird. But what isn’t in this place.“ (Pearson 2021)

        Die Welt der Hilda-Comics ist eigenartig. In der von 2010 bis 2019 erschienenen Reihe von Luke Pearson tummeln sich die verschiedensten Fabel- und Lebewesen. Trotzdem scheint es nur für die titelgebende Protagonistin Hilda normal zu sein, sich mit nicht-menschlichen Lebewesen solidarisch und familiär zu verbinden – selbst in herausfordernden Situationen: Hilda stays with the trouble. Wie diese Verbindungen konkret aussehen und welche Bedeutung ihnen für ein post-humanistisches Worlding zukommt, möchte ich im Vortrag erarbeiten.
        Die normativen Konstrukte Familie und Verwandtschaft verorten Subjekte innerhalb gewaltvoller Kategorisierungen wie Geschlecht, race oder Spezies. Die Narration der Familie in den Hilda-Comics dient jedoch dazu, eine solidarische Verbindung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen herzustellen. Dadurch findet eine Bedeutungsverschiebung statt, die normative Vorstellungen von Verwandtschaft aufbricht. Es entfalten sich Beziehungen, die wie Donna Haraways Gefährt*innenschaft auf Verantwortungsübernahme und Reaktionsfähigkeit beruhen. Dieser Prozess ist nicht nur in der fantastischen diegetischen Welt begründet, sondern unter anderem durch die formale Struktur des Medium Comics bedingt. Comics sind Orte bzw. Medien des queeren und post-anthropozentrischen Worldings; durch das Formelement der Wiederholung werden Normen und Binaritäten anthropozentrischer Kategorisierungen und Materialisierungsprozesse aufgebrochen und es gibt Platz für Alternatives, Widerständiges und Darüber-hinaus-Mögliches.
        Mittels narratologischer Comics-Analyse beschäftige ich mich damit, wie inter-spezies-elle Beziehungen in Hilda erzählt werden. Dabei ist mir ein kritischer epistemologischer Zugang im Sinne von Situiertem Wissen wichtig. Auf Basis von Jack Halberstams Low Theory gehe ich außerdem davon aus, dass die Comics-Reihe zeigt, wie eine andere, queere, post-anthropozentrische Art des In-Beziehung-Tretens möglich ist. Wir können viel von Hilda lernen.

        Bio
        Veronika Erin Sedelmaier, BA
        Akademische Erfahrung
        • Aktuell Masterstudium Gender Studies (Universität Wien), Schwerpunkte: Comics,
        Queer/Crip Theorien, Posthumanistische Theorien, Narrationsanalyse
        • 2015 – 2020: Bachelorstudium Deutsche Philologie, Wien
        Aktivismus
        • seit 2024: Frauenhetz – feministische Bildung, Kultur und Politik
        • seit 2019: queerconnexion – Verein für queere Bildungsarbeit
        • Veröffentlichungen literarischer Beiträge z.B. in UNDheft, Queerulant_in

        Speaker: Veronika Erin Sedelmaier
      • 31
        Sorge um die Welt: Care-Ethiken zwischen Gender, De-Kolonialität und Ökologie

        Care-Ethiken gehen davon aus, dass Menschen grundsätzlich aufeinander angewiesen sind – durch Verletzbarkeit, Abhängigkeit, Alter, Krankheit, Beziehung, soziale und materielle Bedingungen (u.a. Butler 2005, 2020, Tronto 1990, 2013, Gilligan 1982). Im Unterschied zu traditionellen Ethiken die den Gesamtnutzen (Utilitarismus), die universellen Pflichten (Kant) und Tugendethiken (Aristoteles) im Fokus haben und das Individuum bzw. den weißen, westlichen, cisgeschlechtlichen, heterosexuellen Mann in den Mittelpunkt stellen, werden in den Care-Ethiken Beziehungsgeflechte, wechselseitige Abhängigkeiten, verwundbare Körper und Emotionen thematisiert.
        In diesem Vortrag möchte ich neue Formen von Care-Ethiken wie etwa Planetare Ethiken (Haraway), Ethiken der Verletzbarkeit/Prekarität (Butler) und Caring Democracy (Tronto) nach deren Gemeinsamkeiten und Differenzen befragen. Inwieweit sind diese Ansätze miteinander kompatibel, antagonistisch, ausschließend oder ergänzend? Wie wirken genderspezifische, dekoloniale und ökologische Ansätze zusammen und wo werden Unterschiede sichtbar? Zeitgenössische Ansätze, wie beispielsweise der material feminism und der nonhuman feminism, hinterfragen dabei binäre Denk- und Seinsweisen – etwa „Kultur versus Natur“, „Mensch versus Tier“ oder „Körper versus Geist“ – und schlagen alternative Logiken vor. Im Zentrum steht hierbei der Zugang der Relationalität, der die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen menschlichen aber auch nicht-menschlichen Akteur:innen in den Blick nimmt. Gleichzeitig werden in den planetaren Zugängen oft Macht-, Herrschafts-, Ausbeutungs-, Gewalt- und Umverteilungsverhältnisse vernachlässigt.
        Am Ende des Vortrags werden Denkansätze vorgestellt wie sich die Potenziale dieser unterschiedlicher Care-Ethiken zusammenführen lassen.

        Bio
        Mag.a Dr.in Kirstin Mertlitsch ist Senior Scientist und Leiterin des Universitätszentrums für Frauen*- und Geschlechterstudien und Diversität an der Universität Klagenfurt. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind: Gender und Queer Studies, Intersektionalitäts- und Diversitätsforschung, Gender und Diversitäts-Epistemologien, Feministische Philosophie, New Materialism und Feminist Environmentalism.

        Speaker: Kirstin Mertlitsch (Universitätszentrum für Frauen*- und Geschlechterstudien und Diversität, Universität Klagenfurt)
    • Panels: Sorge, Ökonomie, Körper 01 (D) Seminarraum 9

      Seminarraum 9

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock
      Convener: Laura Volgger (Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck (CGI))
      • 32
        Militarisierte Körper. (Un-)Sicherheit – Militarisierung – Krieg

        Wir beobachten gegenwärtig massive gesellschaftliche Transformationsprozesse, wie das Militärische das Zivile zunehmend dominiert, indem Prozesse der Militarisierung – implizit/explizit, wohldosiert/radikal – in gesellschaftlich relevante Felder wie Bildung, Forschung, öffentlicher Diskurs eindringen, mit dem Ziel letztlich alle Sozialbeziehungen für den Aufbau einer nationalstaatlichen Resilienz zu umfassen. In welchem Ausmaß das Gewicht zugunsten des Militärischen bereits verschoben wird, lässt sich nicht nur an den hohen Rüstungsausgaben festmachen, sondern auch in der Verschränkung einer Medien- und Kriegslogik, die hegemoniale Diskurse basierend auf einem „militärischen Risikobild“ verbunden mit Bedrohungen ausschließlich von außen (u.a. Flüchtlingsströme) durch endlose Wiederholungen festigt und festschreibt. Diese gegenwärtigen Krisen- und Kriegslagen bedingen wiederum (militarisierte) Geschlechtskörper, kollektive wie individuelle Körper als Ressourcen des Kampfes und als Objekte der Disziplinierung (Warburg 2008). Eine zuletzt großangelegte „Attraktivitätsoffensive“ des Österreichischen Bundesheeres hat für Soldat*innen mit einem eigenen Frauenförderprogramm im Rahmen von Gleichstellungspolitik und Gleichbehandlung in den Medien und im öffentlichen Raum geworben, mittlerweile mit Blick auf eine angedachte Wehrpflicht für Frauen* im Sinne von „Wehrgerechtigkeit“. Die Gefahr, dass diese militärische Umgestaltung der Welt zunehmend akzeptiert und als normal wahrgenommen wird, resultiert nicht nur aus dem verstärkten Einsatz von militärischer Gewalt, sondern gerade auch aus den diese Einsätze legitimierenden Diskursen über (Un-)Sicherheit und Bedrohung.

        Im Vortrag wird im Kontext dieser maskulinistischen Kriegslogik der Frage nachgegangen, inwieweit Prozesse sozialer Entsicherung bedingt durch wachsende Prekarität und Ungleichheit die Grundlage für die politische Instrumentalisierung von Unsicherheit bilden und so gesellschaftliche Militarisierungsprozesse und militärische Gewalt legitimiert werden. Weiters wird gefragt, welche konkreten Utopien wir dagegensetzen können.

        Bio
        Irmtraud Voglmayr, Medienwissenschaftlerin und Soziologin. Langjährige Univ.- Lektorin im Bereich Feministische Medienforschung und Gender Studies an den Universitäten Wien, Salzburg und Klagenfurt; Lektorin an der BOKU Wien und TU Wien zu Stadt- und Raumforschung. Aktiv in der Feministischen Bildungsstätte „Frauenhetz“. Mitherausgeberin des Buches „Krieg und Friedensbewegung: Feministische Perspektiven“ (2025).

        Speaker: Irmtraud Voglmayr
      • 33
        Wenn Inklusion nicht andockt. Eine Analyse kritischer Vorfälle durch eine stillende Wissenschaftlerin bei der Arbeit

        Obwohl Mütter 21,52 % der erwerbstätigen Bevölkerung in Österreich ausmachen (Statistik Austria 2025), wird der Mutterkörper am Arbeitsplatz weiterhin als Tabu betrachtet. Folglich ist Muttermilch stillen oder abpumpen am Arbeitsplatz stigmatisiert (Turner & Norwood 2014), trotz weltweiter Bemühungen (ILO 2013). Das österreichische Arbeitsrecht reagiert indem es Arbeitgebenden gesetzliche Verpflichtung auferlegt, zeitliche und räumliche Ressourcen für Stillen und Pumpen bereitzustellen. Besonders Universitäten sind bestrebt, jungen Wissenschaftler*innen nach der Geburt eines Kindes die Rückkehr zur Arbeit zu ermöglichen. Meine eigene Erfahrung als voll berufstätige Mutter, die ein Kind mit Ernährungseinschränkungen ausschließlich stillte, ist jedoch, dass diese Bestimmungen keine Hindernisse für Stillen und Abpumpen am Arbeitsplatz beseitigen. Ich nutze eine queere phänomenologische Perspektive (Ahmed 2006) auf autoethnographischen Notizen, Dokumente und Fotografien, die ich bei critical incidents bei der Arbeit gemacht habe – im Büro, im Unterricht und auf akademischen Konferenzen, zu analysieren. Ich versuchte herauszufinden, warum die familienfreundlichen Politiken, denen ich begegnete, eher wie Barrieren als Erleichterung wirkten. Die organisatorischen Policies basieren auf stereotypen Vorstellungen von Mutterschaft und ignorieren Intersektionalität. Sie stellen das Stillen als eine private, sehr emotionale Aktivität außerhalb organisatorischer Grenzen dar, mit einem Körper, der niemals ausläuft. Das führt zu organisatorischen Praktiken, die sich ausschließlich auf speech acts konzentrieren und dabei die materielle Umsetzung ignorieren. Mit einer worlding-Perspektive können wir uns alternative Zukünfte von Mutterschaft am Arbeitsplatz vorstellen.

        Kurzbiographie
        Isabella Scheibmayr forscht zu Geschlechterverhältnissen in Organisationen und Berufsfeldern im Bereich Human Resource Management. Sie promovierte 2019 im Fach Betriebswirtschaftslehre an der Universität Salzburg zum Thema „HRM’s gendered agency“ und ist seit 2020 Habilitandin am Fachbereich Betriebswirtschaftslehre an der Universität Salzburg.

        Speaker: Isabella Scheibmayr (Universtität Salzburg)
      • 34
        Zwischen Stigmatisierung und Solidarität: Aktivistische Abtreibungsbegleitung im deutschsprachigen Kontext

        Das Recht auf und der Zugang zu Abtreibung ist ein zentrales Thema im politischen Kampf um reproduktive Gerechtigkeit und eine historisch tradierte Kernforderung feministischer Bewegungen. Während sich als feministisch verstehende Akteur*innen für das Recht auf Abtreibung einsetzen, nehmen selbsternannte „pro-Life“-Aktivist*innen, antifeministische Gegenpositionen ein, befeuern Stigmatisierung und erschweren den Zugang.
        Der Beitrag basiert auf einem qualitativen Forschungsprojekt zu Akteur*innen im politischen Kampf um Abtreibungsrechte aus intersektionaler Analyseperspektive. Aufbauend auf einer diskursanalytischen und ethnografischen Untersuchung des Phänomens der „Gehsteigbelästigung“ und dessen Auswirkungen auf die Beratungssituation, wurden im Anschluss qualitative Interviews mit Aktivist*innen geführt, die Menschen im Rahmen ihres Schwangerschaftsabbruchs begleiten. Ziel ist die Motivation, das Selbstverständnis und die Erfahrungen von sogenannten „abortion buddys“ in der Versorgungssituation beim Schwangerschaftsabbruch, im Kontakt mit Ärzt*innen, sowie im Kontext dieser Belästigung vor Kliniken und Praxen zu erfassen.
        Im Vortrag wird das methodologische Studiendesign und Einblicke in das Material vorgestellt. Vor dem Hintergrund bisheriger Forschung zu „abortion acompañantes“ mit Ursprung in lateinamerikanischen feministischen Bewegungen (Jacobson et al. 2025; Veldhuis et al. 2025) wird die Rolle und Bedeutung, das Selbstverständnis und die Erfahrungen von „abortion buddys“ in Deutschland vor dem Hintergrund eines staatliches Versorgungsauftrags und einer prekären Versorgungssituation (Hahn et al. 2025) diskutiert. Darüber hinaus wird Abtreibungsbegleitung aus der Perspektive Reproduktiver Gerechtigkeit (Ross & Solinger 2021) als Form von praktischer Solidarität gegen „anti-choice harassment“ und in Zeiten zunehmender anti-feministischer Angriffe betrachtet. Abschließend wird die Rolle dieser Begleitung beim Schwangerschaftsabbruch vor dem Hintergrund der Individualisierung von Sorge und dem Prozess des reproductive backsliding (Müller-Elmau & Bredler 2024) eingeordnet.

        Bio
        Lisa Brünig in der Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen zum politischen Kampf um Abtreibung in Deutschland. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie studierte Politikwissenschaften und sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Reproduktionspolitiken, Antifeminismus und Diskursforschung.

        Speaker: Lisa Brünig (MHH, Universität Göttingen)
      • 35
        Körperlichkeit als Störmoment individualisierender Regierungstechnologien. Eine körpertheoretische Untersuchung der Möglichkeitsräume von Widerständigkeit in staatlichen Subjektivierungsprozessen.

        Der Beitrag möchte der Relevanz von Körperlichkeit in neoliberalen Subjektivierungsprozessen nachgehen, wie sie in deutschsprachiger (queer-)feministischer Staatstheorie nach dem gouvernementalitätstheoretischen Ansatz Michel Foucaults konzeptualisiert werden. Körperlichkeit, so meine These, produziert Störmomente in den Technologien der Individualisierung, die in (queer-)feministischer Staatstheorie bisher keine Beachtung finden. Nach Foucault sind die Technologien des Selbst ein zentrales Element neoliberaler staatlicher Regierungsweisen. Körperliches ist dabei insofern mitgedacht, als dass es das zu kontrollierende und zu disziplinierende Gegenüber des Selbst darstellt. Feministische, staatstheoretische Perspektiven entlarven diese Auffassung, nach der das Subjekt durch die Autonomie vom Körperlichen charakterisiert wird, als androzentrisch, weiß und ability-zentriert (u.a. Bergold-Caldwell & Ludwig, 2024; Wegscheider, 2024). Es fehlt jedoch bisher eine Konzeptualisierung des Körperlichen in dieser Logik neoliberale Selbsttechnologien, die die Verschachtelung von objektiver Zurichtung und subjektiver Gelebtheit von Körpern berücksichtigt. Dies ist, was ich als Körperlichkeit bezeichne: Körperliches Erleben verwoben mit der Konstruktion von Körpern als u.a. rassifiziert, vergeschlechtlicht, und be_hindert sowie den Zurichtungen und Platzanweisungen, die mit diesen Konstruktionen zusammenhängen. Der Körperlichkeit schreibe ich mit Sara Ahmeds phänomenologischen Überlegungen (Ahmed, 2006) einen realen Einfluss auf die Orientierung in der Welt zu, die in feministisch staatstheoretischen Konzeptualisierungen des Subjekts nicht hinreichend erklärbar sind. Zusätzlich bringt Körperlichkeit Unvorhersehbarkeiten, Kontingenzen und Widersprüche mit sich, die einen Störmoment in der Logik individualisierenden neoliberalen Technologien des Selbst darstellen. Die Brüche, die Körperlichkeit in der Logik neoliberaler Selbstführung sichtbar macht, möchte ich in diesem Beitrag aufzeigen, um darüber einen körpertheoretischen Blick auf die Möglichkeitsräume von Widerständigkeit in Prozessen staatliche Subjektivierungen zu entwickeln.

        Bio
        Clara Voigt ist am Center Inderdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck affiliierte Doktorandin und Promotionsstipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Deutschland. Sie arbeitet an der Verbindung von poststrukturalistischer feministischer Staatstheorie, kritischer Phänomenologie und körpertheoretischen Perspektiven.

        Speaker: Clara Voigt
    • 16:00
      Kaffeepause Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Roundtable: Gender_Queer Worldings an den Universitäten? Bündnisse und Zukunftsentwürfe Ágnes-Heller-Haus, Audimax (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, Audimax

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck

      Es diskutieren:
      • Denise Bergold-Caldwell (CGI, Universität Innsbruck; Vorstandsmitglied der Deutschen Fachgesellschaft für Gender Studies und Mitglied von Krisol. Allianz für kritische und solidarische Wissenschaft)
      • Maria Furtner (Studienkoordination Masterstudium Gender, Kultur und Sozialer Wandel, Universität Innsbruck)
      • Manuel Götzendorfer (Queer-Referat ÖH, Universität Wien)
      • Dshamilja Gosteli (Referat Genderforschung, Universität Wien)
      • Boka En (ÖGGF)
      • Ulli Mayer (Genderplattform)
      Moderation: Tamás Jules Fütty (AAU Klagenfurt) und Muriel González Athenas (Universität Innsbruck)

    • 18:00
      Pause & Standortwechsel zur Bäckerei Kulturbackstube
    • Keynote: Take my Breath Away: Queer World-Making and this Mess that is Desire (João Florêncio and Liz Rosenfeld) Die Bäckerei

      Die Bäckerei

      Dreiheiligenstraße 21a, 6020 Innsbruck
    • Rahmenprogramm: Abendessen (feld:schafft) und Musik (DJ Pixie) Die Bäckerei

      Die Bäckerei

      Dreiheiligenstraße 21a, 6020 Innsbruck
    • Panels: (Onto-)Epistemologies of worlding 02 (E) Raum 52U105 (GEIWI)

      Raum 52U105

      GEIWI

      Convener: Doris Leibetseder (Zentrum Gender Studies, Universität Basel)
      • 36
        What if...? – A Speculative Design for Gender_Queer Worlding on Mars

        In an era of multiple crises and the persistence of androcentric and colonial power structures, this contribution analyzes the potential for radical societal transformation within extraterrestrial space. The starting point is a design scenario of a Martian colony where cis-male bodies are absent and explores a community built out of necessity as well as the sake of a better world. This thought experiment serves to deconstruct violent earthly gender narratives and to re-examine the process of the dynamic creation of realities under unprecedented extreme conditions.
        The methodological implementation is carried out through Speculative Design and Design Fiction in combination with evidence-based extrapolation. Interdisciplinary research data and case studies, varying from up-to-date medical research to sociological models of collective care in Indigenous communities are critically re-interpreted to challenge the terrestrial hegemonial order through a speculative lens. Central to the analysis is the transformation of body relations and care regimes. The hostile environment of Mars forces a break from the model of the isolated nuclear family widespread on earth. In its place, community-based care practices emerge as a result of the decoupling of reproduction and sexuality. Due to the necessity of collective survival, binary norms and ideas are radically deconstructed in favor of fluid, solidary alliances that draw justice from the experience of past marginalization in this imaginative Mars society. Despite a dystopian terrestrial prequel, the scenario wants to introduce creatively an imagined positive utopia of "Space Worlding".

        Bio
        Kathrin Seit schließt derzeit das Masterstudium in Gender Studies an der Universität Graz ab. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der methodischen Verknüpfung von Design Fiction und wissenschaftlicher Extrapolation. Ein besonderes Interesse gilt dabei der kreativen Analyse von Körperverhältnissen und veränderten Gemeinschafts- sowie Sorgeverhältnissen in spekulativen Zukunftsszenarien.

        Speaker: Kathrin Seit
      • 37
        Prompt Me to Fuck You: Commodified Desire and Queer Potentiality in Sexual Interactions with Virtual AI Partners

        In this paper, I examine sexual and romantic interactions with virtual AI bots as discursive-material assemblages through which desire is produced and circulated. Drawing on feminist new materialist theory, I conceptualize AI companion apps as apparatuses of desire, where language, interface design, and cultural imaginaries intra-act (Barad, 2003) to shape bodies and intimacies. These encounters can be read as queer - not in terms of sexual identity, but in their capacity to foster non-normative, non-reproductive, and nonbinary forms of attachment. At the same time, they unfold within neoliberal affective economies, where intimacy is optimized, quantified, and commodified. Rosi Braidotti’s (2013) posthuman philosophy informs this analysis by situating AI intimacy within a post-anthropocentric framework that takes technological relationality seriously without presuming its ethical innocence, yet allows for exploration of the speculative futures these intimacies gesture toward.

        Methodologically, the analysis focuses on NSFW AI apps and three types of materials: (1) promotional materials that present AI partners as emotionally attuned, endlessly available, and customizable; (2) Reddit discussions in which users describe attraction, attachment, and engagement with AI partners; and (3) app-based ethnography with a selected AI companion app, attending to how intimacy emerges via personalization, feedback loops, and prolonged engagement.

        Rather than treating AI intimacy as merely representational or symbolic of human‑to‑human relationships, I ask whether sexual interactions with AI bots gesture toward speculative, ethically and ontologically transformative posthuman intimacies, or whether they ultimately reproduce the commodified logics of platform capitalism. The paper finds that apps do structure intimacy through the logics of extraction and optimization, where AI partners are programmed to desire, comply, and adapt, enacting masculinist fantasies of perfect attunement and constant availability. Yet moments of subversion emerge: users form queer attachments, disrupt normative scripts, and creatively repurpose AI partners, destabilizing the assumed roles of both “user” and “bot.” These ambivalent entanglements reveal the contingent and generative potential of digital intimacies, illustrating how AI sex apps participate in ongoing processes of queer material becoming.

        Bio
        Tetiana Lekhush is currently pursuing a Master’s degree in Critical Gender Studies at the Central European University in Vienna. Her research interests lie in human-machine intimacy through feminist and queer materialist frameworks, with a particular focus on desire and posthuman agency.

        Speaker: Tetiana Lekhush (Central European University)
      • 38
        lesbian worlding through the body as archive

        Lesbian bodies have been and continue to be highly polarized sites of power and affect. Combining sociological interpretive research through in-depth interviews with lesbians in Austria about their lesbian biography and anthropological ethnographic research at a lesbian cemetery in Berlin, Germany, we look at different affective and discursive dimensions of the lesbian body as an archive and arena. We find the lesbian body as the carrier of identity politics through life and death, constituting the site of sensemaking in lesbian identity construction within and beyond the lesbian self. Working through memory of the living and dead lesbian body as a gendered site shaped by historical and contemporary political struggles, this paper shows the lesbian body as a political and resistant site of worlding. Not shying away from looking at the difficulties of
        exclusionary practices in the name of protecting a lesbian identity, we find that the lesbian body is (ab)used as the arena for identity politics, however also representing one of the central notions in lesbian subjectification. The worlding of queer and lesbian research as a relational sphere between researcher and interlocutors, and furthermore societal power structures that shape notions within communities, will be contextualized within this paper.

        Bio
        Sylvia Herzog (she/they) is a lesbian researcher and writer focusing on sociological dimensions of power/knowledge, emotions and bodies, with a queer-feminist, intersectional approach. Researching correlation between discursive knowledge and power, and the affective inscriptions of hierarchisation of epistemologies. Their work concentrates on affective manifestation of un/knowing in the lesbian self.

        Clara Sanzenbacher (all pronouns) is a lesbian transmasculine writer, organiser, and anthropologist, exploring the boundaries of creative methods in ethnographic research. He is currently working and conducting fieldwork for his master thesis at the University of Vienna. His research interests are in gender, queer livelihoods, care work, affective labour, and the (queer) body.

        Speakers: Clara Sanzenbacher, Sylvia Herzog
    • Panels: Health, well-being, livability 02 (E) Raum 4U102b (GEIWI)

      Raum 4U102b

      GEIWI

      Convener: Sabine Ludwig (Medizinische Universität Innsbruck, Institut für Diversität in der Medizin, Innsbruck, Österreich)
      • 39
        Invisible by Design: Addressing Sex Bias in Cardiovascular Drug Research Through Mendelian Randomization

        For decades, women were routinely excluded from pharmaceutical clinical trials, often justified by concerns about hormonal variability or protecting women of childbearing age. The irony is that this "protection" left us with a medical evidence base built almost entirely on male bodies, now applied to everyone. Nowhere is this more visible than in cardiovascular medicine, where treatment guidelines for hypertension set the same thresholds for women and men, despite growing evidence that the relationship between blood pressure and cardiovascular risk is not the same across sexes.

        To illustrate the problem: a clinician treating a 58-year-old woman and a 52-year-old man with identical blood pressure readings may follow clinical guidelines that would recommend treating them as medically equivalent. But they may not be.

        Sex-stratified drug-target Mendelian randomization (MR) offers one way to work backwards through this problem. Instead of relying on trial data where women are underrepresented, MR uses genetic variants as natural proxies for drug targets. This allows, under certain assumptions, the estimation of potential drug effects. A big advantage is that these approaches can be applied separately in women and men, using large biobank populations. It is not a perfect fix, but it is a way of asking the question that should have been asked in the trials.

        This study applies this approach to antihypertensive drug targets, drawing on data from the UK Biobank (n>400,000). Results will include sex-stratified effect estimates across multiple drug classes – some may show meaningful differences between women and men, others not. Our primary aim is to study cardiovascular outcomes. In addition, drug - target MR allows studying sex-specific side effects of antihypertensive drugs – an approach conventional randomised controlled trials are usually underpowered to conduct.

        Speaker: Marlies Stonig (Institute of Clinical Epidemiology, Public Health, Health Economics, Medical Statistics and Informatics - (EpiCenter) Medical University of Innsbruck)
      • 40
        Is cardiovascular care really equal? Consideration of sex and gender in clinical trials

        Background/Introduction
        Cardiovascular disease (CVD) is the leading cause of mortality worldwide. There is evidence that antidiabetic medications reduce major cardiovascular events (MACE) including myocardial infarction, stroke, and cardiovascular death. However, females remain underrepresented in randomized controlled trials (RCTs) on CVD, despite growing evidence that males and females respond differently to antidiabetic medications, which may influence both the efficacy and safety of treatment. Understanding the differences is important to optimize therapeutic strategies.
        The Sex and Gender Equity in Research (SAGER) guidelines provide recommendations for reporting sex and gender in study design and analysis. This review assessed how these considerations are incorporated in CVD outcome RCTs of antidiabetic therapies.

        Purpose
        To evaluate female participation and integration of sex and gender in RCTs of antidiabetic medication based on the SAGER guidelines.

        Methods
        We systematically reviewed the literature (PubMed, OVID) for RCTs evaluating antidiabetic medications in adults (aged ≥18 years) with or at risk of diabetes mellitus that reported CVD outcomes. We followed the search strategy suggested by Ghosh-Swaby et al., which included RCTs up to November 2019 and updated the search until March 2025. The primary outcome of interest was MACE. Studies focusing solely on non-CVD outcomes were excluded. To ensure the inclusion of high-quality studies, we only included RCTs with ≥1,000 participants, ≥12 months follow-up, ≥0.01% difference in HbA1c between baseline and follow-up, and ≥20 CVD events.

        Results
        Thirty-eight RCTs with 279,826 participants were eligible for inclusion. The RCTs investigated various interventions including GLP-1 RAs (n=11), SGLT2i (n=7), DPP-4 inhibitors (n=5), thiazolidinediones (n=6), and other glucose-lowering strategies such as weight loss, diet, exercise (n=9). Overall, 36% of participants were female (range 2.9%-59.5%). While all trials reported sex or gender at baseline, 57% presented sex- or gender-stratified efficacy outcomes, and only 8.1% reported sex- or gender-disaggregated adverse events data. None of the RCTs mentioned sex or gender in the introduction and <10% discussed implications of sex- or gender-specific findings. No improvement in adherence to the SAGER guidelines over time was observed. Overall, sex and gender considerations was low and inconsistent.

        Conclusion
        In CVD outcome RCTs on antidiabetic medications, sex- and gender-specific analyses are inconsistently reported despite global efforts towards equity in clinical research. Greater adoption of the SAGER guidelines is recommended to enhance applicability and equity of evidence informing CVD risk reduction in individuals with or at risk of diabetes.

        Speakers: Lena Tschiderer (Medizinische Universitat Innsbruck (The Institute of Clinical Epidemiology, Public Health, Health Economics, Medical Statistics and Info), Innsbruck, Austria), Sanne Peters (Julius Center for Health Sciences and Primary Care, Utrecht, Netherlands), Sunge Makawa (Medizinische Universitat Innsbruck (The Institute of Clinical Epidemiology, Public Health, Health Economics, Medical Statistics and Info), Innsbruck, Austria)
      • 41
        Exploring the association between Menopause Timing and Cardiovascular Health: A Meta-Analysis of nine studies from the Proof-ATHERO Consortium

        Menopause is closely associated with cardiovascular health, with postmenopausal women experiencing elevated risk of cardiovascular disease (CVD). In addition to menopause status, the timing of menopause has been linked to increased cardiovascular risk. Large-scale studies have demonstrated that earlier menopause is associated with a higher risk of CVD, stroke, and coronary artery disease. Despite these findings, the biological mechanisms underlying these associations remain unclear. Investigating intermediate cardiovascular traits such as carotid intima-media thickness (cIMT) and carotid plaque, both important markers for atherosclerosis, can help elucidate these mechanisms. However, prior studies examining intermediate cardiovascular traits in relation to age at menopause have yielded inconsistent results.
        To address this gap, we conducted an individual-participant data meta-analysis of nine studies including 19,827 postmenopausal women from the Prospective Studies of Atherosclerosis (Proof-ATHERO) Consortium. Mean age was 61.5 (standard deviation [SD] 9.2) years at baseline and 46.4 (SD 6.7) years at menopause. In addition, at baseline, mean cIMT was 0.78 (SD 0.22) mm and 7174 (36 %) women had carotid plaque. Our results show a significant association between age at menopause and carotid plaque risk. Specifically, after full adjustment, a 5-year later menopause was associated with an Odds Ratio of 0.93 for carotid plaque (95% CI: 0.90–0.95, p<0.001). The relationship between age at menopause and cIMT was not statistically significant (beta: -2.34 µm per 5 year, 95% CI: -5.26; 0.57, p = 0.11).
        Our results demonstrate that earlier menopause is related to a higher risk of having carotid plaque. Consequently the timing of menopause may play a critical role in the development of atherosclerosis, one of the key players in the development of CVD. These findings enhance our understanding of how reproductive aging links to cardiovascular health, highlighting the need to consider sex-specific aspects when assessing future cardiovascular risk.

        Speaker: Clara Meijs (EpiCenter - MUI)
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 02 (D) Kleiner Hörsaal (Ágnes-Heller-Haus, UG)

      Kleiner Hörsaal

      Ágnes-Heller-Haus, UG

      Convener: Christa Binswanger (Gender & Diversity, University of St.Gallen)
      • 42
        Flinke Ohren

        Flinke Ohren ist eine Spokenword Performance (Dauer ca. 15 min), die in der Sprache der Poesie wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt. Sie entstand auf Basis meiner langjährigen Beschäftigung mit akustischen Phänomenen und Kommunikationsformen, die der menschlichen Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Beispiele dafür sind visuelle, taktile, chemische und elektrische Kommunikationsformen, artübergreifender Kommunikation (zb. unter Fischen), oder auch das titelgebende Phänomen der „schnellen Ohren“: viele Singvögel können Komplexitäten hören, die für Menschen viel zu schnell sind (diese hören nur einen Bruchteil. Oder auch Farben und Schattierungen sehen, die für Menschen nicht wahrnehmbar sind). In der Tradition von “Storytelling Theorie” unternimmt die Performance Perspektiven-Verschiebungen – wir Menschen nennen unseren Planeten „Erde“ obwohl die Oberfläche zu ca. 70% aus Wasser besteht, die Welt ist und war immer schon größtenteils nicht-menschlich, Lebewesen prägen die Welt ebenso wie sie von der Welt geprägt werden. Diversität ist eine wesentliche Grundlage dynamischer Organismen-Umwelt Interaktionen und die Erhaltung und der Schutz von Diversität/Artenvielfalt ist die Voraussetzung für eine belebte Welt. In den Naturwissenschaften, respektive der Biologie und Zoologie, fand in den letzten Jahrzehnten ein eklatanter Paradigmen-Wechsel statt – die nicht-menschliche Welt ist queerer als gedacht. Flinke Ohren ist ein Beitrag zu aktuellen Diskursen über Lebensrealitäten in einer Form, die komplexe Beziehungen mit Vergnügen versieht, Lust an Fragestellungen vermittelt und die Intensität und Neugierde mitteilt, die aus der Erkenntnis, nichts zu wissen/vieles nicht zu wissen, entsteht.

        Speaker: Christina Goestl
      • 43
        Das Gekritzel am Rande

        “Names, not faces, not morphs of the same, something else, a thousand
        somethings else, still telling of linked ongoing generative and
        destructive worlding and reworlding in this age of the earth. We need
        another figure, a thousand names of something else, to erupt out of
        the Anthropocene into another, big-enough story.” (Haraway 2016, S.
        52)

        Es würde gestern gewesen sein, als ich in einem meiner vielen Bücher das Gekritzel am Rand nicht mehr entziffern konnte. Ich wusste, es würde etwas mit meinem Worlding zu tun gehabt haben, das mir gestern (oder war es doch vor 33 Jahren?) neue und andere Welten auftat.
        So begann ich das Gekritzel zu lesen. Als leibliche Spur, die sich dem repräsentativen Schriftköper entzieht, die am Rande tanzt ohne einer (sozialen) Choreographie des Lesbaren zu folgen. Da brachte der Rand von außen her die Frage in Schwingung, welche KörperSprachen werden wie (ein)gelesen oder überhaupt nicht (auf)gelesen? Welche KörperWelten werden wie (ein-, um-, aus)geschrieben oder nicht mal mehr am abfallenden Rand dazu gekritzelt?
        Da schwang unvorhersehbar das Spüren mit. Ich erinnere mich, es sind tausend Namen von etwas anderem.
        Die Lecture Performance versteht sich als eine Einladung für andere und neue Lesarten von SchriftKörper, von KörperSprachen … von Gekritzel am Rande von KörperWelt(en). Vielleicht kritzeln wir auch mit and “Becoming-with” (Haraway 2016, 12f.), nur für den Fall, dass wir es verlernt haben, den vermeintlichen, sprachlosen Rand zu lesen.

        Literatur
        Haraway, Donna (2016): Staying with the trouble. Making kin in the Chthulucene. Durham, London: Duke University Press (Cultural studies/Feminst theory/Science studies).

        Bio
        Judith Klemenc erforscht das wirklichkeitsstiftende und transformatorische Potenzial performativer Leiblichkeit. Entlang der Differenzenlinien zwischen Körper/Leib, Sprache/Schweigen … verhandelt sie Fragen von Geschlecht, Sexualität, Klasse und Dis/Ability. Ihre Arbeiten verbinden gesellschaftskritische Theorien mit sinnlich-ästhetischen Erfahrungsräumen. Kritik an Macht- und Ungleichverhältnissen wird dabei nicht von außen formuliert, sondern innerhalb bestehender Strukturen verhandelt.

        Speaker: Judith Maria Klemenc
      • 44
        Queer Worldings Revisited. Transozeanische Perspektiven auf das Mitschleppen politischer Gewalt

        Der Frage nach dem performativen Mitschleppen politischer Gewalt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gefügen gewidmet, knüpft der Vortrag an bestehende Einsätze der Queer Theory an, um sie weiterzudenken und mit Blick auf die jeweilige Situiertheit des Auftretens zu reformulieren. Vor dem Hintergrund aktueller Diskurse über Worlding, environmentales Denken und Faschisierungsentwicklungen geht er hierbei auf exemplare historische Kontexte – Apartheid und NS – ein. Aus transozeanischer Perspektive wird so der Versuch unternommen, zwischen Kolonial- und Antisemitismuskritik zu vermitteln und damit zu einer produktiven Politik des Performativen beizutragen. Der Vortrag knüpft an die gerade erschienene Monographie Dirty Dragging. Performative Transpositions (mdwPress 2026) an.

        Bio
        Evelyn Annuß, Kultur-, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin, ist Professorin für Gender Studies und leitet das neu gegründete International Research Center Gender and Performativity (ICGP) an der mdw in Wien. Zuletzt veröffentlicht: Dirty Dragging. Performative Transpositions (mdwPress 2026) und Facing Drag. Gender Bending and Racialized Masking in Performing Arts and Popular Culture (hrsg. mit Raz Weiner, mdwPress 2025).

        Speaker: Evelyn Annuß
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 03 (D) Raum 4U102a (GEIWI)

      Raum 4U102a

      GEIWI

      Convener: Kordula Schnegg (Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Mitglied der FP CGI)
      • 45
        Die Gefahr der Weltlosigkeit – Hannah Arendts Weltbegriff

        Die politische Philosophin versteht Weltbilden als die Aufgabe politischen Handelns. Ihr Anliegen wider Weltverlust, Weltentfremdung und Entweltlichung ist getragen von den Erfahrungen mit dem Totalitarismus. So hätten wir uns von der Welt her zu reflektieren und nicht umgekehrt. Ihre Befürchtung, es käme sonst zu »katastrophalen Zusammenbrüchen der gemeinsamen Welt« verweist auf die Aktualität ihrer Sichtweise, jedes in sich geschlossene System mit selbstgewissen und widerspruchsfreien Ansprüchen für brandgefährlich zu halten. Geprägt von dem uniformierenden und Unterschiede vernichtenden Nationalsozialismus sind für Arendt gesellschaftliche Konformität, ökonomische Nützlichkeitsimperative und subjektive Befindlichkeiten keine Kriterien für öffentlich politisches Handeln.
        In Arendts Schriften lassen sich verschiedene Elemente ihres Weltbegriffs erkennen: Welt als öffentlicher Erscheinungsraum - ohne die Anwesenheit anderer Menschen existiert sie nicht; Weltlichkeit des Politischen – politisches Handeln richtet sich auf die Weltgestaltung und nicht auf die Organisation des Privaten/Familiären; Welt als gemeinsame Welt – als das ‚Zwischen‘, das sowohl verbindet wie trennt; Welt in dieser Bedeutung konstituiert sich radikal plural – Welt stellt sich nur durch die verschiedenen Perspektiven auf sie her. Umgekehrt verschwindet eine gemeinsame Welt, sobald sie nur noch in einer Perspektive gesehen wird. Das Resultat der Weltflucht ist der Rückzug ins Private und die individuelle Selbstbezogenheit. Kollektive im Singular – in welcher Größe auch immer – entbehren der Pluralität, sie sind nach Arendts politischem Denken weltlos.
        Im Kontext der Tagung können Arendts Reflektionen unseren Weltbegriff schärfen und darin Fragen nach und Perspektiven zu Kollektivität, Bündnissen und Pluralität erweitern. Als Korrektiv eignen sich Arendts Ein- und Aussichten für feministische Selbstreflexionen in Theorie und Praxis.

        Bio
        Birge Krondorfer: Politische Philosophin und feministisch Tätige. Lehrende an inter/nationalen Universitäten seit 1990; Erwachsenenbildnerin und zertifiziert in Supervision und Mediation. Inter/nationale Vorträge, Publikationen, Co-Herausgaben in kritischer Perspektive zu Theorien und Praxen der Geschlechterverhältnisse. Mitgründerin (1991) der Bildungsstätte Frauenhetz - Feministische Bildung, Kultur und Politik und dort seither frei tätig. Käthe-Leichter-Preis 2009. Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien 2022.

        Speaker: Birge Krondorfer (Verein Feministische Bildung, Kultur und Politik)
      • 46
        Kranke Menschenlust. Gewalt und feministische Neuordnungen in der expressionistischen Prosa Else Onnos

        „Wir gehen wie Verirrte durch den unermesslichen Hochzeitsprunk des Lebens, wir können es kaum ertragen. […] Wir haben nur den Schrei, den Krampf, das Lachen kranker Menschenlust“ In ihrer Erzählung Die Närrin (1914) beschreibt Else Onno ein unwirkliches Paradies. Nach dem Mord an einem Mann, der ihre sexuellen Fantasien nicht erfüllen wollte, wandert die titelgebende Protagonistin an diesen Ort. Ob sie dieses Szenario nur imaginiert und wen das erzählende „Wir“ eigentlich meint, lässt die Erzählung offen. Eines indes ist klar: Männer gibt es dort nicht, stattdessen schwelgende Nachtigallen, wollüstige Wasserfälle und den Liebestod der Blumen. Konnte die „Närrin“ ihre grenzüberschreitende Lust in der Gesellschaft, die der heterosexistischen Gesellschaftsordnung um 1900 entspricht, nicht leben, öffnet die Paradieswelt neue Möglichkeitsräume, in denen persönliche Identität, Verlangen und überhaupt menschliche Subjektentwürfe fluide werden.

        Die Erzählung der Wiener Autorin erinnert an Virginia Woolfs Postulat, nach dem eine Frau erst dann zu schreiben beginnen kann, wenn sie ein „phantom to be slain“ findet. (Professions for Women, 1931) Der Schreibakt und damit die Sichtbarmachung des zuvor unsichtbar gemachten weiblichen Subjekts in der Schrift führt zur gewaltvollen Ablösung von Rollenmustern und schafft einen neu codierten Raum.

        Mein Beitrag untersucht die Erzählung und verwandte Texte Else Onnos auf die Möglichkeit hin, in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung neue Zukunftsentwürfe zu gestalten, die auf eine abstraktere, kollektive Form der Identität zielen, wobei auch nicht-menschliche Akteur*innen zu Protagonist*innen werden. Zugleich soll herausgestellt werden, inwiefern diese Selbstentgrenzung auch einen Selbstverlust bedeuten kann und inwiefern die gewaltvolle Schaffung einer Neuordnung wiederum Elemente patriarchaler Gewalt enthält.

        Bio
        *1990. Literaturwissenschaft und Journalismus in Wien. Laufende Promotion zu Krankheitsnarrativen des Expressionismus (Universität Freiburg). Publikationen in Expressionismus (Zeitschrift), Grenzüberschreitungen und Grenzüberschreibungen in Theorie, Literatur und Kultur (Wien 2021) und Paul Adler - Texte, Konstellationen und Kontexte (Dresden 2022). Print- und Radiojournalismus zu Subkulturen und feministischen Interventionen (etwa taz, Südwind, Ö1).

        Speaker: Fabian Lutz
      • 47
        Marlen Haushofers Die Wand (1963) und Christa Reinigs Entmannung (1976): Zwei metautopische Entwürfe und Bündnisse unter ‚sozialer‘ und ‚natürlicher‘ Gewalt

        Sie haben (Selbst)Mordphantasien, während sie immer stärker Solidarität und Sorge praktizieren. Sie versuchen Bündnisse mit den Mit-Leidenden – menschlich oder nicht-menschlich – um sie herum zu bilden und zusammen gegen ihre individuelle sozial- und naturbedingte Schutzlosigkeit, die jeweils definitorisch ineinander übergehen, zu kämpfen. Trotz ausdifferenzierter eigener Erfahrungen interpretieren sie ihre Welten immer wieder binär und verstricken sich in neuen Binaritäten innerhalb neuer Differenzierungen. Dabei leiden sie hauptsächlich unter der Gewalt der menschlichen (Entmannung) bzw. nicht-menschlichen Welt (Die Wand); ihre verkörperte, sachlich beschriebene Realität verschmilzt dabei mit einer surreal-imaginären Welt (Die Wand) oder der Welt der Theaterbühne (Entmannung). Die Rede ist von den Protagonistinnen der Romane Die Wand von Marlen Haushofer und Entmannung von Christa Reinig. Beide Texte zählen zu den zentralen Werken der in den 1920er geborenen Autorinnen, die auf unterschiedliche Art und Weise zu den Außenseiterinnen der feministischen und frühen ökokritischen deutschsprachigen Literatur gehören. Während Haushofers Darstellung von Geschlecht, Natur und Nicht-Menschen mit späteren ökofeministischen, ökokritischen und neumaterialistischen Ansätzen(1) analysierbar ist, passt Reinigs allwissend-ironisches Erzählen, das von häufigen naturwissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Intermezzos geprägt ist, nicht ganz in den Subjektivitätsfokus der Literatur der Neuen Frauenbewegung(2). Nichtsdestotrotz sind es gerade diese Werke, in denen ein ‚Worlding‘ im Zentrum steht.
        Die namenlose Protagonistin in Die Wand findet sich plötzlich außerhalb der Zivilisation in einer Jagdhütte hinter einer durchsichtigen, über Nacht erschienenen Wand. Über mehrere Jahre hinweg schreibt sie dort einen kapitellosen, zyklisch-repetitiven Bericht über absolute Einsamkeit und materiell-existenzielle Angewiesenheit auf die Vorräte und Ressourcen ihrer unmittelbaren Umgebung, bis sie kein Papier mehr hat. Sie versucht eine Art Bündnis bzw. fürsorgliche Community nicht nur mit den verbliebenen Haus-, Zucht- und Wildtieren zu bilden, sondern auch mit den Pflanzen, Dingen und dem Wald ‚an sich‘. Die Brille anthropozentrischer und teilweise patriarchaler Deutungsmuster, die die Protagonistin immer wieder loszuwerden versucht und wiederholt daran scheitert, hindert sie schließlich daran, sich an das kollektive Bewusstsein des Waldes, das sie spürt und imaginiert, erfolgreich anzuschließen.
        Die Protagonistinnen in Entmannung konstatieren, dass ihre Welt eine ‚Männerwelt‘ sei, in der es aber ‚weibliche‘ und ‚männliche‘ Frauen gebe. Wiederholt taucht die Behauptung auf, dass das Ende des Hasses und des Konkurrenzkampfs der Frauen untereinander sowie ihr kollektives Bündnis diese Männerwelt abschaffen würde. Allmählich wird auch die Kategorie ‚Frau‘ als Gegensatz zu ‚Mann‘ immer breiter gefasst: Trans- und Intersexuelle gehören als ‚Nicht-Männer‘ auch dazu; und schließlich sollten selbst Hunde „auf die Barrikaden“ gehen. Das Bündnis der Protagonistinnen gegen die patriarchale Gewalt bleibt in der ‚realen‘ Welt des Romans allerdings nur angedeutet und mit einer erfolgreichen Dekonstruktionsgeschichte auf der Bühne kontrastiert.
        Die beiden utopie-ähnlichen Entwürfe beschreiben, warum sie gerade keine Utopien sind – weil ihre utopischen Bündnisse scheitern. In meinem Beitrag werde ich diese formal und ästhetisch radikal unterschiedlichen Romane als Metautopien vor dem Hintergrund der politischen Ökologie von Jane Bennett und des Konzepts ‚Chthulucene‘ von Donna Haraway analysieren.

        (1)Ökofeminismus: z.B. ‚ethics of care‘ (Gilligan/Noddings); Ökokritik: z.B ‚Anthropozän‘ (Crutzen); New Materialism: z.B. ‚lebhafte Materie‘ (Bennett).
        (2)Z.B. Häutungen (1975) von Verena Stefan, Ich bin ich (1980) von Judith Jannberg oder Klassenliebe (1973) von Karin Struck.

        Bio
        Alica Jarošová: Masterstudium Literatur, Kultur, Medien (Julius-Maximilian-Universität Würzburg), Stipendiatin der Studienbörse Germanistik seit 2024 (Postgraduiertenförderung, Hermann-Niermann-Stiftung/JMU Würzburg), B.A. Germanistik und Anglistik/Amerikanistik mit Didaktik (Karls-Universität Prag), Mitglied des Vereins FrideL (Frauen in der Literaturwissenschaft) seit 2026, Forschungsinteressen: Ökofeminismus, feministische Darwinismen, New Materialism, Wissensgeschichte und Genderdiskurse, literarische und mediale Frauenbilder.

        Speaker: Alica Jarošová
    • Panels: Narratives, representations, memories 04 (E) Raum 52U109 (GEIWI)

      Raum 52U109

      GEIWI

      Convener: Daria Jadreškić
      • 48
        Embracing the monstrous: Speculative and arts-based approaches to feminist ageing futures in datafied worlds

        Socio-technical imaginaries relating to older women tend to be rooted in assumptions and imaginaries that are both sexist and ageist. These dominant technocratic paradigms configure older women as frail and at-risk, ignoring and often reinforcing the socio-cultural conditions that render them vulnerable and deny their agency. Resulting data-driven technologies contribute to the marginalisation of older women despite claiming to increase independence and safety. Our interdisciplinary project utilises arts-based methods to expose and interrupt these dominant imaginaries; aiming to nurture new ways of imagining futures centred on care and community, equity and inclusion. The project is working with a group of women over the age of 60 through a series of creative workshops, exploring how they resist/ embrace imaginaries about their vulnerability and retain/ regain agency in everyday encounters in datafied worlds.

        Connecting with Haraway’s cyborg, the figure of the monster is operationalised in our workshops in order to disrupt normative conceptions of vulnerability and ageing. This paper explores how working with arts-based methods and the figure of the monster enabled our co-researchers and ourselves to hold an ambivalent approach to gendered experiences of ageing, disrupt binary conceptions of vulnerability and power and open up possibilities for imagining otherwise. This paper will reflect on our experiences of the creative workshops as well as the affective, embodied and empirical potential of arts-based methods and monstering for speculative futures.

        Bio
        Ren Aldridge (she/ her) is a PhD candidate in Sociology and research assistant on the project Feminist Ageing Futures at the University of Graz. She also facilitates a community arts-based research project against feminicide, The Resistance Quilt Project, and is the vocalist of feminist punk band Petrol Girls.

        Speaker: Ren Aldridge (University of Graz)
      • 49
        Techno-Optimist Masculinities of Silicon Valley and the re-masculinization of epistemology

        Susan Bordo (1986) coined the Cartesian turn to rationalism, mathematics and the mind/body split as a “masculinization of thought”. Descartes resolved a series of epistemological anxieties by finding a secure base in rationalism, which Bordo interpreted an “intellectual ‘flight from the feminine’” (1986, p.441) - the organicist worldview of the Middle Ages. Building on current ecofeminist theorising, I argue that 400 years later, a related moment is occurring – only perhaps as farce rather than tragedy. This moment might be characterised by anxieties, too, over social and planetary inter- and dependencies, and, in the light of the dawning climate catastrophe and intersecting critiques of privilege, an exhaustion of the promises of the very modernity that Descartes helped usher in. Yet some of the most influential ideological developments in recent years do not turn away from, but double down on the philosophy underpinning the cartesian masculinization of thought. Spearheaded by the techno-optimist culture of Silicon Valley tech-entrepreneurs, this ideological formation –the “TESCREAL bundle” (Gebru and Torres 2024) – reinvigorates and radicalises both the masculine capitalist coloniser subject and the technological-mathematical method of controlling life. For example, Transhumanism’s attempt to transcend the biological boundaries of humanity via technology constitutes a radicalisation of the cartesian mind/body dichotomy. The appeal of such a philosophy might not be broad, yet to disarm this ideology it is not enough to critique its farcical excess, but to critique what constitutes its (Cartesian) core – masculinity as a technology of (attempting to) controlling and regulating the forces of life (Garlick 2016).

        Bio
        Frederic Heine (he/him or they/them) is University Assistant (Postdoc) at the Institute of Women’s and Gender Studies (Johannes Kepler University Linz). Frederic’s research concerns masculinity, political economy, and right-wing Authoritarianism. Frederic’s monograph “Gender Politics of Monetary Governance in Germany and the Eurozone: Money, Masculinities and Control” (Routledge) was published recently.

        Speaker: Frederic Heine
      • 50
        Transparenting: an AI-based experiment for queering parenthood

        Transparenting is an interactive installation project that integrates an ongoing postdoctoral artistic research on the intersection of motherhood, technodiversity and posthumanism, aiming at both challenging the participants to render queer versions of parenthood and to inquire into the black-boxness of AI-based generative machines. AI tools are pervasive in all fields of our lives and promote structural paradigmatic changes in the way human beings do things. As a simultaneously promising but also threatening technology in many circumstances, including the biased algorithms through which the models are trained, for the majority of people it is a mystery how AI tools “magically” operate. To investigate the latent space between a textual prompt and the rendering of infinite possibilities of images, I am working on the development of a physical mechanism that translates, via weighted prompts, care work and parenting-related words into images. The tangible interface refers to two playful elements: a rotating seesaw and a sandbox (or building blocks) meant to, while rotating and balancing, dissolve the culturally constructed dichotomous mother-father relationships. For the 11. Tagung der der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung in Innsbruck I would like to present a running prototype of this ongoing art project.

        Bio
        Graziele Lautenschlaeger is media artist, researcher, and professor in Media Technologies at the University of Applied Sciences St. Pölten. She is interested in practices on the intersections between art and science, exploring the poetic and symbolic layers of technological artifacts, grounded mainly on theoretical references such as cybernetics, relational aesthetics, media archaeology, and new materialism.

        Speaker: Graziele Lautenschlaeger (University of Applied Sciences St. Pölten)
    • Panels: Zur autoritären Konstruktion von Geschlecht: Anti-Genderismus, rechter „Feminismus“ und autoritäre Zukunftsentwürfe (D) Seminarraum 14 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 14

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Elisabeth Schäfer (Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz)
      • 51
        Zur autoritären Konstruktion von Geschlecht: Anti-Genderismus, rechter „Feminismus“ und autoritäre Zukunftsentwürfe

        Das Panel versammelt drei Beiträge, die sich mit gegenwärtigen autoritären Geschlechterpolitiken aus unterschiedlichen, aber eng verschränkten theoretischen Perspektiven befassen. Im Zentrum steht die These, dass Anti-Genderismus, Queerfeindlichkeit und die rechte Aneignung feministischer Diskurse nicht als randständige Phänomene zu verstehen sind, sondern als zentrale Modi autoritärer Worldings: als gewaltförmige Praktiken der Welt- und Zukunftsgestaltung, in denen Geschlecht zur symbolischen Ordnungskategorie, zur affektiven Sicherungsfigur und zum politischen Kampfplatz wird.

        Ausgehend von unterschiedlichen kritisch-analytischen Zugängen – psychoanalytisch, diskursanalytisch und ideologiekritisch – fragen die drei Beiträge danach, wie Geschlecht in gegenwärtigen Krisenkonstellationen zur Projektionsfläche autoritärer Ordnungsphantasien wird, welche Bündnisse diese Phantasmen stabilisieren und welche Zukunftsentwürfe dadurch blockiert oder delegitimiert werden.

        Der erste Vortrag (Esther Hutfless) nähert sich Anti-Genderismus aus einer psychoanalytischen Perspektive. „Gender“ wird als affektiv überdeterminierter Signifikant analysiert, der disparate Ängste, Ressentiments und Kontrollfantasien bündelt und international als Brückenideologie autoritärer Politiken fungiert. Im Zentrum stehen zentrale autoritäre Phantasmen – etwa das gefährdete Kind, die „gefährliche“ Transfrau oder die entgrenzte Frau –, die zugleich politisch instrumentalisierbar und unbewusst wirksam sind. Unter Rückgriff auf Jean Laplanche wird gezeigt, wie Anti-Gender-Diskurse als Abwehr gegen Ambivalenz und das Unübersetzbare von Geschlecht operieren und offene Bedeutungsräume gewaltsam schließen.

        Der zweite Vortrag (Agnes Stephenson) analysiert rechtspopulistische Diskurse als autoritäre Formen des Worldings, in denen Geschlecht eine ordnungsstiftende Funktion übernimmt. Geschlecht erscheint hier als kolonial/moderne Ordnungsimagination, die in Zeiten multipler Krisen reaktiviert wird, um Nation, Normalität und Zukunft symbolisch zu stabilisieren. Anhand rechtspopulistischer Reden (Kontext: Österreich/FPÖ) wird gezeigt, wie binäre Geschlechterordnungen, heteronormative Familienmodelle und die Abwertung queerer Lebensweisen als affektive Sicherungsfiguren fungieren. Theoretisch wird diese Analyse mit dem Konzept des Hospicing Modernity verschränkt und als Ausdruck einer autoritären Zukunftsverweigerung gelesen.

        Der dritte Vortrag (Elisabeth Schäfer) widmet sich der rechten Aneignung feministischer Diskurse. Konkret wird die extrem rechte Frauengruppe „Lukreta“ als paradigmatischer Fall eines modernisierten Antifeminismus untersucht, der feministische Semantiken selektiv adaptiert, um völkische und rassistische Politiken mittels einer ethnosexistischen Argumentationsweise legitimiert, die sexualisierte Gewalt kulturell und ethnisch externalisiert und damit patriarchale Machtverhältnisse in der Mehrheitsgesellschaft unsichtbar macht. An die Logik postfeministischer Gleichstellungsbehauptungen anschließend, präsentiert Lukreta Geschlechtergerechtigkeit als bereits erreicht und verschiebt feministische Kritik von struktureller Gewalt hin zu moralisierten Feind:innenbildern. Feminismus fungiert hierbei nicht als emanzipatorisches Projekt, sondern als diskursives Instrument zur Stabilisierung heteronormativer, biologistischer und nationalistischer Geschlechterordnungen. Der Beitrag zeigt, dass diese Form des Antifeminismus nicht in offener Ablehnung, sondern in der scheinbaren Affirmation von Frauenrechten operiert und damit eine zentrale Strategie rechter Mobilisierung im gegenwärtigen politischen Feld darstellt. Der Beitrag zeigt, wie solche Strömungen und Querfront-Bündnisse mit denselben feministische Kämpfe entpolitisieren, in autoritäre Worldings integrieren und emanzipatorische Zukunftsentwürfe blockieren.

        Zusammenfassung: Gemeinsam fragt das Panel danach, wie autoritäre Geschlechterpolitiken Welten scheinbar stabilisieren, konservative Bündnisse reorganisieren und Zukunft systematisch verengen – und welche analytischen Werkzeuge notwendig sind, um diese Dynamiken sichtbar zu machen und ihnen entgegenzutreten.

        Bio
        Esther Hutfless ist Philosoph:in, Psychoanalytiker:in und Psychotherapiewissenschaflter:in. Hutfless ist Professor:in für queer-feministische Psychotherapiewissenschaft und Psychoanalyse an der Sigmund Freud PrivatUniversität. Forschungsfelder: Psychoanalytische Theorie und Praxis, queer-feministische Ansätze in Psychoanalyse und Psychotherapiewissenschaft, Posthumanismus, Dekonstruktion, Geschlecht und Sexualität, Trauma, gesellschaftliche Machtverhältnisse und das Unbewusste, psychoanalytische Gesellschaftstheorien. Nähere Infos unter: www.hutfless.at.

        Agnes Stephenson ist Psychoanalytische Pädagogin und Sonder- und Heilpädagogin mit einem Master in Global Citizenship Education, Dissertantin am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der AAU Klagenfurt und
        wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz. Sie forscht und lehrt zu Psychotherapie und Gesellschaft, Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit, Psychotherapie und Pädagogik, Global Citizenship, Gender Studies und Qualitativen Forschungsmethoden (Schwerpunkt Tiefenhermeneutik).

        Elisabeth Schäfer ist Philosoph*in und habilitierte Psychotherapiewissenschaftler*in. Sie* forscht und lehrt zu Dekonstruktion, Queer-Feministischer Philosophie, Psychoanalytischer Theorie, Körper, Gewalt, Traumata, Écriture feminine, Schreiben als künstlerischer Forschung und widerständiger Praxis sowie zu künstlerischen Positionen zum Climate Change. Sie* ist als Privatdozent*in und stellvertretende Departmentleiter*in an der SFU PTW LINZ tätig.

        Speakers: Prof. Esther Hutfless (Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz), Agnes Stephenson (Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz), Elisabeth Schäfer (Department für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz)
    • Workshop: Dekoloniale Praxen in die europäische universitäre Lehre übersetzen (D) Seminarraum 8 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 8

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 52
        Dekoloniale Praxen in die europäische universitäre Lehre übersetzen

        In Forschungen und gesellschaftlichen Diskursen der vergangenen Jahre wird wieder verstärkt nach der politischen Funktion von (Natur-)Wissenschaft gefragt. Dies baut auf der Erkenntnis auf, dass die Interpretation und Legitimierung sozialer Ungleichheit als natürliche Differenz erneut auf die verschiedenen gesellschaftspolitischen Diskursfelder gelangt und dies betrifft auch die Wissenschaften. Solche Sichtweisen zeichnen sich dadurch aus, dass gegenstandstheoretische Annahmen über Differenz und ihre Begründungszusammenhänge keiner oder nur einer unzureichenden Reflexion unterzogen werden. Gleichwohl begleitet durch eine äußerst problematische Gegenstandkonstituierung und ontologische Perspektive auf die Welt, worin bestimmtes Wissen als auch Wissensproduzent:innen unter den Prämissen wie etwa der Aufklärung und Modernität/Kolonialität ihr antagonistisch gegenübergestellt, hierarchisiert, oder gänzlich unberücksichtigt bleiben.
        Dieses hegemoniale Wissen kann nicht allein mittels der Ideologiekritik (also politischer Zeitgeist) aufgelöst werden, da die Ungleichheiten in den Erkenntnisstrukturen des wissenschaftlichen Objektivitätskonzeptes und populistischer Narrative selbst, also den technologischen Regeln derselben ‚neutralen‘ Verstehensmethoden verankert sind, und damit naturalisiert werden. Hier möchten wir gerne die Anliegen dekolonialer perspektivierter Kritik einbringen, dass Wissensordnung, Wissenstradition und Wissenschaftsforschung, Kolonialismus als Subtext, als Epistemologie, der Wissenschaftsgeschichte sichtbar zu machen, zu situieren und zu verändern (Trouillot 1995; Mignolo 2012). Es handelt sich hierbei also um eine genuine Herrschafts- und Wissenschaftskritik, in der die Fundamente des Wissens selbst, im Kontext ihres historischen und geopolitischen Zustandekommens als ein konstitutives Element des Problems moderner Wissenschaften, infrage gestellt werden (Mignolo 2012). Der Verdienst des dekolonialen Ansatzes liegt nicht zuletzt darin, dass er Wissenschaftlichkeit selbst als Konstrukt auffasst, das nicht gegeben, sondern gemacht und dennoch wirksam ist (Quijano 2000).
        Wissen zu dekolonisieren bedeutet, epistemische Loyalitäten sowie etablierte Lehr- und Lernpraxen im Bereich wissenschaftlichen Arbeitens zu hinterfragen, sowie die Untersuchungsgegenstände und Reflexionshorizonte der Erkenntnisgenerierung in die koloniale Matrix der Macht zurückzuführen. Dekoloniale Theorien versuchen noch ein stückweit hinter diese Kategorien zu blicken und fragt nach Bedingungen der Wissensproduktion, nach selbstverständlichen Denkschemata, nach den Normativitäten im aufgeklärt-säkularen Wissensmonopol, nach der kolonialen Matrix westeuropäischer Denkarten (Quijano, 2000, 2007; Mignolo, 2007; de Sousa-Santos, 2017; Maldonado-Torres 2014; Ndlovu-Gatsheni, 2014, 2018). Wir möchten in diesem Workshop auf die universitäre Lehre schauen und wie hier Lehrformen, Lehrinhalte und Lernmethoden von Dekolonialen Perspektiven inspiriert werden können bzw. diese in den europäischen Kontext „übersetzt“ werden können. Dekolonisierende Praxis ist auch, sich auf den Weg zu machen. Dieses Sich-Auf-den-Weg-Machen bildet den Kern unserer gemeinsamen Überlegungen zu Dekolonisierung in der feministischen universitären Lehre: Wie können wir Räume schaffen, in denen koloniale Wissensordnungen nicht nur kritisiert, sondern tatsächlich irritiert, verschoben oder unterbrochen werden? Und wie lässt sich dieser Anspruch leben, wenn die Universität selbst in genau jene Machtverhältnisse eingebettet ist, die wir herausfordern wollen? Ist es möglich in einem weißen universitären Lernraum Worldings verstanden werden und neue gedacht werden?
        Gemeinsam sollen möglichen Übersetzungen und didaktische Konzepte disziplinübergreifend angedacht und konzeptualisiert werden. Dafür wird sowohl theoretisches wie empirisches Material zur Verfügung gestellt und methodolgisches Material der dekolonialen Perspektiven erprobt werden.

        Bio
        Muriel González Athenas (Pron. alle) ist promovierte Historiker und lebt zwischen Innsbruck und Barcelona. Sie ist Universitätsassistentin an der Universität Innsbruck am Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft. Sie ist Mitgründerin der Arbeitsgruppe Epistemologien der Körper in der Forschungsplattform Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck. Seit 2024 ist sie im Vorstand der Fachgesellschaft DeKolonial. Ihre wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte sind: Geschlechtergeschichte, Kulturwirtschaftsgeschichte, Feministische Epistemologie und Methoden, Raumkonzeptionen, Postkolonial Studies, Dekoloniale Perspektiven und Praktiken, Kritische Kartographie.
        Melinka Karrer ist Doktorandin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und arbeitet vor dem Hintergrund dekolonialer Theorien, der Kritischen Theorie und sozio-ontologischen Ansätzen zu der Figur der Mestiza. Kunst und im Speziellen literarische Texte bieten dabei die Reibungsfläche ihres
        Denkkörpers.

        Speakers: Melinka Violeta Karrer, Muriel González Athenas
    • Workshop: Queer Ecology in Practice (D) Seminarraum 12 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 12

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 53
        Queer Ecology in Practice: Wahrnehmung, Orientierung und spekulative Weltbeziehungen in künstlerischer Forschung zu fluiden Identitäten und Naturverhältnissen

        Dieser Workshop lädt dazu ein, Queer Ecology als verkörperte und künstlerische Forschungspraxis zu erproben. Ausgehend von Ansätzen wie queer phenomenology (Sara Ahmed), Hydrofeminismus (Astrida Neimanis) und spekulativer Fiktion untersuchen wir, wie Wahrnehmung, Orientierung und Benennung unsere Beziehungen zu Natur, Körper und Identität strukturieren - und wie künstlerische Methoden diese Ordnungen irritieren und neu öff nen können. Alternative Weltentwürfe erfordern, die kulturellen und epistemischen Narrative zu hinterfragen, durch die Natur, Körper und Geschlecht voneinander getrennt und hierarchisiert werden, und unsere eigene Verortung innerhalb dieser relationalen Gefüge neu zu denken.
        Im Zentrum steht die praktische Erprobung von Methoden, die wir über mehrere Jahre in künstlerischen Forschungsprojekten, Seminaren und begleitenden kunsttherapeutischen Kontexten entwickelt haben. Dazu gehören Übungen zur Verschiebung von Orientierung, spekulative Naturerzählungen, verkörperte Wahrnehmungsübungen sowie kollektive Reflexions- und Mappingformate. Diese Methoden verstehen Queering als konkrete Praxis: als Möglichkeit, dominante Ordnungen der Wahrnehmung zu verschieben und fluide Formen von Beziehung, Identität und Zugehörigkeit erfahrbar zu machen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass künstlerische Forschung als inter- und transdisziplinäre Praxis theoretische Konzepte nicht nur reflektiert, sondern in erfahrbare Situationen übersetzt, in denen Wissen situativ, verkörpert und kollektiv verhandelt wird. Die Teilnehmenden erhalten die im Workshop verwendeten Scores und methodischen Ansätze zur eigenständigen Weiterarbeit in ihren jeweiligen Forschungs-, Lehr- oder Praxiskontexten.

        Die im Workshop erprobten Methoden reagieren auf Natur- und Körperverständnisse, die historisch durch koloniale, cis-heteronormative und anthropozentrische Wissensordnungen geprägt wurden, und eröff nen Möglichkeiten, diese kritisch zu verschieben. Im Bezug auf die Themenschwerpunkte der Konferenz verstehen wir künstlerische Methoden als Praktiken des Worlding: als konkrete Verfahren, durch die in kollektiven Übungen und Reflexionsformaten temporäre Bündnisse zwischen Teilnehmenden, Körpern und Umgebungen entstehen und alternative Formen von Wissen und Beziehung erprobt werden können.

        Der Workshop verbindet praktische Erfahrung mit theoretischer Rahmung: Kurze Inputs zu queer-feministischen, ökologischen und künstlerisch-forschenden Ansätzen werden mit kollektiver Erprobung und Reflexion verschränkt. Ziel ist es, einen experimentellen Raum zu eröffnen, in dem künstlerische Methoden als Werkzeuge des Worlding erfahrbar werden – als Praktiken, die es ermöglichen, andere Naturbeziehungen zu imaginieren und die eigene Position innerhalb mehr-als-menschlicher Verflechtungen neu zu denken, auch im Hinblick auf spekulative Zukunftserzählungen ausgehend von Ursula K. Le Guins „Carrier Bag Theory of Fiction“, die alternative Formen von Beziehung und Zugehörigkeit vorstellbar machen.

        Wenn möglich, würden wir einen Teil des Workshops im Außenraum, idealerweise am Ufer des Inn, durchführen. Einige der verwendeten Scores arbeiten mit Bewegung, räumlicher Orientierung und situativer Beobachtung und wurden ursprünglich für Flussspaziergänge entwickelt. Die Arbeit am und mit dem Fluss als konkretem ökologischen Kontext ermöglicht es, Wahrnehmung und Relationalität unmittelbar zu erproben und den Fluss selbst als aktiven Bezugspunkt einzubeziehen. Die Inn wird dabei nicht nur als Umgebung, sondern als mehr-als-menschlicher Akteur und epistemischer Bezugspunkt verstanden, der sich linearen und binären Ordnungslogiken entzieht. Gleichzeitig sind wir flexibel und passen das Format an die räumlichen Gegebenheiten der Konferenz an.

        Bio
        Sarah Wenzinger arbeitet als Künstlerin, activist researcher und Dozentin in Berlin. Ihre Praxis verbindet künstlerische Forschung, politische Bildung und partizipative Kunst mit Fokus auf Klimakrise, institutionelle Strukturen und Affekt. Sie studierte Theaterregie an der HfS Ernst-Busch und absolviert derzeit den Master Art in Context an der Universität der Künste Berlin.

        Hannah Geldbach ist Kunsttherapeutin für Kinder und Jugendliche im psychosomatischen und onkologischen Bereich. Zudem lehrt sie in Studiengängen und Weiterbildungen der Kunsttherapie sowie zur künstlerischen Reflexion regionaler Alternsforschung. Sie studierte Szenografie und Kunsttherapie. Ihr Schwerpunkt liegt auf serieller Arbeit, Resonanzprozessen, haptischer Begleitung, Identitätsklärung und Trauerbegleitung.

        Speakers: Hannah Geldbach, Sarah Wenzinger (Universität der Künste Berlin, Institut für Kunst im Kontext)
    • Workshop: Queering Urban Space: Kollektives Kartieren queer-feministischer Utopien (D) Seminarraum 9 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 9

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 54
        Queering Urban Space: Kollektives Kartieren queer-feministischer Utopien

        Städte sind nicht für alle Körper gleichermaßen zugänglich. Hegemoniale Geschlechterordnungen und Machtverhältnisse bestimmen, welche Körper und Lebensweisen als legitim gelten, während andere marginalisiert, verdrängt und unsichtbar gemacht werden. Gewaltförmige Strukturen wie Patriarchat, Cis-Heteronormativität, Rassismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Ableismus materialisieren und stabilisieren sich in urbanen Räumen. Städte sind somit Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und zugleich Schauplätze von Worlding-Prozessen. Räume prägen unser Handeln sowie unsere Wahrnehmung und zugleich werden sie durch soziale Praktiken und Machtverhältnisse fortlaufend hergestellt. Genau in dieser Wechselwirkung liegt ihr Veränderungspotenzial.
        Der Workshop soll einen Möglichkeitsraum eröffnen, in dem solidarische Stadtvisionen kollektiv entwickelt werden. Anknüpfend an Sara Ahmeds queer-phänomenologische Theorie der Orientierung (2006) rücken wir verkörperte Raumwahrnehmung in den Fokus. (Sexuelle) Orientierung versteht Ahmed nicht als Identität, sondern eine Praxis der Ausrichtung entlang sozialer „straight lines“, die sich in sozialräumliche Strukturen einschreiben. Wer diesen Linien entspricht, bewegt sich scheinbar selbstverständlich durch die Stadt, queere Körper hingegen erfahren Desorientierung. Diese Momente der Desorientierung lassen Raumordnungen sichtbar werden und eröffnen zugleich das Potenzial, um “straight lines” zu durchbrechen.
        Methodisch übersetzen wir dieses Verständnis von (Des-)Orientierung in eine Praxis der Irritation und Intervention, einem Queering of Urban Space. Hierfür orientiert sich der Workshop an Ansätzen des kritischen und kollektiven Kartierens (kollektiv orangotango; Iconoclasistas). In einer machtkritischen Auseinandersetzung mit Karten werden deren koloniale und patriarchale Worldings aufgezeigt und hinterfragt. Aus feministischer und dekolonialer Perspektive begreifen wir Kartieren als Instrument der Wiederaneignung. Kollektive Kartierungsprozesse ermöglichen dabei gegenhegemoniale Repräsentationen, die marginalisierte Perspektiven sichtbar machen und emanzipatorische Handlungsspielräume eröffnen. Gleichzeitig verstehen wir Kartieren als Prozess kollektiver Wissensproduktion, in dem subjektive Erfahrungen geteilt und sozialräumliche Wahrnehmungen sowie Orientierungen dialogisch verhandelt werden.

        Die oben genannten Ansätze werden in drei Schritten im Workshop umgesetzt:
        (1) Ein kurzer Anfangsimpuls in Form einer angeleiteten Übung zu “(Des-)Orientierung” im urbanen Raum. Dabei soll die verkörperte Wahrnehmung von Raum erkundet werden.
        (2) Eine kollektive Kartierung, in der Erkenntnisse aus der Wahrnehmungsübung sowie Erfahrungswissen und Beobachtungen sichtbar gemacht werden. Dabei soll im gegenseitigen Austausch ein Verständnis für das Queering of Urban Space sowie queer-feministische Utopien gestärkt werden. Thematische Anker sind unter anderem (Un-)Sichtbarkeit, Gewalt, Fürsorge, Gesundheit und Zugehörigkeit.
        (3) Eine Reflexion, bei der nicht die fertige Karte, sondern die gemeinsame Diskussion im Mittelpunkt steht. Die Kartierung ist dabei ein offener Prozess, in dem die Teilnehmenden eingeladen werden, alternative Worldings zu imaginieren und Perspektiven auf Stadt, Körper und Gender kollektiv auszuhandeln.

        Im Zentrum stehen Fragen wie:
        ● Entlang welcher „Linien“ bewegen wir uns durch die Stadt und welche davon erscheinen selbstverständlich?
        ● Welche Körper und Lebensweisen werden durch räumliche Ordnungen privilegiert und welche werden verunmöglicht?
        ● Wie verändern sich Wahrnehmung und Raumgefühl, wenn gewohnte Orientierungen irritiert werden?
        Der Workshop versteht sich als spielerischer und experimenteller Diskursraum zwischen Aktivismus und Wissenschaft. Kartieren wird als Praxis des Lernens und Verlernens gedacht, in der dominante räumliche Orientierungen sichtbar und gleichzeitig herausgefordert werden. Ziel ist es, scheinbar neutrale “straight lines” im urbanen Raum zu hinterfragen, gewaltförmige Worldings erfahrbar zu machen und kollektiv queer-feministische Zukunftsentwürfe für die Stadt zu imaginieren.

        Literatur
        Ahmed, S. (2006). Queer phenomenology: Orientations, objects, others. Duke University Press.
        Kollektiv Orangotango (2012). Handbuch Kollektives Kritisches Kartieren. Ein Wegweiser fü r gemeinschaftliche Betrachtung und Verä nderung unserer Territorien des Alltags. 2. Auflage. Letzter Zugriff am 25.02.2026 unter: https://orangotango.info/wp-content/uploads/2021/02/orangotango_Handbuch_Kollektives_Kritisches_Kartieren.pdf.
        Iconoclasistas (2025). Gráficas. Letzter Zugriff am 25.02.2026 unter: https://iconoclasistas.net/cartografias/.

        Bio
        Antonia Schlosser: Studium der Geographie (BSc) an der Universität Wien, Studium der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit (MA). Forschungsschwerpunkt: Feministische Raumaneignung und Raumwahrnehmung mit Fokus auf feministischem Protest.

        Amina Daschil: Studium der Soziologie (BA) sowie Gender, Kultur und sozialer Wandel (MA) an der Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkt: Feministische Stadt- und Raumforschung mit Fokus auf urbane Freiräume und Geschlechterverhältnisse.

        Speakers: Amina Daschil (Universität Innsbruck), Antonia Schlosser (Hochschule Campus Wien)
    • Workshop: Reproduktive Gerechtigkeit – Von Kritiken über Utopien zur Handlungsmacht (D) Seminarraum 13 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 13

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 55
        Reproduktive Gerechtigkeit – Von Kritiken über Utopien zur Handlungsmacht

        Dieser Workshop stellt das Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit als wichtiges Instrument zur Analyse und Auseinandersetzung mit Themen rund um Reproduktion wie Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung und Reproduktionspolitiken vor. Reproduktionspolitiken umfassen Praktiken, Regulierungen, Vorstellungen, Normen und Wissensbestände, die sich auf menschliche Fortpflanzung beziehen. Dabei geht es gleichzeitig um Regulierung durch den Staat, sowie wissenschaftliche, politische und ethische Rahmenbedingungen professionellen Handelns rund um Schwangerschaft, Geburt und Familie (Fröhlich/Schütz/Wolf 2022). Themen rund um Reproduktion werden häufig als privat ausgehandelte Erfahrungswelten gerahmt, jedoch gleichzeitig rechtlich, sozial und medizinisch reguliert. Reproduktion wird dabei als Querschnittsthema und als Brücke zwischen privater Lebensgestaltung und der Bevölkerung als Ganzes verstanden. Zentral ist, dass es nicht nur um vermeintlich natürlich Vorgänge geht, sondern Reproduktionspolitiken historisch gewachsene Verhältnisse zugrunde liegen. In diesem Kontext muss kritisch hinterfragt werden, wie historisch gewachsene Normen aufgebrochen und mithilfe einer intersektional informierten Perspektive auf strukturelle Ungleichheiten überprüft werden. Dafür ist das Konzept von Reproduktiver Gerechtigkeit zentral.
        Das von Schwarzen, US-amerikanischen Aktivistinnen des Sister Song Collective entwickelte Konzept der Reproduktiven Gerechtigkeit kritisiert den weißen feministischen Mainstream in der Diskussion um Reproduktion und verbindet reproduktive Rechte mit sozialer Gerechtigkeit durch die Formulierung folgender Prinzipien: (1) Das Recht, Kinder zu haben, (2) Das Recht, keine Kinder zu haben, (3) das Recht, Kinder in einer sicheren und gesunden Umgebung großzuziehen und (4) das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung (Ross 2021).
        In Form einer Zukunftswerkstatt möchten wir die Möglichkeit bieten, Forschungsthemen im Bereich von Reproduktion und Reproduktionspolitiken in drei Phasen zu diskutieren: (1) Kritik: Zunächst erarbeiten wir aus der Perspektive der Reproduktiven Gerechtigkeit, welche Probleme derzeit im Bereich der Reproduktion bestehen, und geben Raum für Diskussionen über die Rolle verschiedener Institutionen, Vorschriften sowie die Gefahr von Angriffen der Rechten auf z. B. Anbieter von reproduktiver Gesundheitsversorgung. (2) Utopien: Alle werden dazu ermutigt, ihre Fantasie zu nutzen, um utopische Zukunftsvisionen für reproduktive Gerechtigkeit zu entwickeln. (3) Verwirklichung: Drittens entwickeln wir konkrete Schritte, die auf dem Weg zu diesen utopischen Zukunftsvisionen unternommen werden können. Dabei gehen wir von den konkreten Situationen der Teilnehmenden aus und versuchen, diese in einen Zusammenhang mit Ideen Reproduktiver Gerechtigkeit zu setzen.
        Die Teilnehmer dieses Workshops erhalten somit die Möglichkeit, ihre eigene Forschung aus der Perspektive Reproduktiver Gerechtigkeit zu betrachten. Dazu gehört eine Reflexion der eigenen Forschungsperspektive und Positioniertheit(en), die Auseinandersetzung mit kritischen Fragen zum eigenen Thema und zur eigenen Motivation.

        Bio
        Jana Uhmeier promoviert an der Georg-August-Universität Göttingen im Rahmen des Graduiertenkollegs „Mobilitätsrechte im globalen Kontext multipler Krisen“ zur Rolle von Institutionen des Sozialstaats in der Aushandlung Reproduktiver Gerechtigkeit von Geflüchteten. Jana hat zuvor Soziale Arbeit und Gender Studies studiert. In der Masterarbeit untersuchte Jana, inwieweit Ansätze der Reproduktiven Gerechtigkeit für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit relevant sein können.

        Lisa Brünig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Lisa promoviert in der Soziologie an der Georg-August-Universität Göttingen zum politischen Kampf um Abtreibung in Deutschland. Sie studierte Politikwissenschaften und sozialwissenschaftliche Diversitätsforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Reproduktionspolitiken, Antifeminismus und Intersektionalität.

        Speakers: Jana Uhmeier (Universität Göttingen), Lisa Brünig (MHH, Universität Göttingen)
    • Workshop: Theorie als un-/caring Worlding: Methodologische Herausforderungen kritischer Theorieproduktion (D) Seminarraum 11 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 11

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 56
        Theorie als Un/Caring Worlding: Reflexionsraum für die eigene Forschungspraxis

        Theorien prägen performativ die Welt. Die Art und Weise, wie wir unsere Forschung betreiben, hat Auswirkungen auf gegenwärtige Worldings sowie auf unsere Vorstellung von alternativen Worldings. Angesichts der weltweiten autoritären und antidemokratischen Kontinuitäten und Verschärfungen, ist es notwendig, darüber nachzudenken, welche Methodologien unser Theoretisieren anleiten und welche Worldings es befördert, unterbricht oder un-/denkbar macht. Dennoch wird die Frage nach Methoden und Methdologie bei der Entwicklung kritischer Theorien regelmäßig vernachlässigt.
        In Anlehnung an Buckel und Sonderegger (2022) schlagen wir vor, Theorieproduktion als Care-Arbeit zu betrachten. Nicht nur, dass wir uns sorgen ist entscheidend, sondern auch wie. Care kann eine Methode sein. Wir möchten gemeinsam drei Dimensionen dessen diskutieren: Erstens die Sorge um und für die Theorie selbst, zweitens die Sorge um und für diejenigen (menschlichen und nicht-menschlichen) Wesen, denen wir durch unsere Arbeit begegnen, und drittens die Sorge um die Um-/Welt und ihre kollektive Hervorbringung. Damit rücken insbesondere methodologisch-epistemologische Probleme wie Extraktivismus, Verletzbarkeit, Romantisierung und response-ability in den Mittelpunkt der Beschäftigung mit dem eigenen Theoretisieren – Probleme, die auch in ethnografischen Debatten vielfach diskutiert wurden und werden. Kritische ethnografische Ansätze bieten wertvolle methodologische Impulse, die über den gängigen Modus der individualisierten Selbstreflexion hinausweisen.
        Der Workshop beginnt mit zwei kurzen, problemzentrierten Inputs der Workshopleiterinnen, um danach gemeinsam ins Gespräch zu kommen über Fragen wie: Was könnte es heute bedeuten, Forschung und insbesondere Theorie als eine Art von un-/fürsorglichem Worlding zu betrachten? Welche Archive informieren unser Denken? Können wir Theorie in ethnografischen Begriffen denken – und vice versa? Welche Rolle spielen die Körper der Theoretiker*innen und deren Self-Care? Was ändert sich, wenn wir uns der Theorie aus methodologischer statt aus aus epistemologischer Perspektive nähern? Was sind Fallstricke, wenn wir Theorie als Care-Arbeit kategorisieren? Wann wird Fürsorge zu Bevormundung oder Kritikimmunisierung? In welchem Verhältnis steht eine „fürsorgliche“ Theorie zu Bewegungskontexten? Dieser Workshop soll die dringend benötigte Zeit und den Raum bieten, um über die eigene Theorie-/Praxis und deren mögliche Auswirkungen auf un-/caring Worldings nachzudenken.

        Bio
        Mareike Gebhardt (she/her) is Endowed Professor for Migration, Internal Border Regimes, and Bureaucracy at the University of Applied Sciences St. Pölten. Using a feminist and postcolonial lens, her works focus on the production of otherness through border work in European democracies. She has a background in political theory, with a particular interest in poststructuralism and critical theories, and works at the intersection of migration and border regime studies and gender studies. The last four years (2022-26), Mareike co-lead the Gerda Henkel Foundation research group ZivDem on civil search and rescue in the Mediterranean at the universities of Bonn and Münster.

        Carolin Zieringer (sie/ihr) ist promovierte politische Theoretikerin und arbeitet derzeit an der Universität Bremen. Sie arbeitet zu (radikalen) Demokratietheorien und intersektional-feministischen Theorien mit einem Schwerpunkt zu Fragen von Körperlichkeit und Subjektivität. Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit anti-ableistischen Demokratietheorien.

        Speakers: Carolin Zieringer, Mareike Gebhardt
    • 10:30
      Kaffeepause Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Panels: (Onto-)Epistemologien von Worlding 03 (D) Kleiner Hörsaal (Ágnes-Heller-Haus, UG)

      Kleiner Hörsaal

      Ágnes-Heller-Haus, UG

      Convener: Jul Tirler (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Universität Wien)
      • 57
        The Uses of Intersectionality: Unterdrückungsverhältnisse und diskursive Ver-Gleitungen in LGBTIQ*-Bewegungen in Österreich

        Es ist kein großes Geheimnis, dass der Verweis auf Unterdrückungsverhältnisse Machtstrukturen nicht nur abbauen, sondern sie auch reproduzieren kann, von der Verwendung von Intersektionalität als kulturellem Kapital in weißen Feminismen und neoliberalen Hochschulen (Jennifer C. Nash) bis zur Betonung von zertifizierter Diversitätskompetenz zur Rechtfertigung von klassenbasierten Ausschlüssen in LGBTIQ*- Bewegungen (Jane Ward). Aber wie können solche Reproduktionen konkret aussehen, und mit welchen Widersprüchen sind sie verbunden?
        Ich habe 2018/2019 im Rahmen meines Dissertationsprojekt Gespräche mit Wissenschaftler*innen/Aktivist*innen geführt, die in Österreich zu LGBTIQ*-Themen gearbeitet haben. In diesen Gesprächen haben mitunter Teilnehmende aus sehr unterschiedlichen Positionen Unterdrückungsverhältnisse angerufen, und das oft auf Arten und Weisen, die einander strukturell sehr ähnlich waren. So könnte zum Beispiel jemand, der sich selbst als alter weißer cis Mann bezeichnet, angesichts von Rassismusvorwürfen altersbasierte Ausschlüsse betonen; oder trans Aktivismen könnten aufgrund ihrer Unverständlichkeit als klassistisch und damit illegitim dargestellt werden.
        In diesem Beitrag gehe ich der Verknüpfung solcher Anrufungen von Unterdrückungsverhältnissen nach. Insbesondere möchte ich nachzeichnen, wie das implizite Gleiten von einer Achse intersektionaler Unterdrückung zur nächsten bestimmte Ungleichheiten betont, während andere übergangen werden. Dabei möchte ich diese „Ver-Gleitungen“ nicht als bloß defensiv oder gar böswillig abtun, sondern sie als symptomatisch für Spannungen in LGBTIQ*-Bewegungen in Österreich und progressiven politischen Räumen allgemein verstehen. Wie sind diese Anrufungen von Intersektionalität mit der Betonung von marginalisierten Positionen verbunden, und wie kann eine Beurteilung solch widersprüchlicher Anrufungen möglich sein (oder aber nicht)?

        Speaker: Boka En (Universität Wien)
      • 58
        Die Negation des sexuell ‘Anderen’ in sexualpädagogischen Diskursen

        Aktuelle Forschungen zeigen, dass sexuelle Bildung häufig nicht nur vergeschlechtlicht und heteronormativ strukturiert ist, sondern dass – oftmals weniger sichtbar– auch klassifizierende, rassifizierende und ableistische Macht- und Gewaltverhältnisse wirksam sind (Reuter & Kleiner 2025; Thuswald 2022; Schweitzer 2021; Strnadová et.al 2021; Fields 2008; Redai 2019). Dieser Beitrag befasst sich mit Worldings im Sinne rassifizierter macht- und gewaltförmiger Prozesse der Welterzeugung im Kontext sexueller Bildung. Im Zentrum steht eine Diskursanalyse (Foucault 1990) handlungsleitender sexualpädagogischer Texte – darunter Ratgeber, Lehrmaterialien und didaktische Publikationen – aus Deutschland und Österreich der „langen 1960er-Jahre.“ Ausgehend von der empirischen Beobachtung, dass sowohl in christlich-konservativen als auch im sexuellen Bereifungsdiskurs häufig und ohne Notwendigkeit auf den sexuell „Anderen“ rekurriert wird, arbeitet der Beitrag – in Anschluss an schwarz-feministische und dekoloniale Theorien – heraus, wie das sexuelle Subjekt deutschsprachiger sexualpädagogischer Diskurse durch die Negation dieses sexuell „Anderen“ hervorgebracht wird (e.g. Stoler 1995; Hartmann 1997; Lugones 2007; Broeck 2018; Belcourt 2018). Trotz der Heterogenität der herangezogenen theoretischen Perspektiven wird argumentiert, dass diese eine Kritik an eurozentrischen Subjektkonstitutionen teilen, die es ermöglicht, die den westlichen sexuellen Subjektivierungen zugrunde liegenden Prozesse der Dehumanisierung, Ausbeutung und Eliminierung in den Blick zu nehmen. Die Analyse zeigt, dass im untersuchten Material der sexuell „Andere“ sowohl durch die Negation dessen hervorgebracht wird, was im Zentrum der eigenen sexuellen Selbstverhältnisse steht (z. B. Freiheit, Selbstsouveränität, Adoleszenz, Zivilisiertheit), als auch durch romantisierende und exotisierende Projektionen eigener Befreiungsideale (z. B. weibliche Lust, community-basierte und praxisorientierte sexuelle Bildung). Der Beitrag zeigt damit auf, inwiefern durch „westliche“ sexualpädagogische Diskurse erzeugte Welten „gebrochene“ Subjekte (Belcourt 2019) ins Leben rufen, und macht sichtbar, dass weiterhin relevante sexualpädagogische Konzepte auf der Fantasie ungebrochener Subjekte beruhen.

        Bio
        Tanja Vogler ist Universitätsassistentin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen soziale Bewegungen, sexuelle Bildung, Subjektivierungstheorien, queer-feministische Theorien, qualitative Methoden sowie Diskursanalyse. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt analysiert sie kulturelle Techniken der Selbstverhältnisse in der deutschsprachigen Sexualpädagogik und deren Verschränkungen mit Rassismus, Heteronormativität, Androzentrismus sowie klassenbezogenen Ungleichheiten.

        Speaker: Tanja Vogler (Universität Wien)
      • 59
        Default: Nonbinär. Theater-Utopie und präzise Geschichten

        Monique Wittig erinnert daran, Kategorien nicht strategielos zu reproduzieren. Mit dem unkritischen Evozieren von Kategorien werde der Mythos dahinter hervorgerufen, die Kategorie geschwächt, die Kategorie-Logik aber gestärkt. Von dieser Grundüberlegung her beschreibe ich eine Möglichkeit des Erzählens – im Theater –, das ausschließlich thematisch
        relevante Kategorien evoziert/re-produziert. Vorgeschlagen wird ein nonbinäres Default, im Zuge dessen Figuren grundsätzlich kein (binäres) Geschlecht haben – nonbinär sind. Die Figur rückt ins Zentrum; ein Geschlecht legt sich ausschließlich im Falle einer inhaltlichen Notwendigkeit fest. Der existierenden Prävalenz von Zweigeschlechtlichkeit wird damit nicht widersprochen, ihre Notwendigkeit jedoch hinterfragt. Besonders das kommerzielle Theater hat Potenzial zum Verschieben von Normhorizonten. Die Zweigeschlechtlichkeit wird mit nonbinärem Default von ihrer Normvorherrschaft abgelöst und als optionale Eigenschaft definiert. Das Erzählen wird dadurch präziser; die ablenkende Beschwörung des Mythos geschieht fortan nur im Rahmen inhaltlicher Relevanz.

        Nonbinärität wird im Sinne einer queeren Dekonstruktion von Geschlecht betrachtet und neben Wittig etwa im Zuge der von Derrida aufgegriffenen Frage nach Geschlechtsneutralität als Gewaltakt besprochen. Anhand von Erfahrungen aus der Praxis werden die theoretischen Überlegungen dann dargelegt. Ich zeige, dass die kontingenten metaphysischen Vorannahmen einer bereits gewaltvollen Geschlechtsmarkierung im Dienst eines präziseren Erzählens aufgelöst werden müssen: womit das neue Default eingeführt wird. Wie Figuren als nonbinär lesbar werden, wird dabei einerseits problematisiert; andererseits lässt sich binäre Geschlechtlichkeit mit subtilen Normdurchbrechungen produktiv irritieren, etwa mit Wittig:
        "lesbians are not women". Abschliessend werde ich fragen, inwiefern das Theater durch das Präsentieren einer solchen queeren Utopie Zukunftsvorstellungen ermöglicht – welche neuen Welten vorstellbar werden.

        Bio
        Eli/as Ziegler ist Masterstudentin (Geschlechterforschung & Digital Humanities) an der Universität Basel und dort wissenschaftliche Hilfsassistenz am Zentrum Gender Studies. Sie interessiert sich momentan für queere Utopien, lesbische/feministische Semiotik und Performativität im kommerziellen Theater. Hauptberuflich arbeitet Eli als Musicaldarstellerin.

        Speaker: Eli Ziegler (Universität Basel)
    • Panels: Forschung als Worlding: Erfahrungen aus laufenden Forschungsvorhaben (D) Seminarraum 13 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 13

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Viktorija Ratković (Universität Klagenfurt)
      • 60
        Forschung als Worlding: Erfahrungen aus laufenden Forschungsvorhaben

        Im Fokus des Panels steht die Frage, welche Konsequenzen zu ziehen sind, wenn Forschung selbst als Worlding verstanden wird. Aus einer dekolonial informierten Perspektive argumentieren wir, dass Forschung selbst dazu beiträgt/beitragen kann, Gewalt(strukturen) aufrecht zu erhalten – etwa indem bestimmte Fragestellungen (nicht) in den Blick genommen werden oder auch, indem Forschungsvorhaben so angelegt werden, dass sie die ‚Beforschten‘ als reine Objekte der Wissensproduktion betrachten. Gleichzeitig stellen wir (uns) die Frage, wer wie und unter welchen Bedingungen überhaupt forschen kann. So sind Universitäten Räume, in denen Studierende, Lehrende und Forschende laufend Privilegierungen und/oder Benachteiligung entlang von unterschiedlichen sichtbaren und unsichtbaren, zugeschriebenen und/oder selbst gewählten Differenzkategorien bzw. Positionierungen erleben. Gerade jene, die verAndert werden, forschen unter schwierigen, prekären und gewaltvollen (Arbeits)Bedingungen. Ein kritische, sensible und Care verpflichtete Forschungspraxis kann allerdings auch dazu beitragen, nicht nur die Bedingungen der Wissensproduktion, sondern auch gesellschaftliche (Gewalt)Verhältnisse zu verändern.
        Im Panel geben die Organisator*innen zunächst Einblicke in Form von Blitzlichtern in ihre laufenden Forschungsvorhaben: Sie thematisieren dabei u.a. die Fragen, welche Rolle Privilegierung/ Benachteiligung in ihrem Forschungsvorhaben spielen und unter welchen Bedingungen sie ihre Forschung überhaupt durchführen können. Verena Kumpusch skizziert die in ihrer intersektional, queer-feministisch und rassismuskritisch informierter Analyse von Unterrichtsmaterialien zu Geschlechterfragen für die Schule sichtbar gewordene (Un)Gleichzeitigkeiten, die auch als produktive Aporien betrachtet werden können. Viktorija Ratković beschreibt aus der Perspektive einer konvivialen (Hochschul)Bildung die (Arbeits)Bedingungen in der Wissenschaft als von Macht-, Herrschafts- und Gewaltverhältnissen durchzogen, die sowohl Lehrenden als auch Lernenden Räume eröffnen bzw. verschließen, kritisch zu denken, zu handeln und zu vermitteln. Rosemarie Schöffmann fragt anhand ihrer Forschung zu außerschulischen Bildungsangeboten g aus einer intersektionalen Perspektive nach den Möglichkeiten und Grenzen von partizipativen Bildungs- und Forschungsansätzen. Sie fragt zudem danach, welche (Un)möglichkeiten in diesen Lernprozessen sichtbar werden und welche VerAnderungen strukturell ermöglicht werden.
        Im Fokus des Panels soll der anschließende Austausch mit Teilnehmenden entlang folgender Fragen erfolgen: Was verunmöglicht (die eigene) Forschung oder auch (eigene) (pädagogische) Praxis? Was unterstützt und stärkt/empowert? Wie wollen wir (nicht mehr) arbeiten?

        Bios
        Juliana Krohn ist Friedens- und Konfliktforscherin an der Universität Graz und Trainerin sowie Workshop-Koordinatorin beim Friedensbüro Salzburg. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis ist ihr ein großes Anliegen. Sie ist Mitglied des Fachbeirats Transformative Bildung der österreichischen UNESCO-Kommission und der Transnational Steering Group der Global Campaign for Peace Education.
        Verena Kumpusch, BA MA, ist an der Universität Klagenfurt tätig. Im Rahmen ihrer Dissertation Lehre und Forschung zu Wissensverhältnissen hinsichtlich Gender, Queer, Intersektionalität und Diversität in Erziehungs-, Bildungs- und Sozialisationsprozessen. Außerdem wissenschaftliche Schreibberaterin und zurzeit Projektmitarbeiterin im Forschungsprojekt transform2gether.
        Viktorija Ratković forscht und lehrt zu den Schwerpunkten Kritische Migrationsforschung, Friedensforschung, Friedensbildung sowie Konvivialität/Zusammenleben am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung, Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung/Universität Klagenfurt. U. a. als Betriebsrätin für das wissenschaftliche Personal beschäftigt sie sich mit prekären (Arbeits-)Verhältnissen sowie Visionen für ein gutes Leben (in der Wissenschaft).
        Rosemarie Schöffmann, Universitätsassistentin Universität Klagenfurt, Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. Sie forscht dort am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung. Jahrelange praktische Arbeit im Training, in der Beratung sowie in der Projektkoordination in einer feministischen Einrichtung. Forschungsschwerpunkte sind: Intersektionalität, Geschlechterverhältnisse, Friedensbildung und Global Citizenship Education sowie post- und dekoloniale Theorie.

        Speakers: Juliana Krohn (Universität Graz), Rosemarie Schöffmann (Universität Klagenfurt), Viktorija Ratković (Universität Klagenfurt), Verena Kumpusch (Universität Klagenfurt)
    • Panels: Jenseits des Metropolen-Fokus: Potentiale ruraler Queer Studies (D) Seminarraum 8 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 8

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Conveners: Flavia Guerrini (Institut für Erziehungswissenschaft / CGI - Center für interdisziplinäre Geschlechterforschung), Paul Scheibelhofer (Institut für Erziehungswissenschaft)
      • 61
        Jenseits des Metropolen-Fokus: Potentiale ruraler Queer Studies

        Moderation: Flavia Guerrini und Paul Scheibelhofer

        Flavia Guerrini und Paul Scheibelhofer: Queer in Tirol. Herausforderungen, Erkenntnisse, Desiderate.
        Der Beitrag diskutiert Debatten zum Metropolen-Fokus der Queer Studies und verdeutlicht die Notwendigkeit einer Überwindung dieses Bias. Welche Erkenntnispotentiale und Herausforderungen sich für Queer Studies stellen, die Metropolen verlassen, wird anhand Überlegungen zu einem Forschungsprojekt über queere Lebensrealitäten in Tirol dargestellt.

        Magdalena Huter: Queerfeindlichkeit in Tirol. Eine Expert:innen-Befragung zur Lebenssituation queerer Menschen
        Der Beitrag basiert auf einer Masterarbeit, in der anhand von Expert*inneninterviews die Erfahrungen und Einschätzungen von Vereinen und Organisationen zur Lage von LGBTIQ*-Personen erhoben werden. Es werden rurale und städtische Kontexte einbezogen, um ein breites Bild zu aktuellen Herausforderungen und Erfahrungen von queeren Menschen im gesamten Tiroler Raum zu bekommen.

        Alaska Brabetz: Queere Lebensrealitäten in christlich geprägten suburbanen und ländlichen Kontexten
        Der Vortrag beschäftigt sich mit den Erfahrungen queerer Menschen aus christlich-religiösen Umfeldern im ländlichen und suburbanen Raum. Auf der Grundlage von Daten aus qualitativen Interviews soll aufgezeigt werden, wie sich das Spannungsfeld zwischen christlicher Religion und Queerness, insbesondere in engen religiösen Gemeinschaften jenseits großer Metropolen, verstärkt.

        Karin Schönpflug und Viktoria Eberhardt: Methodisch Herausforderungen in Forschungen zur Lebenssituation von LGBTIQ*-Personen
        Zehn Jahre nach der ersten Studie wurden 2024/25 im Rahmen der Studie „Queer in Wien 2“ die Lebenssituationen von LGBTIQ*-Personen erhoben. Der Beitrag stellt Reflexionen zu methodischen und methodologischen Herausforderungen solcher Forschungen an und gibt diesbezüglich Hinweise zur Bedeutung urbaner und ruraler Kontexte.

        Bios
        Alaska Brabetz, BA, studiert im Master Gender, Kultur und Sozialer Wandel an der Universität Innsbruck und setzt sich in deren Masterarbeit mit den Erfahrungen queerer Menschen auseinander, die in christlich religiösen Kontexten im deutschsprachigen Raum aufgewachsen sind.
        Viktoria Eberhardt, MA BA Bakk.phil, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung in Wien. Sie studierte Internationale Entwicklung und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich von Geschlechterverhältnissen, LGBTIQ+ Forschung und gesellschaftlichen Ungleichheiten.
        Ass.-Prof.in Mag.a Flavia Guerrini, PhD, ist Assistenzprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft und am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universität Innsbruck. Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen kritische Geschlechterforschung, historische Forschung zu marginalisierten Kindheiten und Social Care, qualitative Bildungs- und Sozialforschung.
        Magdalena Huter, BA, ist Studentin im Masterstudium Gender, Kultur, sozialer Wandel an der Universität Innsbruck. Schon in ihrem Bachelorstudium in Soziologie setzte sie sich mit diversen Aspekten von sozialer Ungleichheit und Diskriminierung auseinander. In ihrer Masterarbeit forscht sie zu Queerfeindlichkeit in Tirol.
        Ass.-Prof. Dr. Paul Scheibelhofer, ist Assistenzprofessor für Geschlechterforschung am Institut für Erziehungswissenschaft derUniversität Innsbruck. Er befasst sich in Forschung und Lehre aus intersektionaler Perspektive mit den Themen: Männlichkeit und Geschlecht, Sorgebeziehungen und Gewalt sowie Sexualität und Sexualpädagogik.
        Dr.in Karin Schönpflug, ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Senior Researcher am Institut für Höhere Studien Wien. Sie befasst sich u.a. mit sozioökonomischer Inklusion und Exklusion von marginalisierten Menschen und den sozialen Kosten von Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen, Kindern und LGBTIQ+-Bevölkerungsgruppen.

        Speakers: Alaska Brabetz, Flavia Guerrini (Institut für Erziehungswissenschaft/CGI), Karin Schönpflug (IHS), Magdalena Huter, Paul Scheibelhofer (Institut für Erziehungswissenschaft), Viktoria Eberhardt
        • a) Queerfeindlichkeit in Tirol. Eine Expert:innen-Befragung zur Lebenssituation queerer Menschen

          Der Beitrag basiert auf einer Masterarbeit, in der anhand von Expertinneninterviews die Erfahrungen
          und Einschätzungen von Vereinen und Organisationen zur Lage von LGBTIQ
          -Personen erhoben
          werden. Es werden rurale und städtische Kontexte einbezogen, um ein breites Bild zu aktuellen
          Herausforderungen und Erfahrungen von queeren Menschen im gesamten Tiroler Raum zu
          bekommen.

          Speaker: Magdalena Huter
        • b) Queere Lebensrealitäten in christlich geprägten suburbanen und ländlichen Kontexten

          Der Vortrag beschäftigt sich mit den Erfahrungen queerer Menschen aus christlich-religiösen
          Umfeldern im ländlichen und suburbanen Raum. Auf der Grundlage von Daten aus qualitativen
          Interviews soll aufgezeigt werden, wie sich das Spannungsfeld zwischen christlicher Religion und
          Queerness, insbesondere in engen religiösen Gemeinschaften jenseits großer Metropolen, verstärkt.

          Speaker: Alaska Brabetz
        • c) Methodische Herausforderungen in Forschungen zur Lebenssituation von LGBTIQ*-Personen

          Zehn Jahre nach der ersten Studie wurden 2024/25 im Rahmen der Studie „Queer in Wien 2“ die
          Lebenssituationen von LGBTIQ*-Personen erhoben. Der Beitrag stellt Reflexionen zu methodischen
          und methodologischen Herausforderungen solcher Forschungen an und gibt diesbezüglich Hinweise
          zur Bedeutung urbaner und ruraler Kontexte.

          Speakers: Karin Schönpflug (IHS), Viktoria Eberhardt
    • Panels: Out of Time, Out of Space: Migrant Women*’s Alienation from Public Space (E) Seminarraum 12 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 12

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Linda Greuter
      • 62
        Out of Time, Out of Space: Migrant Women*’s Alienation from Public Space

        This panel centres migrant women*’s bodies as the site where spatial, temporal, and cultural regimes congeal. Orientation - embodied ways of facing, sensing, and finding paths - is not freely available: movement and presence are organised by circular residence permissions and layered legal restrictions, that “put” bodies in place rather than enable orientation and movement. Cultural norms and local identities script moral expectations, defining who is entitled to appear, speak, and host, dynamics visible in the Austrian context. Power’s echo reverberates through affect, habit, and the built environment (Pile, 1996), while racialised imaginaries and spatial norms reproduce a public/private divide that casts migrant women* as perpetually “out of space” (Puwar, 2004).
        Domination also acts through perception and audition. Stereotypes of dependency, passivity, or threat are spatialised across urban imaginaries and policing, scripting bodies as hypervisible or invisible. Racialised listening and accent policing, noise and smell complaints targeting certain communities, and olfactory profiling shape how gestures are read, how proximity is policed, and how care and competence are recognised. The echo of domination thus returns as a gaze and an ear that pre-judge and as infrastructures (lighting, acoustics, signage, thresholds) that materialise those judgements.
        Public space appears as a political question of ownership, value, and control. Property regimes, citizenship status, and cultural expectations decide whose participation shapes public life. From a phenomenological perspective, embodied ownership, the sanctioned capacity to touch materials, inhabit institutional spaces, convene others, and appear audibly and visibly, organises access and authority. Against these constraints, reclamation functions as method and mandate: re-occupying, re-programming, and re-signifying space through collective design and cultural work. Decolonising architecture and art demonstrate how spaces of control can become spaces of assembly by unmaking colonial forms, instituting a right to host, and creating infrastructures (Hilal, 2013 & 2019; DAAR, 2019 & 2021). Such interventions confront domination at its affective, cultural, and material sources: They detune stereotypes and enable migrant women* to touch space, be seen and heard.
        A transdisciplinary approach drawing on architecture, art, philosophy, and law frames diagnosis and intervention. Phenomenological accounts of orientation and disorientation clarify how bodies align with and resist material and sensory cues (Ahmed, 2006), while imaginaries of queer time unsettle normatively scripted life courses and “integration” (Halberstam, 2005). Attention to institutional spaces and ostensibly “neutral” infrastructures shows how the present is produced by regimes that narrow capacities to appear, participate, and claim rights.

        Questions
        - How do spatial, temporal, and cultural regimes immobilise and disorient migrant women*’s bodies, shaping who can appear, be seen, and be heard in public?
        - How do ownership, values, legal status, and cultural norms govern the right to touch space and, with it, democratic participation?
        - Which spatial and sensory arrangements (design, acoustics, accessibility) reproduce racialised disconnection, and which reclamation strategies (hosting, commoning, counter-mapping, sensory audits, participatory redesign) can rework them?
        - How can transdisciplinary approaches and concepts of queer time and reorientation reshape publics in climates hostile to migration?

        Short Bio
        Linda Greuter is a researcher at the Institute for Legal Gender Studies, JKU, and a master's student of Media, Culture and Arts Theories at the University of Arts Linz. She recently submitted her PhD on the dependency of family members in migration law and the state’s obligation to reduce stereotypes.
        Flavia Matei is an architecture graduate, teaching and researching at Studio BASEhabitat, Institute for Architecture at the University of Arts Linz. Her research focuses on regenerative design, material ecology, and building economies, with a particular interest in socio-political systems shaping public space.
        Ayan Rezaei is an architect, artist, and feminist activist. Her artistic works explore themes influenced by her personal experiences within a socio-political context. Her research centers on queer sensory experiences and materiality in public spaces, examining their role in the phenomenology of democracy.

        Speakers: Ayan Rezaei, Flavia Matei (University of Arts, Linz), Linda Greuter (JKU Linz)
    • Panels: Queere Welten erspielen: Körper- und Gemeinschaftsentwürfe im Tabletop Rollenspiel (D) Seminarraum 11 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 11

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Brigitte Rath (Universität Innsbruck)
      • 63
        Queere Welten erspielen: Körper- und Gemeinschaftsentwürfe im Tabletop Rollenspiel

        In Tabletop Roleplaying Games (TRPGs) erschaffen Spieler*innen durch die von ihnen erzählten Handlungen ihrer Figuren innerhalb eines Regelsystems gemeinsam eine Geschichte in einer imaginierten Welt. TRPGs, die privat gespielt oder als „Actual Plays“ für ein Publikum performiert werden können, eignen sich als ludische Kunstform, wie dieses Panel zeigt, besonders gut, um Queeres Worlding zu betreiben.

        Devon Anderson’s “Critical Encounters: Narratives Powered by the Apocalypse” considers the affordances of TRPGs, collaborative improvisational storytelling projects that generate narratives through dynamic scenes of encounter. Devon examines TRPGs that are “Powered by the Apocalypse,” that is, either inspired by or referencing mechanics from the popular game Apocalypse World (2010). While these games imagine worlds in the grip of apocalyptic events, they direct our focus away from urgent global crises and toward the interpersonal dynamics that emerge when players and characters must navigate challenges as a collective. Bringing these games into conversation with queer temporalities that decenter the future, kinship models beyond the family, and Black speculative traditions of imagining otherwise, Devon suggests that TRPGs offer radical new ways to think, describe, and tell stories about the world as we know it. These games manifest queer worlds by encouraging players to eschew our investment in futurity, to stay with the trouble of contemporary permacrises, and to envision forms of sustainable life built around cooperation, connection, and collective well-being.

        Feyza Onay konzentriert sich in „Magie als weltordnende und weltöffnende queere Praxis in Fantasy-TRPGs“ darauf, wie Magie in TRPGs-Regelsystemen wie etwa Dungeons & Dragons Körper (ver)formt und so weit jenseits einer genderbinären Matrix imaginiert. Magiesysteme positionieren die Figuren entlang von Klasse und Geschlecht und ermöglichen zugleich die Überschreitung dieser Kategorien. Denn die Ausübung von Magie ist ein transgressiver Akt: Körpergrenzen und Geschlechteridentitäten werden – etwa durch Transformation und Telepathie – uneindeutig. Die Funktion von Magie als Ressource der Gewalt oder der Sorge, die von Körpern ausgeht und/oder von Körpern aufgenommen wird, vernetzt unweigerlich die Figuren mit ihrer Umwelt, dem Unbekannten, Ungewissen, dem Anderen, versetzt sie in neue Bündnisse. Dieser Beitrag analysiert die Verschränkungen von Magie, Körper und Geschlecht aus einer genderqueeren Perspektive und zeigt, wie hegemoniale Geschlechterordnungen und Zugehörigkeiten in Fantasy-TRPGs irritiert und neu verhandelt können, sodass queere Weltentwürfe im Spiel bereits praktische Realisierung erfahren.

        Brigitte Raths “Heterogene Bündnisse” arbeitet heraus, wie in TRPGs und Actual Plays analytisch üblicherweise strikt getrennte Ebenen (reale Welt; Spiellogik; imaginierte Welt) konstitutiv verwischt werden. Spieler*innen wechseln ständig zwischen Handlungen „außerhalb“ des Spiels (z.B. Trinken, plaudern), solchen, die die Spiellogik erfordert (z.B. Würfeln, Regeln nachschlagen), und solchen, die die gemeinsam imaginierte Geschichte
        voranbringen (z.B. als Figur in der imaginierten Welt handeln). Spieler*innen verkörpern dabei, in Actual Plays vor und für Publikum, häufig zugleich “sich” und ihre Figur, die beliebig weit von der sonst zugeschriebenen (Gender-)Identität entfernt sein kann. Während die Figuren Hindernisse durch Kollaboration und gegenseitige Unterstützung überwinden und dabei freundschaftliche Bindungen aufbauen, wirken die Spieler*innen zusammen, indem sie von Bündnissen zwischen ihren Charakteren erzählen und sie so überhaupt erst ermöglichen. Diese Ebenen- und Identitätsüberblendungen haben zwei relevante Konsequenzen für Queeres Worlding: queere Gemeinschaftsbildung und eine Reflexion heterogener Relationalität.

        Speakers: Brigitte Rath (Universität Innsbruck), Devon Anderson (Universität Innsbruck), Feyza Onay (Universität Innsbruck)
        • a) Critical Encounters: Narratives Powered by the Apocalypse

          Devon Anderson’s “Critical Encounters: Narratives Powered by the Apocalypse”
          considers the affordances of TRPGs, collaborative improvisational storytelling projects that
          generate narratives through dynamic scenes of encounter. Devon examines TRPGs that are
          “Powered by the Apocalypse,” that is, either inspired by or referencing mechanics from the
          popular game Apocalypse World (2010). While these games imagine worlds in the grip of
          apocalyptic events, they direct our focus away from urgent global crises and toward the
          interpersonal dynamics that emerge when players and characters must navigate challenges as
          a collective. Bringing these games into conversation with queer temporalities that decenter
          the future, kinship models beyond the family, and Black speculative traditions of imagining
          otherwise, Devon suggests that TRPGs offer radical new ways to think, describe, and tell
          stories about the world as we know it. These games manifest queer worlds by encouraging
          players to eschew our investment in futurity, to stay with the trouble of contemporary
          permacrises, and to envision forms of sustainable life built around cooperation, connection,
          and collective well-being.

          Speaker: Devon Anderson (Universität Innsbruck)
        • b) Magie als weltordnende und weltöffnende queere Praxis in Fantasy-TRPGs

          Feyza Onay konzentriert sich in „Magie als weltordnende und weltöffnende queere Praxis in Fantasy-TRPGs“ darauf, wie Magie in TRPGs-Regelsystemen wie etwa Dungeons & Dragons Körper (ver)formt und so weit jenseits einer genderbinären Matrix imaginiert. Magiesysteme positionieren die Figuren entlang von Klasse und Geschlecht und ermöglichen zugleich die Überschreitung dieser Kategorien. Denn die Ausübung von Magie ist ein transgressiver Akt: Körpergrenzen und Geschlechteridentitäten werden – etwa durch Transformation und Telepathie – uneindeutig. Die Funktion von Magie als Ressource der Gewalt oder der Sorge, die von Körpern ausgeht und/oder von Körpern aufgenommen wird, vernetzt unweigerlich die Figuren mit ihrer Umwelt, dem Unbekannten, Ungewissen, dem Anderen, versetzt sie in neue Bündnisse. Dieser Beitrag analysiert die Verschränkungen von Magie, Körper und Geschlecht aus einer genderqueeren Perspektive und zeigt, wie hegemoniale Geschlechterordnungen und Zugehörigkeiten in Fantasy-TRPGs irritiert und neu verhandelt können, sodass queere Weltentwürfe im Spiel bereits praktische Realisierung
          erfahren.

          Speaker: Feyza Onay (Universität Innsbruck)
        • c) Heterogene Bündnisse

          Brigitte Raths “Heterogene Bündnisse” arbeitet heraus, wie in TRPGs und Actual Plays analytisch üblicherweise strikt getrennte Ebenen (reale Welt; Spiellogik; imaginierte Welt) konstitutiv verwischt werden. Spielerinnen wechseln ständig zwischen Handlungen „außerhalb“ des Spiels (z.B. Trinken, plaudern), solchen, die die Spiellogik erfordert (z.B. Würfeln, Regeln nachschlagen), und solchen, die die gemeinsam imaginierte Geschichte
          voranbringen (z.B. als Figur in der imaginierten Welt handeln). Spieler
          innen verkörpern dabei, in Actual Plays vor und für Publikum, häufig zugleich “sich” und ihre Figur, die beliebig weit von der sonst zugeschriebenen (Gender-)Identität entfernt sein kann. Während
          die Figuren Hindernisse durch Kollaboration und gegenseitige Unterstützung überwinden und dabei freundschaftliche Bindungen aufbauen, wirken die Spieler*innen zusammen, indem sie von Bündnissen zwischen ihren Charakteren erzählen und sie so überhaupt erst ermöglichen.
          Diese Ebenen- und Identitätsüberblendungen haben zwei relevante Konsequenzen für Queeres Worlding: queere Gemeinschaftsbildung und eine Reflexion heterogener Relationalität.

          Speaker: Brigitte Rath (Universität Innsbruck)
    • Panels: Theorizing the Speaking Body: Von der Antike zu digitalen Sprachdaten (D) Seminarraum 9 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 9

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Conveners: Claudia Posch (Institut für Sprachwissenschaft), Kordula Schnegg (Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Mitglied der FP CGI), Ursula Schattner-Rieser
      • 64
        Theorizing the Speaking Body: Von der Antike zu digitalen Sprachdaten

        Sprache markiert und macht - ob gesprochen oder verschriftlicht: Sprache materialisiert Körper. Das vorgeschlagene Panel verbindet geschlechterhistorische, genderlinguistische, intersektionale sowie inter- und transdisziplinäre Perspektiven, um zu zeigen, wie Sprachpraktiken in Vergangenheit und Gegenwart Körper hervorbringen. Wir fragen, wie Vernetzungen von Sprache und Körper Bedeutungen, Identitäten und Erfahrungen formen und so Blicke auf Weltgestaltung und -erzeugung (Worlding) ermöglichen. Anhand von drei Fallbeispielen gehen wir den Fragen wie Körper in Raum und Zeit eingeschrieben werden und welche Körperverhältnisse sich daraus erschließen lassen nach:

        Beitrag „Chatten in Pompeji“ (Kordula Schnegg)
        Aus dem antiken Pompeji sind zahlreiche Graffiti überliefert. Dabei handelt es sich um knappe schriftliche Mitteilungen zu verschiedenen Angelegenheiten (Wahlwerbung, Fanbotschaft, sexuelle Praktiken etc.), die zum Teil mit Zeichnungen versehen wurden. Die antiken Chats erlauben historische Einblicke in die Alltagssprache der breiten Bevölkerung Pompejis und deren Besucher*innen. Dabei ist besonders auffallend, wie präsent Körper/Körperlichkeit in den Kurzmitteilungen ist, die sich an Hauswänden und Mauern über die gesamte antike Stadt erstreckten. Im Beitrag werden die über die Graffiti fassbaren Körpervorstellungen aus einer machtkritischen, geschlechterhistorischen und intersektionalen Perspektive analysiert. Dabei wird auch eine historische Perspektive auf die Verknüpfung von Körperverhältnissen und Weltentwürfen im antiken Raum geboten.

        Beitrag „Benennen, Markieren, Verkörpern: Wie digitale Sprachdaten Körper in der Literatur (1880–2000) herstellen“ (Claudia Posch)
        Der Beitrag untersucht, wie Romane (1880–2000) weibliche und männliche Körper sprachlich konstruieren und wiederkehrende Wortverbindungen dabei Identitäten und Normen herstellen. Auf Basis des US-Novel-Corpus wird mithilfe korpuslinguistischer Methoden das implizite Repertoire der Körperbeschreibung rekonstruiert. Die Ergebnisse zeigen klare Unterschiede: Männerfiguren werden häufiger mit Intellekt, Handlungsfähigkeit und „handelnden“ Körperteilen (z. B. Arme/Hände) verknüpft, Frauenfiguren hingegen mit Körperlichkeit, Ästhetik und Sexualität. Diachrone Analyse macht außerdem historische Verschiebungen sichtbar. Der Beitrag verbindet Körpertheorie mit digitaler Korpusanalyse und reflektiert dabei auch archivbedingte Verzerrungen der Datenbasis.

        Beitrag „Bodies Spoken For: Hagar, Eunuchen und der Golem zwischen Stimme, Schrift und Macht" (Ursula Schattner-Rieser)
        Der Beitrag untersucht, wie Sprache und Schrift Körper nicht nur beschreiben, sondern sie sozial kategorisieren, sichtbar machen und mit Bedeutung versehen. Im Zentrum steht die Frage, wie Benennungen, narrative Stimmen und Schriftpraktiken Vorstellungen von Körper, Geschlecht, Status und Zugehörigkeit hervorbringen.
        Ausgehend von einer semantischen Analyse zentraler hebräischer Begriffe (šipḥāh, ʾāmāh, sārîs, šēm) werden Figuren aus der Hebräischen Bibel sowie die Golemtradition untersucht. Hagar zeigt die Spannung zwischen sozialer Unterordnung und sprachlicher Handlungsmacht: Obwohl als versklavte Frau markiert, erhält sie eine eigene Stimme. Bilha und Silpa bilden dazu einen Kontrast, da ihre Körper vor allem über ihre reproduktive Funktion erscheinen, während ihre Perspektiven nicht direkt hörbar werden. Die Figur des sārîs sowie die Golemtradition erweitern die Analyse auf Fragen von Zugehörigkeit, Benennung und der schöpferischen Dimension des Wortes.
        Der Beitrag verbindet semitistische Sprachwissenschaft mit narratologischen und geschlechtergeschichtlichen Perspektiven. Er zeigt, wie sprachliche Praktiken Körper sichtbar machen, ordnen und soziale Bedeutungen erzeugen – und eröffnet damit eine historische Perspektive auf Speaking Bodies.

        Gemeinsam zeigen die Fallstudien, wie Sprache Körper markiert, reguliert und verkörpert, wie Archive diese Prozesse überliefern, verzerren oder zum Sprechen bringen – und wie eine von Sorge, Solidarität und Widerstand aus gedachte Welt uns mit neuen Blicken zurückblicken lässt.

        Bios
        Claudia Posch ist assoziierte Professorin für Digitale Linguistik am Institut für Sprachwissenschaft/Universität Innsbruck. Sie ist Sprecherin der Forschungsgruppe Language and Gender/FP CGI, sowie Vorstandsmitglied (Bereich Gender) im verband für angewandte linguistik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Feministische Linguistik und Diskurslinguistik, Rhetorik und Argumentation und die Erstellung und Analyse von großen Sprachkorpora.

        Ursula Schattner-Rieser ist Senior Scientist für Hebräische und Aramäische Sprachwissenschaft und Semitistik am Institut für Sprachwissenschaft/UIBK. Ihre Forschungsinteressen umfassen Qumranstudien und die Handschriften vom Toten Meer, nachexilische Bibelwissenschaft und das Umfeld des Alten Testaments, Samaritanistik sowie mittelalterliche Hebraica-Fragmente in Bucheinbänden. In der Semitistik arbeitet sie zu hebräischer und aramäischer Sprachwissenschaft, zum antiken Judentum und Ur- und Frühchristentum sowie zur vergleichenden Religionswissenschaft; besonderes Interesse gilt dem interreligiösen Kulturaustausch zwischen Judentum, Christentum und Islam.

        Kordula Schnegg ist assoziierte Professorin für Alte Geschichte am Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik/Universität Innsbruck. Sie ist Sprecherin der Forschungsgruppe Theorizing the Body/FP CGI. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a.: Körper- und Geschlechtergeschichte sowie Macht- und Gewaltverhältnisse in der Antike.

        Speakers: Claudia Posch (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Innsbruck), Kordula Schnegg (Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Universität Innsbruck und Mitglied der FP CGI), Ursula Schattner-Rieser (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Innsbruck)
        • a) Chatten in Pompeji

          Aus dem antiken Pompeji sind zahlreiche Graffiti überliefert. Dabei handelt es sich um knappe schriftliche Mitteilungen zu verschiedenen Angelegenheiten (Wahlwerbung, Fanbotschaft, sexuelle Praktiken etc.), die zum Teil mit Zeichnungen versehen wurden. Die antiken Chats erlauben historische Einblicke in die Alltagssprache der breiten Bevölkerung Pompejis und deren Besucher*innen. Dabei ist besonders auffallend, wie präsent Körper/Körperlichkeit in den Kurzmitteilungen ist, die sich an Hauswänden und Mauern über die gesamte antike Stadt erstreckten. Im Beitrag werden die über die Graffiti fassbaren Körpervorstellungen aus einer machtkritischen, geschlechterhistorischen und intersektionalen Perspektive analysiert. Dabei wird auch eine historische Perspektive auf die Verknüpfung von Körperverhältnissen und Weltentwürfen im antiken Raum geboten.

          Speaker: Kordula Schnegg (Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Mitglied der FP CGI)
        • b) Benennen, Markieren, Verkörpern: Wie digitale Sprachdaten Körper in der Literatur (1880–2000) herstellen

          Der Beitrag untersucht, wie Romane (1880–2000) weibliche und männliche Körper sprachlich konstruieren und wiederkehrende Wortverbindungen dabei Identitäten und Normen herstellen. Auf Basis des US-Novel-Corpus wird mithilfe korpuslinguistischer Methoden das implizite Repertoire der Körperbeschreibung rekonstruiert. Die Ergebnisse zeigen klare Unterschiede: Männerfiguren werden häufiger mit Intellekt, Handlungsfähigkeit und „handelnden“ Körperteilen (z. B. Arme/Hände) verknüpft, Frauenfiguren hingegen mit Körperlichkeit, Ästhetik und Sexualität. Diachrone Analyse macht außerdem historische Verschiebungen sichtbar. Der Beitrag verbindet Körpertheorie mit digitaler Korpusanalyse und reflektiert dabei auch archivbedingte Verzerrungen der Datenbasis.

          Speaker: Claudia Posch (Institut für Sprachwissenschaft)
        • c) Vom kastrierten Eunuchen zum Golem: Körper, Kontrolle und alternative Zugehörigkeit

          Der Beitrag behandelt kontrollierte Körper von der Antike bis in die frühe Neuzeit. Eunuchen (sārîs, akkadisch ša rēši) erscheinen als loyale Hofbeamte, deren reproduktive Zukunft entzogen ist. Ähnliches findet sich in kolonialen Sklavereiregimen: Körper werden enteignet, reproduktiv reguliert und ökonomisch verwertet. Der Golem, insbesondere in der Prager Überlieferung von Judah Loew ben Bezalel, radikalisiert diese Fantasie: ein geschlechtsloser, künstlich belebter Diener, gesteuert durch Schrift. Aus queer-theoretischer Perspektive destabilisieren diese Figuren normative Verknüpfungen von Geschlecht, Reproduktion und Macht. Sie zeigen, wie Körper durch Archive und Sprache „sprechen“ und zugleich ihrer eigenen Stimme beraubt bleiben – und eröffnen Räume für alternative, nicht-heteronormative Zukunftsentwürfe.
          Gemeinsam zeigen die Fallstudien, wie Sprache Körper markiert, reguliert und verkörpert, wie Archive diese Prozesse überliefern, verzerren oder zum Sprechen bringen – und wie eine von Sorge, Solidarität und Widerstand aus gedachte Welt uns mit neuen Blicken zurückblicken lässt.

          Speaker: Ursula Schattner-Rieser
    • Workshop: Gesundheit fair gestalten – Gewaltprävention durch Gender- und Diversitätssensibilität (D) Raum 52U109 (GEIWI)

      Raum 52U109

      GEIWI

      • 65
        Gesundheit fair gestalten – Gewaltprävention durch Gender- und Diversitätssensibilität

        Geschlecht, Diversität und gesellschaftliche Machtstrukturen beeinflussen Gesundheitschancen, professionelle Beziehungen sowie institutionelle Strukturen im Gesundheitswesen in grundlegender Weise. Ungleichheiten, stereotype Rollenbilder und strukturelle Bedingungen wirken sich auf Diagnostik, Therapie, Kommunikation und Interaktion aus und können Formen von Diskriminierung, Benachteiligung und Gewalt begünstigen. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine gender- und diversitätssensible Perspektive in der Ausbildung von Gesundheits- und Sozialberufen zunehmend an Bedeutung. Daher ist an der fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH zukünftig die Lehrveranstaltung „Gesundheit fair gestalten – Gewaltprävention durch Gender- und Diversitätssensibilität“ im Modul „Gesundheitsberufe interprofessionell“ im 4. Semester in den Curricula der Studiengänge Biomedizinische Analytik, Diätologie, Ergotherapie, Gebärdensprachdolmetschen, Hebamme, Logopädie, Physiotherapie und Radiologietechnologie verankert.

        Die Inhalte der Lehrveranstaltung setzen an der Schnittstelle von Bildung, Professionalisierung und sozialer Gerechtigkeit an. Es wird das Ziel verfolgt, Studierende interprofessionell für die Zusammenhänge zwischen Geschlecht, Diversität, Gewalt und Gesundheit zu sensibilisieren. Gender- und Diversitätssensibilität wird als zentrale Voraussetzung für eine faire, respektvolle und gewaltfreie Gesundheitsversorgung verstanden. Die interprofessionelle Zusammensetzung der Teilnehmer:innen wird bewusst als didaktische Ressource genutzt, um unterschiedliche berufliche Perspektiven, Rollenverständnisse und Kommunikationsformen sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren. Das Lernsetting kombiniert theoretische Inputs, interaktive Gruppenarbeiten und reflexive Phasen in einem dialogischen Format. Ziel ist es, Studierende zu befähigen, Gender- und Diversitätsaspekte als Querschnittsthemen professionellen Handelns zu erkennen, zu analysieren und in interprofessionellen Kontexten zu bearbeiten. Die Lehrveranstaltung verbindet fachliche Wissensvermittlung mit der Förderung reflexiver, sozialer und ethischer Handlungskompetenzen. Studierende setzen sich unter anderem mit geschlechtsbezogenen Ungleichheiten auseinander und reflektieren die Bedeutung von Sprache, Wahrnehmung, Rollenbildern und professioneller Haltung für gesundheitliche Versorgungssituationen.

        Dabei entwickeln sie professionsspezifische wie auch gemeinsame Strategien zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit, Autonomie und fairer Gesundheitsversorgung. In einer abschließenden Transferphase werden die Erkenntnisse auf institutionelle Kontexte übertragen. Dadurch wird Geschlecht und Diversität nicht nur als individuelles, sondern als strukturelles und institutionelles Thema bearbeitet.
        Der geplante Workshop knüpft an dieses Lehrkonzept an und eröffnet einen Raum für kollektive Reflexion, Weiterentwicklung und Austausch. Es wird ein Einblick in Lernziele, Materialien und didaktische Ansätze gegeben, gemeinsam diskutiert, sowie Praxisbeispiele gesammelt und mögliche Herausforderungen reflektiert. Darüber hinaus dient der Workshop der Vernetzung mit einer fachlichen Community und der Diskussion von Perspektiven für eine Weiterentwicklung geschlechtersensibler Lehre im Hochschul- und Gesundheitskontext.

        Das Lehrkonzept reagiert auf zentrale Anforderungen an Gesundheits- und Sozialberufe: interprofessionelle Zusammenarbeit, reflexive Professionalität und Sensibilität für soziale Ungleichheiten. Es trägt zur Entwicklung einer gender- und diversitätssensiblen professionellen Identität bei und stärkt die Fähigkeit, Gewaltprävention als institutionelle und strukturelle Aufgabe zu verstehen. Damit leistet die Lehrveranstaltung einen Beitrag zur Förderung fairer, inklusiver und respektvoller Gesundheitsversorgung und bietet zugleich Anknüpfungspunkte für die Weiterentwicklung geschlechtersensibler Hochschullehre im Kontext von Genderforschung, Bildungsarbeit und interprofessioneller Praxis.
        Derzeit nehmen nicht alle Bachelorstudiengänge der fh gesundheit an der Lehrveranstaltung teil. Das Lehrkonzept ist jedoch bewusst so gestaltet, dass es über die aktuellen Zielgruppen hinaus adaptierbar ist. Insbesondere für weitere Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialbereich, wie etwa die Gesundheits- und Krankenpflege und in der ärztlichen Ausbildung, bietet es ein hohes Transferpotenzial. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, gender- und diversitätssensible sowie gewaltpräventive Inhalte langfristig in unterschiedlichen professionellen Kontexten zu verankern und weiterzuentwickeln.

        Bio
        Ines Nagiller, MSc ist Mitarbeiterin in Lehre und Forschung am FH-Bachelor-Studiengang Ergotherapie an der fh gesundheit. Mit Themen zu Gender und Diversität befasst sie sich in verschiedenen Lehrveranstaltungen. 2025 absolvierte sie den Lehrgang „Geschlechtersensibles Gesundheitssystem“. Sie entwickelte das im Workshop behandelte Lehrkonzept und koordiniert die Lehrveranstaltung studiengangsübergreifend.

        Speaker: Ines Nagiller (fhg - Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH)
    • Workshop: Intersektionale Bündnisse: Eine zerbrechliche Utopie? (D) Raum 4U102a (GEIWI)

      Raum 4U102a

      GEIWI

      • 66
        Intersektionale Bündnisse: Eine zerbrechliche Utopie?

        “Wie schwierig Bündnispolitik ist und wie sehr sie in den Anfängen steckt, zeigte sich für uns darin, dass wir in diesem Buch noch nicht über langfristige und tragfähige Koalitionen im deutschsprachigen Raum schreiben konnten.”

        Hügel-Marshall, Lange, Ayim, Bubeck, Aktas & Schultz, 1993


        Das sind die Worte der Herausgeberinnen aus dem Sammelband Entfernte Verbindungen (1993), die die Fragilität von feministischer Bündnisarbeit thematisieren. Diese Diagnose verweist auf eine längere Geschichte intersektionaler Zusammenschlüsse im deutschsprachigen Raum, welche dennoch am Rand der dominanten feministischen Geschichtsschreibung bleiben. Bereits in den 1980ern und spätestens seit der Wiedervereinigung 1989 gab es vermehrt Zusammenschlüsse unterschiedlicher feministischer Einzelpersonen und Gruppen, die von Rassismus und/oder Antisemitismus betroffen sind (Dean 2017). Dies geschah nicht zuletzt aufgrund von Ausschlusserfahrungen in weiß-christlichen feministischen Räumen und vor allem in Reaktion auf den ansteigenden rechten Terror in Deutschland. Unter anderem fand diese Bündnisarbeit in Form von feministischen Bündniskonferenzen statt, die erste unter dem Titel “Tagung von/für ethnische und afro-deutsche Minderheiten“ 1990 in Bremen (Ayim & Prasad 1992). Heute scheint die Geschichte der feministischen Bündniskonferenzen jedoch nur noch wenigen jüngeren Feminist*innen in Deutschland ein Begriff zu sein.
        Unsere Arbeit als Bündnis Kompliz*innen setzt an diesem Punkt an. Wir arbeiten mit der Geschichte des intersektionalen Feminismus in Deutschland, um aus dieser zu lernen und solidarische Perspektiven für die Zukunft zu schaffen. Gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung und des Erstarkens von Rechtsextremismus sind antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsräume zur Stärkung feministischer Solidarität essentiell.
        Im Rahmen unseres Workshops wollen wir zum einen unsere Arbeit vorstellen, zum anderen aber auch kritisch auf bereits bestehende intersektionale feministische Arbeit und deren Ausschlüsse und Konfliktpunkte schauen. Ausgehend von den Dokumentationen der feministischen Bündniskonferenzen wollen wir verstehen, warum intersektionale Bündnisse oft utopisch erscheinen. Hierbei gehen wir sowohl praxis- als auch theoriegeleitet vor.
        Gemeinsam schauen wir zurück: Wann wurden Bündnisse zwischen migrantisierten, Schwarzen und jüdischen FLINTA im deutschsprachigen Raum geschlossen? Wie wurde feministische Bündnisarbeit verstanden? Und was können wir heute daraus lernen? Den gemeinsamen “Blick zurück” verstehen wir dabei als kritische Praxis, aus der heraus Perspektiven für zukünftige solidarische Bündnispolitiken erprobt werden können.

        Methodisch verbindet der Workshop kurze inhaltliche Inputs mit kollektiven Reflektionsformaten. Anhand von ausgewählter Lyrik und Texte aus den 1980/90ern mit einem Fokus auf jüdisch und migrantische Allianzen wollen wir gemeinsam mit Workshop-Teilnehmenden über intersektional-feministische Praktiken diskutieren. Ziel des Workshops ist es, einen Raum für differenzierte Auseinandersetzungen über Möglichkeiten und Bedingungen intersektionaler Bündnisse, insbesondere im gegenwärtigen Kontext rechtsextremer, autoritärer, antisemitischer und rassistischer Verschiebungen zu schaffen.

        Literatur
        Ayim, May, und Nivedita Prasad. 1992. „Wege zu Bündnissen : Dokumentation; Tagung von, für Ethnische und Afro-Deutsche Minderheiten, 1990, Bremen; Zweiter bundesweiter Kongress von und für Immigrantinnen, Schwarze deutsche, jüdische und im Exil lebende Frauen, 1991, Berlin“. AStA der Freien Universität Berlin.
        Dean, Jihan Jasmin. 2017. „Verzwickte Verbindungen: Eine postkoloniale Perspektive auf Bündnispolitik nach 1989 und heute“. In Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft, herausgegeben von Meron Mendel und Astrid Messerschmid. Campus Verlag.
        Hügel-Marshall, Ika, Chris Lange, May Ayim, Ilona Bubeck, Gülsen Aktas und Dagmar Schultz. Hrsg. 1993. Entfernte Verbindungen: Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung. Orlanda Frauenverlag.

        Bio
        Bündnis Kompliz*innen wurde 2020 gegründet, um intersektionale feministische Geschichte & Gegenwart in Deutschland solidarisch fortzuschreiben, Bündnisse zu stärken und antisemitismus- sowie rassismuskritische Räume zu schaffen. 2023 wurde das erste Projekt zurück:blicken realisiert: ein Lesekreis mit jüdischen und FLINTA of Color, in dem Texte zu Bündnispolitiken der 1980er und 1990er Jahre gemeinsam diskutiert wurde, sowie ein öffentliches Panel mit Cathy Gelbin und Nivedita Prasad Aufbauend darauf wurde weiter:gehen entwickelt, eine Schreibwerkstatt unter der Leitung von Julienne De Muirier zur transformativen Kraft des Schreibens. Bündnis Kompliz*innen wurde 2023 mit dem Aktiv-Preis der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet.

        Meryem Choukri ist Kuratorin für Diversität am Altonaer Museum in Hamburg. Sie hat an der Universitäten Warwick und Gießen zu widerständigen Archiven Schwarzer und migrantischer Feminist*innen in Deutschland promoviert.

        Thu Hoài Tran ist Theaterregisseur*in und Bildungsvermittler*in. Derzeit promoviert Tran zu Blickregime, Repräsentation und Widerstand im deutschsprachigen Gegenwartstheater an der Freien Universität Berlin.

        Miriam Yosef promoviert in Politischer Theorie an der Universität Duisburg-Essen und arbeitet als Bildungsvermittlerin sowie im künstlerischen Feld. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in Critical Race Theory, antisemitismus- und rassismuskritischer Bildungsarbeit sowie künstlerisch-forschenden Praktiken.

        Speaker: Bündnis Kompliz*innen
    • Workshop: KOMPOST: Gender_Queere Weltwerdungen heiß aufbereitet (D) Raum 52U105 (GEIWI)

      Raum 52U105

      GEIWI

      • 67
        KOMPOST: Gender_Queere Weltwerdungen heiß aufbereitet

        KOMPOST – eine begriffliche Anlehnung an das Denken und Praktizieren Donna Haraways – ist der Versuch, Wissen auf eine Art und Weise zu erzeugen, worin bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten nicht nur anerkannt, sondern auch verantwortet werden.
        Kompostieren bedeutet ein Anderswerden von Wissen queer zu einer angenommenen Trennung von Epistemologie und Ontologie, das dem Gedanken an Eine-Welt-Welt viele Anders-Welten im Werden gegenüber stellt. Betont und bewusst welten wir mit und abweichend von dem vom abstrakten, transzendentalen Subjekt westlicher Prägung abgeleiteten Anspruch auf allumfassende ontoepistemologische Verfügbarkeit mit ihren
        katastrophischen Schnitten und Gefügen von Ausbeutung, Unterdrückung und Extraktion.
        Indem Kompost der Zentralität und Exzeptionalität des Menschen eine Absage erteilt und weder androzentrisch noch anthropozentrisch ist, tritt ein Denken in mehr-als-menschlichen Gefügen und Abhängigkeiten in den Vordergrund, das nicht auf eine Welt für den Menschen nach dem Menschen vorbereitet, sondern dazu auffordert, die unterschiedlichen Verstrickungen menschlicher Kategorien und Grenzziehungen im Hier und Jetzt zu bearbeiten, zu halten und zu verantworten.
        Unser w*i*r - ein inter- und transdisziplinäres Forschungskollektiv aus Forschenden, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen - hat sich Theorien und Praktiken des Queerfeminismus, New Materialism, der Medien- und Kulturwissenschaften sowie der soziologischen FSTS verschrieben, organisiert sich dabei selbst immer schon singulär-plural (Jean-Luc Nancy 2004) und ist in seiner Mehrstimmigkeit unterschiedlich situiert. Dieser Relationalität werden w*i*r uns immer wieder durch gemeinsames Abweichen und über schmerzhafte Schnitte bewusst, die w*i*r nicht überwinden oder von denen w*i*r uns nicht freisprechen können, sondern das durch Praktiken der Sorge, der Solidarität und der radikalen Imagination zu neuen Formen des Seins, Wissens und In-Beziehung-Tretens
        inspiriert - ohne Aneignung, Utopie, Anderswo oder Wannanders.
        W*i*r verstehen Kompost also erstens als eine Form des kritisch-affirmativen Denkens, aber zweitens vor allem auch des Tuns, verschiedene Akteur*innen, Perspektiven, Disziplinen, Praktiken sowie Räume und Zeiten in Konversation zu bringen. Damit spüren wir sowohl dem „Wie“ nach – wie anders geschrieben, anders gedacht, anders Wissen praktiziert werden kann, um anderen Ökologien, anderen Welten stattgeben zu können – als auch dem damit verbundenen „Was“ – der Verbindung von Kompost, Nachhaltigkeit, Sorge, Verantwortlichkeit und transformativer Wissensproduktion. Dazu werden verschiedene Stimmen des Kollektivs auf ihre eigene und dennoch in Beziehung miteinander stehende, kompostistische Weise tätig:
        Gemeinsam erschaffen wir eine RaumZeit, Indem w*i*r die Bedingungen der Gewalt des Worldings nicht einfach reproduzieren oder verstärken, sondern beleuchten und kompostieren sowie anders verantworten, indem w*i*r abweichend antworten.
        Für u*n*s*e*r*e*n Workshop wählen w*i*r ein hybrides Format, das den verschiedenen konkreten, abweichenden Situiertheiten (in and out of academia, mothering, queer, trans*, other*abled,…) der Mitglieder des Kollektivs Rechnung trägt: gemeinsam stellen w*i*r Euch KOMPOST nicht nur theoretisch vor, sondern üben u*n*s mit euch an dessen Praktizieren.
        In dem Wissen, dass auch Toxisches und Gewaltvolles (Ausbeutung, Enteignung, Vergiftung,…) nachhallt und einen verantwortungsvollen Umgang damit fordert, erschafft dieses neue und erweiterte w*i*r eine RaumZeit - oder vielmehr RaumZeiten, die im und durch Denken/Bedeuten responsiblere Relationalitäten/Gefügen stattgeben, das Sprechbarkeiten zugunsten marginalisierter Gruppen neu verhandelt und sorgende, solidarische und widerständige Praktiken imaginiert. Dafür benötigen wir 90min. Die Sprache ist Deutsch, ggf. sind Teile auf Englisch und weitere Sprachen.

        Bio
        Die Rheinische Sektion der Kompostistischen Internationale ist ein inter- und transdisziplinäres Forschungskollektiv aus Forschenden, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, das seit 2018 in unterschiedlichen Zusammensetzungen Theorien und Praktiken des Queerfeminismus, New Materialism, der Medien- und Kulturwissenschaften und soziologischen FSTS sowie der Kunst verschrieben ist.

        Speaker: Rheinische Sektion der Kompostistischen Internationale
    • Workshop: Trans*Crip Nature Knowledges (E) Raum 4U102b (GEIWI)

      Raum 4U102b

      GEIWI

      • 68
        Trans*Crip Nature Knowledges

        Feeling invited into and safe and creative in any community or natural space is a complicated set of relationships for trans*crip individuals and communities. This workshop departs from projects and practices that center trans*crip worlding practices. It recognizes the queerness of environments as an accomplice in making (natural) spaces possible and pleasurable for the queer orientations that are always already present in the landscape. Coming from a desire of expansive (bodily) positions in nature our workshop proposes a series of embodied positions that move with queer, plural, partial rhizomatic and rural relations that speak towards non-normative lounging in the mountainous environment of Innsbruck.
        In this workshop, we want to take our participants into nature (either literally, if it is feasible in terms of organization, or through providing visual and sound impulses that bring nature inside), to explore possibilities of queer and trans*crip lounging, that is, relaxing, and feeling joy in/with the natural environment. We will do this through at least three forms of conversation, embodiment exercises, and listening/reading practices. In a short meditation offered by Anna T., participants will be invited to resonate with animals, smells, sensations, challenging extractive touristic and ableist expectations of normative bodies. Acting as a accomplice through supporting, Ema Benčiková moves with us, supporting us all with modes of artistic and personal assistance, where we will carefully, with each other, experiment with what forms of support we might need to move away from normative expectations of body minds. With spoken and written inputs from Katharina Wiedlack on her work around rurality from an anti-colonial and indigenous perspective. And lastly, with an embodiment prompt from Ren Loren Britton following their ongoing sculptural work supporting trans*crip and non-normative body minds in the mountainous landscape of Innsbruck.
        In a plurilogue/dialogue we will co-create practices of queer and trans*crip lounging that will collect ideas on how such forms of enjoyment of— and taking up space in— nature, we do this without co-constructing rural landscapes as heteronormative environments hostile to queer, trans*crip and racialized individuals and communities.

        Bios
        Ren Loren Britton is a trans-disciplinary artist-designer dancing with trans*feminism, technosciences, radical pedagogy and disability justice. They make multi sensorial media installations. Trans*ness in their practice considers what would be needed so that —pleasure for all— would be possible. They attend to plural hir- his- her- stories and presents of social and technical infrastructures making lives accessible and possible. www.lorenbritton.com

        Katharina Wiedlack is a queer crip researcher currently working at the Department of English and American Studies, University of Vienna, as Assistant Professor of Anglophone Cultural Studies. Her interests are in popular culture, storytelling, and audiovisual media. Besides her analytical work, she loves to collaborate on arts-based research projects.

        Anna T. (she, her) is an artist, educator, and curator from Greece based in Vienna, Austria. Her work explores living between cultures, the aesthetics of the semi-periphery, and queer futures in the Mediterranean. Since 2003 she has exhibited and participated in numerous group and solo exhibitions and new media festivals internationally and has been working in Academia since 2017.

        Ema Benčíková (she/they) is a Vienna based curator, theatre director and care worker. In their artistic research they focus on critical phenomenology of non-normative embodiment.

        Speakers: Ren Britton, Katharina Wiedlack (Universität Wien)
    • Workshop: Zukünfte vergegenwärtigen: Studentische Lehre und verkörpertes Lernen (D) Seminarraum 14 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 14

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 69
        Zukünfte vergegenwärtigen: Studentische Lehre und verkörpertes Lernen

        Augen müde, Schultern gesenkt, geklebt an einen Sitzplatz; Bewegung innehaltend, zurückhaltend. Wir lernen über die Marginalisierung von Körpern, erforschen posthumanistische Assemblagen und analysieren Affekte. Wir halten still. Wir lesen über Standpunktheorie. Wir halten Stellung. Aber was verteidigen wir eigentlich?
        Das Projekt “Imagining Better Worlds: Enacting Insurgent Feminist Futures” (2025/26) verortet Zukunftsentwürfe als thematischen, interdisziplinären Schwerpunkt und stellt als erste studentisch organisierte Lehrveranstaltung im Masterstudiengang Gender Studies (Universität Wien) gleichzeitig die Zukünftigkeit einer solchen Lehre zur Frage. Der Präzedenzfall erfragt, welche Bündnisse innerhalb gewaltvoller Strukturen gestärkt, welche geschlossen und welche gebrochen werden müssen, um akademische Zukünfte für marginalisierte Körper zu ermöglichen.
        Im Zuge einer Auseinandersetzung mit dem studentischen Arbeitsprozess, berufen wir uns auf die Erfahrung, dass diese Arbeit durch unsere Körper (in unserem Fall: weiß, crip, genderqueer und trans) verrichtet wird und haben gelernt genderqueere, dekoloniale und crip Worldings als notwendig aufständig zu verstehen, verständlich zu machen und somit die Grenzen und Normen der mittlerweile institutionalisierten Geschlechterforschung zu verrücken. So groß das Potenzial studentischer Lehre auch scheinen mag, stehen wir vor einer durch starre Hierarchien strukturierten Institution, deren Unvermögen koloniale und ableistische Normen abzustreifen, uns mit der Verunmöglichung queerfeministischer Zukunftsentwürfe aus der Gegenwart heraus ringen lässt. Die Herausforderung ist: Welche Welten können wir überhaupt erdenken, wenn unsere Fähigkeit, diese zur Welt kommen zu lassen und unser Denken an sich in/formiert sind, durch die Supervision institutioneller Rahmenbedingung?

        Mit dem Scheitern an akademischen Strukturen konfrontiert, verweisen wir auf jeden Körper als Ort der Wissensproduktion, der durch seine bloße Anwesenheit Zukünfte zu vergegenwärtigen vermag und aufgrund von Erfahrungen mit Barrieren spezifisches Wissen über eben jene Strukturen innehat, welches für Körper mit anderen Privilegien und Erfahrungen mitunter nicht einmal wahrnehmbar ist. Unser Ziel ist es, unseren Körpern nicht nur Raum zu geben, sondern den universitären Raum durch unsere aktive körperliche Präsenz in Bewegung zu setzen: Nicht die Körper sollen sich dem akademischen Raum beugen, sondern der Raum muss durch Körper immer wieder neu gestaltet werden.
        Wir fragen uns: Welche Gepflogenheiten universitärer Zusammenkünfte, sei es im Vorlesungssaal, im Seminarraum oder zwischendurch am Flur, sind uns in Leib und Seele übergegangen? Wo sind wir kollektiv abgestumpft oder re/traumatisiert angesichts der kolonialen und ableistischen Mechanismen universitärer Institutionen, in denen unsere Körper sich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte aufhalten? Und wie kann und muss der akademische Habitus unterbrochen werden, um queerfeministische Wissensproduktion zu aktivieren?

        Mit kollektiver Schreibpraxis und körperzentrierten Übungen möchten wir eine leichtfüßige Umsetzung trans*formativer Praktiken anstoßen, die zukunftsweisend für einen nachhaltigen körperlichen Aufenthalt in der institutionellen Raumzeit sind. Dabei wollen wir nicht, in ein Fantasieren und Herbeisehnen besserer Zeiten abschweifen, sondern machen eine Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt. Wir bewegen uns im materiellen Raum, aus dem heraus wir konkrete Handlungsräume erproben und Strukturen bauen, die Zukünftsentwürfe an die Gegenwart anknüpfen und bedürfniszentrierte Worldings erschaffen. Im Sinne einer queeren Phänomenologie laden wir zu einer verkörperten Recherche und Re/Orientierung ein, die sich unseren von der akademischen Arbeit müden, ausgebrannten, behinderten und kranken Körpern zuwendet und diese als Ausgangspunkt für ein Leben in die Zukunft nimmt.

        Bio
        Luan Dannerbauer ist künstlerische*r Forscher*in mit dem Schwerpunkt trans*crip Theorie, Studienassistenz am Center for Teaching and Learning (Universität Wien) und co-Organisator*in verschiedener kritischer Veranstaltungsreihen im Hochschulbereich.

        Elena Lach forscht zu Zugänglichkeit von ortsspezifischer Kunst in öffentlichen Räumen und arbeitet als Access-Dramaturg*in für Theater, Tanz und Performance. Zudem gestaltet sie als Teil des Careful Collisions Collective queere Bewegungsräume für Kontaktimprovisation und somatisches Lernen.

        Speakers: Elena Lach (Universität Wien), Luan Dannerbauer (Universität Wien), Miko Großmann (Universität Wien)
    • 12:30
      Mittagspause Ágnes-Heller-Haus: Unilounge, Erdgeschoß (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus: Unilounge, Erdgeschoß

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Panels: (Onto-)Epistemologien von Worlding 04 (D) Raum 52U105 (GEIWI)

      Raum 52U105

      GEIWI

      Convener: Evelyn Annuß
      • 70
        Performative Gegenöffentlichkeiten

        Mein Beitrag wird ausgewählte Kunstprojekte von Tanja Ostojić (Misplaced Women, 2009 – 2022) und Anna Jermolaewa (Research for Sleeping Positions, 2006; Hostile Architecture, 2022) diskutieren. Für die Untersuchung der Arbeiten werde ich Judith Butlers und Athena Athanasious Thesen zu Vulnerability and Resistance (2016) und zu performativen Gegenöffentlichkeiten (2024) produktiv machen. Athena Athanasiou schreibt kritischer gegenöffentlicher Performativität das Potential zu, neu zu definieren, was als öffentlich gilt und bezeichnet diese als kollektive Wege des verkörperten öffentlichen Dissens, in denen Weltenmachen vorgestellt […] wird, um die Bedingungen der Zerstörung und Enteignung, welche die offizielle bürgerliche weiße heteronormative Öffentlichkeit erzeugt, anzufechten und zu bekämpfen (2024, S. 35).
        Den künstlerischen Projekten gelingt es, so meine These, die ich vor dem Hintergrund der genannten Konzeptionen argumentieren werde, aus einer Position der Verwundbarkeit und Prekarität in öffentlichen Räumen Platz für marginalisierte Lebensrealitäten (beispielsweise Migration oder Obdachlosigkeit) zu schaffen, die Räume zurück zu erobern und zu transformieren (vgl. Athanasiou, 2024, S. 41). Ich werde zeigen, dass und auf welche Weise die Künstlerinnen aus marginalisierten Positionen in räumliche Ordnungen, die immer auch Geschlechterordnungen sind, intervenieren, diese in Frage stellen oder umgestalten. Hierbei nutzen sie ihre eigene Abhängigkeit von infrastrukturellen Bedingungen und die wechselseitige Interdependenz ihrer Körper, um performative Gegenöffentlichkeiten herzustellen. Meine Intention ist, Konzepte performativer Gegenöffentlichkeiten als widerständige und solidarische Praxen zu befragen. Auf diese Weise möchte ich einen Beitrag zum gemeinsamen Nachdenken über bestehende und mögliche Bündnisse und über Widerstände und Solidaritäten leisten.

        Bio
        Romana Hagyo arbeitet zu künstlerischer Forschung, kunstwissenschaftlichen Gender Studies, Raum- und Öffentlichkeitstheorien. Sie war von 2022 bis 2024 Gastprofessorin für Gender und Space an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Monographie „Über das Wohnen im Bilde sein“ (in künstlerischer Zusammenarbeit mit Silke Maier-Gamauf) wurde 2020 bei Passagen Verlag publiziert.

        Speaker: Romana Hagyo
      • 71
        Not yet here: Queer-Diasporisches Worlding gegen hegemoniale Sehgewohnheiten

        "I knew that the slaves had looked. That all attempts to repress our/black peoples’ rights to gaze had produced in us an overwhelming longing to look, a rebellious desire, an oppositional gaze. By courageously looking, we defiantly declared: “Not only will I stare. I want my look to change reality.”" (bell hooks 1992)


        Die deutschsprachige Theaterlandschaft ist von einem weiß-heteronormativen Blickregime geprägt, das Wahrnehmung, Repräsentation und Wissensproduktion strukturiert. Demnach sind der institutionelle Blick, der Zuschauer*innenblick und die inszenatorischen Blickpolitiken keine neutrale Wahrnehmungsformen, sondern machtvolle Praxen, die Ausschluss- und Otheringprozesse (re)produzieren.
        Vor diesem Hintergrund argumentiert der Vortrag aus theater- und sozialwissenschaftlicher Perspektive, dass hegemoniale Repräsentationsordnungen nicht lediglich kritisiert, sondern im Sinne von José Esteban Muñoz‘ Verständnis von Disidentifikation (1999) subversiv von marginalisierten Subjekten umcodiert werden müssen. Der queer-diasporische Blick wird dabei als Arbeitsbegriff genutzt: nicht als fixe Identitätskategorie, sondern als widerständige Suchbewegung nach dem not yet here, not yet queer (2009) – einer unvollendeten, aber möglichen Welt.
        Theoretisch knüpft der Beitrag zudem an den oppositional gaze von bell hooks an. Es ist ein erlernter kritischer Blick von Schwarzen Frauen, die es wagen zurückblicken und damit Stereotype entlarven und alternative Bedeutungen entwickeln. Anhand von Aufführungsbeispielen und ausgewählten ästhetischen Strategien wie parodistische Aneignung hegemonialer Bilder oder Überschreibungen kanonisierter Texte zeigt der Vortrag, wie auf der Bühne temporäre Gegen-Welten entstehen. Der Beitrag unternimmt spielerisch den Versuch, ein queer- diasporisches Worlding als Methodologie zu skizzieren, die Macht sichtbar macht und zugleich gerechte Zukünfte erfahrbar werden lässt.

        Literatur
        HOOKS, bell: „Oppositional Gaze. Black Female Spectators“, Black Looks: Race and Representation, Boston, MA: South End Press 1992, S. 115–131.
        MUÑOZ, José Esteban: Disidentifications: Queers of Color and the Performance of Politics, Minneapolis: University of Minnesota Press 1999 (Cultural studies of the Americas, v. 2).
        MUÑOZ, José Esteban: Cruising Utopia: The Then and There of Queer Futurity, 10th Anniversary Edition Aufl., New York: New York University Press 2009 (Sexual Cultures).

        Bio
        Thu Hoài Trần ist Theaterregisseur*in und Bildungsvermittler*in. Derzeit promoviert Tran zu Blickregime, Repräsentation und Widerstand im deutschsprachigen Gegenwartstheater an der Freien Universität Berlin.

        Speaker: Thu Hoài Tran
      • 72
        Kollektives Imaginieren als Praxis des Widerstands:Welten in queer_feministischer Spekulativer Fiktion

        Wie nicht schier verzweifeln angesichts multipler Krisen, Pandemie, Rechtsruck, dem Erstarken autokratischer Systeme? Wie den Albtraum einer Gegenwart ertragen, in der die eigene Existenz fortgesetzten Angriffen ausgesetzt ist? Eine Antwort ist: mit Imaginaktivismus und gemeinsamen Spekulieren als widerständiger Praxis.
        Queer_feministische, trans, afro- und afrikafuturistische Spekulative Fiktion (SF) ist eine Form des Erzählens, die von Anbeginn an Alternativen zur Gegenwart, Welten jenseits von Patriarchat, Cis-Heteronormativität, Kapitalismus und Kolonialismus anzubieten sucht. Im Vortrag wird SF als imaginäre Ressource dargestellt, welche die Horizonte dessen, was wir für denkbar und möglich halten, zu erweitern sucht. In ihrer inzwischen über 50jährigen Tradition hat queer_feministische SF schon immer auch theoretische Debatten queer_feministischer Bewegungen bereichert, indem Konzepte durchdacht und in einen fiktiven Alltag übersetzt wurden. Auf diese Weise wurde aus abstrakten Konzepten eine Leseerfahrung, die geteilt und diskutiert werden konnte. Aktuell, angesichts der nicht enden wollenden Flut an katastrophalen Nachrichten, angesichts verschiedenster Krisen und dem Erstarken autokratischer Systeme scheinen mir Erzählungen von Bedeutung, die nach Möglichkeiten des Überlebens in einer antagonistischen gesellschaftlichen Ordnung zu suchen, die zeigen können, dass es möglich ist, diese Verhältnisse zu überleben und gemeinsam wieder etwas Neues aufzubauen. Darüber hinaus werde ich im Vortrag eine Erzählhaltung vorstellen, die ich aktuell für wichtig halte: den Hopepunk. Denn der Hopepunk erzählt vom „Survival of the Friendliest“, den Autor*innen geht es darum, Vorstellungen einer gerechteren, inklusiven Welt zu entwickeln, getragen von radikaler Zärtlichkeit, Empathie und Kulturen der Für/Sorge für mehr als menschliche Welten.

        Bio
        Dr*in Dagmar Fink ist Literatur- und Kulturwissenschafterin mit Schwerpunkt auf Gender und Queer Studies, feministische (Techno)Wissenschaftskritik, Repräsentationskritik, Science Fiction und queeren Weiblichkeiten und unterrichtet in der D-A-CH-Region. Sie ist Übersetzer*in im Kollektiv gender et alia und Ko_Leiterin von QUEERTACTICS. QUEER_FEMINIST FILM FESTIVAL VIENNA. Ihre Monografie Cyborg werden. Möglichkeitshorizonte in feministischer Theorien und Science Fictions erschien 2021 bei Transcript.

        Speaker: Dagmar Fink
    • Panels: Contesting hetero-/homonormative Bodies, Belonging and Citizenship (D) Seminarraum 14 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 14

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Chriz M. Klapeer
      • 73
        Contesting hetero-/homonormative Bodies, Belonging and Citizenship: Queer- und transpolitische (Gegen-)Artikulationen für (andere) demokratische Zukünfte

        Ausgehend von ersten Ergebnisses des kollaborativen Forschungsprojektes „LGBTIQ* Movements as Agents of Democratization: Historical, Contemporary, and Future Resources for Imagining Inclusive and Diverse Democracies” (gefördert durch die VW-Stiftung), diskutieren die Beiträge in diesem Panel den ambivalenten und umkämpften staatsbürgerlichen Status von LGBTIQ* Personen in (West-)Deutschland und unterschiedliche queer- und transpolitische Verhandlungen von (demokratischer) Zugehörigkeit, Körperlichkeit, Begehren oder Widerstand. Im Zentrum steht dabei auch jeweils die Frage, welche (alternativen) demokratischen Räume und Zukünfte hier imaginiert wurden und welche Bedeutung dissidenten und widerständigen (Körper-)Praxen, Erinnerungen oder Selbstverhältnisse hier zukommt.

        Kurzbios:
        Kai* Brust ist Doktorand*in am Friedrich-Meinecke-Institut (FU Berlin) im Projekt „LGBTIQ*-Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft“. Dey besitzt einen Bachelor in Geschichte und Politikwissenschaft, sowie einen Master in Interdisziplinärer Antisemitismusforschung. In deren Dissertation forscht Kai* Brust zu Trans-Aktivismus und Trans-Bewegungen in der BRD.

        Andrea Rottmann forscht und lehrt an der Freien Universität Berlin, gerade im Rahmen des Forschungsprojekts „LSBTIQ*-Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft“, das sie auch leitet. Ihr Schwerpunkt ist die Geschlechter- und Sexualitätengeschichte in Deutschland im 20. Jahrhundert. Sie hat das Netzwerk Queere Zeitgeschichten mit koordiniert und das Handbuch Queere Zeitgeschichten mit herausgegeben. Im März 2026 erscheint ihre Monografie über queeres Leben im geteilten Berlin in deutscher Übersetzung unter dem Titel Bedrohtes Begehren.

        Eike Wittrock ist Professor für Tanzwissenschaft an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, und PI im transdisziplinären Forschungsprojekt „LSBTIQ*-Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft“. In seiner Forschung und pädagogischen Praxis sucht er nach (queeren) Ästhetiken in lokalen Tanz- und Performancegeschichten. Zu seinen neueren Veröffentlichungen zählen Moderner Tanz – revisited (mit M. Althammer/A. K. Ahrend) sowie Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre (mit J. Schrödl).

        Chriz M. Klapeer ist Professor*in für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies und Direktoriumsmitglied des Centers for Diversity, Media, and Law (DiML) an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Chriz forscht derzeit zum Verhältnis von LGBTIQ* Bewegungen und (De-)Demokratisierungsprozessen sowie zu cis-schwulen/lesbischen anti-Gender Politiken. Aktuelle Veröffentlichung: Entangled Drag/Trans Panics: A Reflection on the Intersections of Anti-Gender U.S. Politics and Recent Attacks on Drag Storytelling in Germany and Austria (2025).

        Speakers: Andrea Rottmann (FU Berlin), Chriz M. Klapeer (Justus-Liebig-Universität Gießen), Eike Wittrock (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien), Kai* Brust (FU Berlin)
        • a) Trans-Aktivismus als Acts of Citizenship. Eine Mikrogeschichte der Transsexuellengemeinschaft (Tsg) 1985-1987

          1985 gründete Sabrina O. gemeinsam mit anderen sich als transsexuell verstehenden Personen in Köln die Transsexuellengemeinschaft (Tsg). Die Tsg entwickelte sich innerhalb von drei Jahren zu einer bis über die Grenzen der BRD hinaus vernetzten Beratungs- und Lobbyorganisation, mit eigener Informations- und Kontaktstelle in Köln und Beratungsstellen in mindestens vier weiteren Bundesländern. Sabrina O. und ihre Mitstreiterinnen betrieben Lobbyismus bei Polizei und Krankenkassen, sowie in medizinischen Fachkreisen und Bundesministerien, interagierten mit Medienschaffenden und feministischen Bewegungen und schufen mit der Zeitschrift TS-Journal einen Raum für Austausch und Vernetzung unter Betroffenen. Die Tsg transformierte nicht nur die Art und Weise wie unterschiedlichste ratsuchende Betroffene die Welt erlebten, sondern veränderte auch die Interaktionen der cis-normativen Welt mit Betroffenen. Mit ihrem Aktivismus forderte die Tsg immer wieder die Grenze zwischen zivilgesellschaftlicher und staatlicher Sphäre in der Demokratie heraus, beispielsweise mit der Ausstellung des ersten durch eine Peer-Organisation generierten Ergänzungsausweises. Dabei verwischten nicht selten die räumlichen, finanziellen und personellen Grenzen zwischen Privatem und Politischem. Mit ihren Bemühungen schrieb die Tsg nicht nur Trans-, sondern auch Demokratiegeschichte. Ich betrachte ihren Aktivismus als “acts of citizenship”, ein
          Konzept mit „radikalem Potenzial“, Staatsbürger
          innenschaft anstatt ausgehend vom Status, von Handlungen her zu denken, durch die politische Subjektivität „produziert“ wird.

          Speaker: Kai* Brust (FU Berlin)
        • b) Das queere Weimar als Zufluchtsort in der frühen BRD: Hilde Raduschs lesbische Romane

          The past is a foreign country? Für Hilde Radusch, die in den späten 1940er/1950er Jahren lesbische Romane verfasste, fühlte sich die Vergangenheit der Weimarer Republik wohl eher vertraut, wohlbekannt an. Sie selbst hatte die Weimarer Jahre fast in Berlin erlebt, als Telefonistin, Gewerkschafterin, kommunistische Aktivistin und Abgeordnete in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte. War ihr politisches Engagement ganz der KPD verpflichtet, so nahm sie als Zuhörerin sexualwissenschaftlicher Vorträge und Besucherin des Damenclubs Violetta auch am queeren Kulturangebot der Stadt teil. Nachdem sie den Nationalsozialismus knapp überlebt hatte, wurden Raduschs Hoffnungen auf eine politische Karriere in der Stadtverwaltung schnell enttäuscht, ihre Mitgliedschaft in der KPD endete, und die politische und berufliche Neuorientierung stellte sich als sehr schwierig heraus. Im Rückblick beschrieb Radusch die Nachkriegsjahre als herausfordernder als die Jahre im NS. Indem sie lesbische Romane verfasste, die in Weimar spielten, schuf Radusch eine alternative Welt zur feindlich empfundenen Gegenwart, so die These des Vortrags. In Stil, Settings, Protagonistinnen und Themen an die seriell in den lesbischen Zeitschriften der Weimarer Republik abgedruckten Romane erinnernd, fungierten Raduschs Texte als eine scheinbar nahtlose Wiederaufnahme der queeren Kulturtradition nach den Zerstörungen der Nazis. Leider stieß sie aber im konservativen Nachkriegsdeutschland auf kein verlegerisches Interesse, und lesbische Zeitschriften gab es im deutschsprachigen Raum in den 1950er Jahren nicht, so dass Raduschs Angebot eines queer worldings nicht dazu beitragen konnte, dass Leserinnen „their own coming out and coming into a community“ imaginieren konnten. Im Vortrag werden anhand eines im Archiv gehobenen Romanmanuskripts (Die schwarze Paula, 1950) die verschiedenen Modi zeitlicher Bezugnahme und Sinnstiftung untersucht und darüber nachgedacht, inwiefern die verschiedenen queeren Zeitlichkeiten von Handlung, Text und heutiger Lektüre Fremd- oder Vertrautheit evozieren, und welche dieser Empfindungen in der Gegenwart wie nützlich ist.

          Speaker: Andrea Rottmann (FU Berlin)
        • c) Kontaktimprovisation und Körpererfahrung. Selbsterfahrungsworkshops in der westdeutschen Schwulenbewegung

          Die westdeutsche Schwulenbewegung zielte auf die Destigmatisierung (männlicher) Homosexualität, auf die Anerkennung ihrer historischen Diskriminierung und den Abbau gegenwärtiger Vorurteile ab – aber auch auf ein neues Selbstbewusstsein als schwuler Mann. Dieses neue Bewusstsein wurde in den vielen schwulen Emanzipationsgruppen der
          1970er Jahre ausgiebig diskutiert und theoretisiert, passend zum marxistischen/linken, geisteswissenschaftlichen, weißen Milieu, in dem diese Bewegung vornehmlich verortet war. Politische Arbeit wurde in diesem Milieu vornehmlich als theoretische Arbeit begriffen, die einzige körperliche Aufgabe bestand darin, bei Demonstrationszügen, in ordentlicher Formation Spruchbänder durch die Straßen zu tragen. Ein bisher wenig beachteter und dokumentierter Aspekt dieser Bewegung ist jedoch die Arbeit an neuen schwulen Körper- und Selbsterfahrungen, wie sie von der sogenannten Lustfraktion in unterschiedlichsten Formen unternommen wurden. An Orten wie dem Freien Tagungshaus Waldschlösschen trafen sich schwule (und später auch bi- und heterosexuelle) Männer, um in Wochenendseminaren gemeinsam zu tanzen, zu kuscheln, zu reden, zu meditieren, miteinander zu schlafen und sich zu berühren und mit Hilfe unterschiedlicher therapeutischer und künstlerischer Methoden an einem neuem (schwulen) Männerbild zu arbeiten. Dieser Vortrag betrachtet diese Workshops als körperliche Arbeit zwischen Therapie, Politik und Geschlechterutopie.

          Speaker: Eike Wittrock (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien)
        • d) „…ja das ist Demokratiearbeit hier, aber unser Leben besteht nicht nur aus Angst": Gegenhegemoniale Staatsbürgerschaft und demokratische Deliberation im Kontext von zwei Kleinstadt-CSDs

          In den letzten zwei bis drei Jahren haben Angriffe auf CSDs in Deutschland besonders im ländlichen Raum enorm zugenommen. Die neonazistischen und extrem rechten Aufmärsche und Gegendemonstrationen in Bautzen, Döbeln oder Pforzheim waren und sind nicht nur vermehrt Gegenstand medialer Berichterstattung, sondern die Anzahl und Intensität dieser Angriffe beschäftigt auch zunehmend Forscherinnen insbesondere im Bereich der Rechtsextremismus- und Autoritarismusforschung. Gleichzeitig ist in diesem Kontext jedoch zu beobachten, dass LGBTIQ Aktivistinnen und LGBTIQ/CSD Organisationen hier vorrangig als Opfer von De-Demokratiserungsprozessen und rechtsautoritären Mobilisierungen in den Fokus gerückt werden. In der Folge geraten nicht nur die demokratisierende Rolle und Bedeutung von LGBTIQ-Aktivismus und -Bewegungen aus dem Blickfeld, sondern auch die Kontinuität von cis-heteronormativer Gewalt und die jahrzehntelangen Kämpfe dagegen.
          Auf Basis von zwei Fallstudien bzw. einer partizipativen Forschung mit LGBTIQ
          Aktivistinnen/Organisator*innen aus zwei Kleinstädten, die besonders durch extrem, rechte Angriffe betroffen sind, werden in dem Vortrag deren Praktiken der gegenhegemonialen Staatsbürgerschaft, deren widerständige Agency sowie lokale Innovationen in Bezug auf demokratische Deliberation diskutiert. Inwieweit lassen sich diese Kleinstadt-CSDs als Räume alternativer demokratischer Deliberation und Innovation, als queer democratic worldings, begreifen? Welches queer- und transtheoretisch fundierte Verständnis von Demokratie ist hierzu notwendig, um die demokratisierenden Implikationen dieser Kämpfe und Praktiken zu verstehen?

          Speaker: Chriz M. Klapeer
    • Panels: Ecologizing Political Theory. Exploring Alliances between Radical Democracy and Cosmopolitics (E) Seminarraum 8 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 8

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Mareike Gebhardt
      • 74
        Ecologizing Political Theory. Exploring Alliances between Radical Democracy and Cosmopolitics

        Over the past decades, worlding has been advanced as a conceptual tool for analyzing the diverse onto-epistemological realities we inhabit. Different practices of world-making bring reality into being in distinct ways, giving rise to a plurality of ontologies shaped not only by divergent cosmologies but also by experiences of loss, dispossession, and violence. While some of these worlds coexist peacefully, others stand in conflict. In engaging with this plurality, scholars in ethnography, Indigenous studies, and feminist science and technology studies have emphasized the crucial role of more-than-human beings in the constitution of worlds and the destruction of worlds by global capitalism, western epistemes, and techno-optimism. Such perspectives have gained increasing relevance in a present moment that painfully reveals the mutual dependency of human and nonhuman life in the face of climatic and ecological devastation. Politics, understood as a mode of collective action, is thus confronted with the challenges of ontological difference, the risk of mutual destruction, and the multiplicity of more-than-human actors. Yet political theory has remained surprisingly hesitant in developing conceptual tools adequate to these crises and, with some notable exceptions, incorporate insights from the above-mentioned fields. Our panel seeks to address this gap by exploring political visions capable of fostering new modes of collective life oriented toward earthly habitability.

        Initial attempts to respond to these challenges have been articulated under the notion of cosmopolitics, proposed by Isabelle Stengers and further developed by thinkers such as Donna Haraway and Marisol de la Cadena. In reflecting on modes of co-existence, cosmopolitical thought revisits a central question of all non-totalitarian politics, especially of gender_queer politics: how can collectivity endure despite irreducible differences? This is also a key concern for theorists of radical democracy like Judith Butler, Hannah Arendt, and Jacques Rancière. Furthermore, like Stengers, Haraway, and De la Cadena, they are concerned with the devastating consequences of late-modern capitalism across all spheres of human and more-than-human activities. This panel seeks to set up a dialogue between radical democratic theory and feminist STS, reading the former through a cosmopolitical lens. In doing so, we contribute to ongoing efforts to ecologize political theory, exploring the links with feminist-queer politics of care. We ask: What forms of transformative politics emerge when nonhuman beings are included as political actors? What temporalities appear when we interrogate modern narratives of progress and liberal futurity? To what extent can authors in radical democracy account for the plurality of worlds and extend their notion of political contestation to cosmopolitics’ contested alliances and precarious care practices? And how must politics and political theory be rethought when confronted with the practices of more-than-human worlding?

        Presentations
        Fiona Schradinger (Goethe-University Frankfurt), “Re-animating Futures in the Anthropocene”
        Liesbeth Schoonheim (HU Berlin), “The Politics of World-Making in Times of World-Alienation”
        Simon Clemens (HU Berlin), “A Democracy of Many Worlds? Ontological Disagreement and Politics”

        Biographies
        Simon Clemens is an associate fellow at the Political Theory unit at Humboldt-Universität zu Berlin. In his PhD, he investigates the question of politics and democracy in the so-called feminist new materialisms.

        Dr. Liesbeth Schoonheim is a postdoctoral researcher in Political Theory at Humboldt-Universität zu Berlin, working on the intersection of political theory and feminism. Recent publications include “Street Harassment as Seriality: A Critical Phenomenology of Feminist Contestation of Public Space in Brussels” (Hypatia) and Beauvoir and Politics: A Toolkit (Routledge).

        Fiona Schrading is a research assistant at the Goethe-University Frankfurt as part of the project “Waste/Land/Futures: Intergenerational relations in places of abandonment and renewal across Europe” (2024-2028). She is working on a PhD on “Un/Doing Time. Re-localisations of Past and Future in the Anthropocene”. Her research interests include Critical Temporalities, (queerfeminist) New Materialism, feminist science and technology studies, and affect studies.

        Speakers: Fiona Schrading (Goethe-University Frankfurt), Liesbeth Schoonheim (HU Berlin), Simon Clemens (HU Berlin)
        • a) Re-animating Futures in the Anthropocene
          Speaker: Fiona Schrading (Goethe-University Frankfurt)
        • b) The Politics of World-Making in Times of World-Alienation
          Speaker: Liesbeth Schoonheim (HU Berlin)
        • c) A Democracy of Many Worlds? Ontological Disagreement and Politics
          Speaker: Simon Clemens (HU Berlin)
    • Panels: Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität 04 (D) Raum 4U102b (GEWI)

      Raum 4U102b

      GEWI

      Convener: Lena Tschiderer (Medizinische Universitat Innsbruck (The Institute of Clinical Epidemiology, Public Health, Health Economics, Medical Statistics and Info), Innsbruck, Austria)
      • 75
        Konfigurationen von Repronormativität und Handlungsfähigkeit: Zu den Navigationen trans* und nichtbinärer werdener Eltern

        Mein Beitrag geht der Frage nach, welchen Herausforderungen trans* und nichtbinäre Personen im Rahmen von Wegen des Elternwerdens begegnen und wie diese navigiert werden. Dabei knüpfe ich an das im Call der Konferenz formulierte Verständnis des Worlding an: So werden Praktiken des Elternwerdens im Sinne kollektiver Navigationen in den Blick gerückt, die das Tun verschiedener menschlicher, wie auch nicht-menschlicher Akteur_innen umfassen und zur Re-Konfiguration machtvoller Verhältnisse beitragen. Hierbei beziehe ich mich auf die zentralen Ergebnisse meiner soziologischen Forschung (Transcript Verlag, 2026), durch die ich mittels eines qualitativ-ethnografischen Forschungsvorgehens einerseits Hürden und Diskriminierungsweisen sowie andererseits Umgangsstrategien von trans* und nichtbinären werdenden Eltern rekonstruiert habe.

        Mit der Betrachtung der Bereiche Recht, Gesundheitsversorgung und sozialer Zugehörigkeit im deutschen Kontext steht analytisch einerseits im Vordergrund, wie sich Repronormativität konstitutiert, andererseits aber auch re-konfiguriert werden kann. Dabei nehme ich in den Blick, wie sich Handlungsfähigkeit unter der Beteiligung verschiedener Akteur_innen – wie etwa Hebammen, Beratungspersonen, Anwält_innen und Community – konstituiert. Daran anschließend stelle ich Navigationen des Elternwerdens als kollektive und relationale Praktiken heraus, die mittels einer ‚verteilten‘ Handlungsfähigkeit verhandelt und erkämpft werden.

        Aus machtanalytischer Perspektive erläutert mein Beitrag, wie Praktiken des Elternwerdens jenseits cisnormativer Modelle nach wie vor erschwert, verkompliziert und verhindert werden, zeigt aber auch Anhaltspunkte dahingehend auf, was es braucht, um abseits repronormativer Modelle Eltern zu werden oder als Verbündete_r zu handeln. Schließlich schließt mein Beitrag mit Impulsen zum Nachdenken über reproduktive Gerechtigkeit.

        Bio
        Jenn Stoll ist Soziolog_in und Referent_in für Gender- und Diversitätsaufgaben an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und hat 2025 an der Universität Kassel promoviert. Forschungs- und Interessenschwerpunkte sind intersektionale Perspektiven in den Queer und Trans Studies, Queer Kinship und reproduktive Gerechtigkeit.

        Speaker: Jenn Stoll
      • 76
        Intersektionalität im geschlechtsspezifischen Gewaltschutz in Tirol

        Schon Aktivist*innen der sogenannten zweiten Frauenbewegung thematisierten und problematisierten geschlechtsspezifische Gewalt als politisch relevant. Im Zuge dessen wurde ein feministisches Unterstützungsnetzwerk errichtet. Relevant ist hierbei zum Beispiel die Eröffnung des ersten Frauenhauses in Österreich im Jahr 1978. Die beständig hohen Femizidzahlen weltweit, aber auch in Österreich, verdeutlichen seitdem beispielhaft die andauernde Aktualität geschlechtsspezifischer Gewalt.
        Seitdem hat sich der Gewaltschutz professionalisiert, zugleich haben sich feministische Bewegungen weiterentwickelt. Auch wird eine intersektionale Betrachtung von Feminismen gefordert. Des Weiteren werden in theoretischen Aushandlungen der Geschlechterforschung sowohl geschlechtsspezifische Gewalt als auch Intersektionalität als zentrale Forschungsfelder adressiert. Darauf basierend betrachtet dieser Vortrag, inwieweit intersektionale Perspektiven in den geschlechtsspezifischen Gewaltschutz hineinwirken. Der Blick wird dabei auf die intersektionale Betrachtung der Kategorien race, Klasse, Geschlecht, (dis)ability und Alter gerichtet. Es werden spezifische Problemstellungen und Gewaltformen beleuchtet, die mit den genannten Kategorien einhergehen. Zudem werden die daraus resultierenden Anforderungen und Herausforderungen für Institutionen, Strukturen und Fachkräfte des Gewaltschutzes analysiert.
        Haben alle von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffenen Menschen Zugang zu Gewaltschutzeinrichtungen? Welche Barrieren werden deutlich? Sind adäquate Unterstützungsangebote vorhanden? Werden Diskriminierungen und Machtverhältnisse im geschlechtsspezifischen Gewaltschutz fortgeschrieben? Inwieweit ist geschlechtsspezifischer Gewaltschutz an binäre Kategorisierung geknüpft? Abschließend werden Einblicke in das Tiroler Gewaltschutzsystem gegeben. Anhand von Expert*inneninterviews mit Fachkräften wird aufgezeigt, wo intersektionale Perspektiven bereits gut umgesetzt sind und welche ungedeckten Bedarfe identifiziert werden.
        Was ist notwendig, um Gewaltschutz intersektional(er) zu denken und für alle Menschen zugänglich und passend zu gestalten?

        Kurzbiografie
        Nach dem Bachelorstudium der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Freiburg 2021 arbeitete Helen Fröhlich zwei Jahre bei Frauen helfen Frauen Ortenau e.V. im Frauenhaus. Seit 2024 ist sie im Master Gender, Kultur und sozialer Wandel der Universität Innsbruck inskribiert und arbeitet parallel als Sozialarbeiterin bei Frauen aus allen Ländern zu Zwangsheirat und Verwandtschaftsgewalt.

        Speaker: Helen Fröhlich
      • 77
        Einhaltung der SAGER-Richtlinien in der psychoonkologischen Interventionsforschung: Eine systematische Übersichtsarbeit

        Hintergrund
        Trotz wiederholter Hinweise auf Defizite in der Berichterstattung zu biologischem Geschlecht (sex) und sozialem Geschlecht (gender) sind diese Konstrukte in der psychoonkologischen Forschung bislang unzureichend integriert. Ziel dieser systematischen Übersichtsarbeit war es zu untersuchen, in welchem Ausmaß randomisiert kontrollierte Studien (RCTs) in der Psychoonkologie die Leitlinien zu „Sex and Gender Equity in Research“ (SAGER) einhalten.

        Methode
        Es wurde eine systematische Literatursuche in PubMed durchgeführt. Insgesamt wurden 404 RCTs eingeschlossen. Die Einhaltung der SAGER-Leitlinien wurde anhand dichotom kodierter Leitlinienitems bewertet und mittels aggregierter Adhärenzscores beschrieben.

        Ergebnisse
        Mehr als die Hälfte der Studien (55 %, n = 223) verwendete die Begriffe „Sex“ und „Gender“ inkorrekt. In Studien, die ausschließlich ein Geschlecht einschlossen, lag der mittlere Berichtsscore bei 0.90 (SD = 0.81) von maximal drei möglichen Punkten. Studien mit zwei oder mehr Geschlechtern erreichten einen mittleren Score von 1.23 (SD = 0.88) von 13 möglichen Punkten. Am häufigsten wurde die Darstellung von Geschlechts- oder Genderkategorien in Tabellen berichtet (75 %, n = 127). Geschlechtsspezifische Analysen wurden in 24 % der Studien (n = 55) durchgeführt.

        Schlussfolgerung
        Insgesamt zeigte sich eine geringe Adhärenz zu den SAGER-Leitlinien und damit substanzielle Defizite in der Berichterstattung zu „Sex“ und „Gender“ in der psychoonkologischen Interventionsforschung. Diese Defizite schränken die Interpretierbarkeit der Ergebnisse und die Evidenzqualität ein. Eine konsequente Umsetzung der SAGER-Leitlinien sowie eine systematische Integration von „Sex“ und „Gender“ in allen Phasen des Forschungsprozesses sind erforderlich, um die methodische Qualität und eine geschlechtersensible Gesundheitsversorgung zu verbessern.

        Speaker: Jennifer Birke (Insitut für Diversität in der Medizin, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich)
      • 78
        Heterosexistisches Worlding in der Gynäkologie: Freiwillige Sterilisationen und die Regulierung reproduktiver Gesundheit bei kinderfreien Frauen.

        Der Beitrag analysiert am Beispiel der freiwilligen Sterilisation, wie heterosexistisches Worlding in der Gynäkologie die reproduktive Gesundheit und das Wohlbefinden von Personen mit gebärfähigem Körper prägt. Als empirische Grundlage dienen die Resultate aus qualitativen Interviews mit sieben kinderfreien Cis-Frauen und zwei Gynäkolog*innen in Österreich. Aus einer geschlechter- und körpersoziologischen Perspektive wird argumentiert, dass der Zugang zu einer freiwilligen Sterilisation nicht auf objektiven oder neutralen Kriterien beruht, sondern sozial hergestellt wird. So ist der Zugang als ein vergeschlechtlichter Prozess zu verstehen, in dem pronatalistische Vorstellungen, die Weiblichkeit mit Mutterschaft gleichsetzen, dazu führen, dass insbesondere jungen Cis-Frauen ohne Kinder die Sterilisation verwehrt wird. Gleichzeitig verstehen einige der befragten Frauen die Sterilisation als Akt der Selbstbestimmung über ihren Körper und Reproduktionsfähigkeit, womit sich diese auch von normativen Weiblichkeitsbildern abgrenzen. Damit betreiben diese kinderfreien Cis-Frauen ebenfalls eine Form von Worlding. Darüber hinaus legen die Interviews eine Diskrepanz zwischen dem individualistischen Autonomieverständnis in der Medizin und der tatsächlichen Autonomieausübung von Frauen mit Sterilisationswunsch nahe. Obwohl die befragten Gynäkolog*innen in ihren Darstellungen die Autonomie ihrer Patient*innen betonen, hängt die Möglichkeit einer Sterilisation von sozialen und finanziellen Ressourcen, Informationszugang sowie den persönlichen Wertevorstellungen der behandelnden Ärzt*innen ab. Reproduktive und körperliche Autonomie ist in diesem Kontext somit als relational zu verstehen. Die Gynäkologie wird an diesem Beispiel als Ort heterosexistischen Worldings sichtbar, an dem reproduktive Gesundheit reguliert und nicht-heteronormative Lebensentwürfe begrenzt werden.

        Bio
        Vanessa Bock hat an der Universität Innsbruck die Bachelor Soziologie und Wirtschaftswissenschaften studiert und im Anschluss ihren Masterabschluss in Soziologie absolviert. Seit Oktober 2025 promoviert sie zu freiwilligen Sterilisationen in Österreich an der Universität Innsbruck in dem Fach Soziologie und ist Teil des Doktoratskollegs „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformationen“.

        Speaker: Vanessa Bock (Soziologie)
    • Panels: Health, well-being, livability 03 (E) Kleiner Hörsaal (Ágnes-Heller-Haus, UG)

      Kleiner Hörsaal

      Ágnes-Heller-Haus, UG

      Convener: Bianca Prietl
      • 79
        Health and Care Technologies for Older Adults: Queering Medical Humanities Perspectives on Vulnerability

        Vulnerability is a cornerstone of medical ethics, typically framed as a deficit that justifies protection and paternalistic oversight. Drawing on feminist medical humanities and ethics of care, this paper argues that such categorical understandings obscure vulnerability’s situated and relational character: how it is lived, negotiated, and unevenly produced across social positions and material infrastructures. Vulnerability frames worlding practices: it does not simply describe older adults, but distributes credibility, responsibility, and control. Crucially, it also marks who is recognized as eligible for care, and which epistemic frameworks define health, thereby shaping an issue of epistemic injustice: who counts as knowledgeable about their own body and needs.
        Focusing on digital health and care technologies for older adults (e.g. virtual assistants), this paper shows how dominant “ageing well” narratives encode norms of independence and cognitive efficiency. These norms can translate into subtle forms of violence when care becomes surveillance and when older adults’ experiential knowledge is discounted as low health literacy. Gendered ageism intensifies these dynamics. Older women (especially with migrant backgrounds) are frequently positioned as unreliable knowers: pain is minimized, symptoms psychologized, and preferences sidelined (1, 2). Older men are disciplined by ideals of strength and self-reliance, making vulnerability unspeakable and help-seeking stigmatized (3). Non-binary, trans, and gender-diverse older adults face compounding exclusion as medical research, and design assumptions remain structured by binary assumptions of sex and gender (4, 5).
        This paper will theorize these dynamics as potentially violent worldings that shape health and livability and propose caring and response-able narratives of vulnerability that support interdependence and design technologies with diverse older users.

        Bio
        Dr. Mónica Cano Abadía is a feminist philosopher. She has been postdoctoral fellow at the Center for Advanced Studies (University of Rijeka) and the University of Graz, and Senior Scientist at BBMRI-ERIC. She lectures in Gender Studies (Uni Graz) and researches the integration of sex/gender in biomedicine and AI ethics.

        Speaker: Mónica Cano Abadía (University of Graz)
      • 80
        Queer and Trans Reproduction with Assisted Reproductive Technologies (ART) in Europe

        In this talk I present the outcomes of my habilitation project on queer and trans reproduction with Assisted Reproductive Technologies (ART) in Europe, consisting mainly of the outcomes of two funded projects. The first is my Marie-Sklodowska-Curie-Individual Fellowship “QTReproART” on queer and trans inclusive assisted reproduction. This was carried out the Centre for Gender Research at the University of Uppsala, Sweden. The second project “Reproductive Justice and Queer and Trans* Reproduction” was undertaken with the Elisabeth-List-Fellowship Program at the University of Graz, Austria. Thus, overall the habilitation research emerges from a triangulation of the disciplines of queer theory/trans studies (both subfields of gender studies); science, technology, and society studies (STS), as well as bioethics (philosophy).
        My research included document analysis (including ART laws, LGBTIQ rights and political/parliament discussions) as well as empirical data collections (surveys, interviews and focus groups). My empirical data centred on self-defined queer and trans people impacted by ART processes and policies.
        My research findings respond to my initial research questions: What challenges do queer and trans people meet in accessing and using ART in Europe and how do they negotiate these? Who among them is allowed to reproduce and how? How can the challenges for queer and trans reproduction with ART in Europe be overcome?

        Bio
        Doris Leibetseder is a Post-Doc Assistant at the Center for Gender Studies, University of Basel, Switzerland, and was an Elisabeth-List-Senior Fellow at the University of Graz. They were an IAS-STS Fellow at the TU Graz, and a Visiting Scholar at the Reproductive Sociology research group at the University of Cambridge.

        Speaker: Doris Leibetseder (Zentrum Gender Studies, Universität Basel)
      • 81
        Before/After : The Visual Politics of Top Surgeries in Biomedical Contexts

        This article examines biomedical representations of top surgeries (the surgical procedure that involves removing breast tissue to give the appearance of a flat chest). Focusing on the websites of surgeons, clinics or hospitals that perform this operation, this contribution compares the different visual depictions found there and the varying implications that emerge from them.
        Comparing these images allows us to identify recurring patterns, which tend to naturalize a model reinforcing a pre-existing normative reality. Indeed, the most frequent images consist of close-ups
        focusing only on the chest, more or less anonymized (certain distinctive features such as tattoos do not guarantee total anonymity), in a before/after comparison. They contribute to a normative system by presenting the operation as a ‘correction’ within a linear temporality seeking productive success (Freeman, 2010). Furthermore, on most websites, the operation is listed in categories of ‘male reassignment’, serving only one type of possible trans trajectory and narrative. This repetition of a single type of image thus creates an impression of an universal truth and a model
        path to follow in relation to the surgical experience: which, in itself, attempts to instill normatively in a trans
        journey, whereas this embodied experience calls to be lived and reflected upon according to queer phenomenology (Ahmed, 2006).
        This observation calls for other, more embodied types of representation, highlighting moments of shared care around the operation itself and situated testimonies, tending towards a plurality of representations that are much more faithful to the reality of the diversity of transition experiences.

        Bio
        Miel Assas-Dunne is a PhD student in Aesthetics and Philosophy of Art at Paris 1 Panthéon-Sorbonne University, within the APESA doctoral school (visual arts, aesthetics, and art sciences). They hold a master's degree in gender studies (Paris 1 Panthéon-Sorbonne, 2025) and a master's degree in scenography and sound engineering (ENS Louis-Lumière, 2021). Their doctoral research aims to explore the visual representations and narratives of top surgeries, questioning how these constitute sensitive, political, and aesthetic archives in comparison with dominant biomedical frameworks. This mapping of the visual, narrative, and somatic gestures shows how they contribute to the emergence of trans* aesthetics.

        Speaker: Miel Assas-Dunne (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne)
    • Panels: Institutionen, Räume, Temporalitäten 04 (D) Seminarraum 13 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 13

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Flora Löffelmann (University of Vienna)
      • 82
        Intergeschlechtlichkeit in pädagogischen Kontexten – Wissensordnungen, Silencing und die Frage nach inter*inklusiver Bildung

        Der Beitrag basiert auf meiner abgeschlossenen Promotionsstudie zu biografischen Erfahrungen intergeschlechtlicher Personen in Familie und Schulzeit (Enzendorfer 2024). Die rekonstruktiven Analysen der Studie zeigen, dass Intergeschlechtlichkeit in den Biografien der Erzähler*innen überwiegend als nicht besprechbares Phänomen erscheint. Tabuisierungen in familialen Beziehungen, fehlende Repräsentationen sowie normalisierende Praktiken setzen (zwei-)geschlechtliche Intelligibilität als unhintergehbare Bedingung. Besonders mit Beginn der Pubertät führen erlernte und vermittelte heteronormative Körperbilder zu Strategien der Unsichtbarmachung, zu sozialem Rückzug und zu einer Verlagerung der Thematisierung in medizinische Diskursräume, die als einzige legitime Sprechorte erscheinen.

        Die Ergebnisse der Studie betonen eine dispositive Entkonzeptualisierung von Intergeschlechtlichkeit in pädagogischen Kontexten. Dass Intergeschlechtlichkeit heute zunehmend als gesellschaftliches, rechtliches und bildungspolitisches Thema verhandelbar wird, ist wesentlich den Interventionen von Inter*Selbstvertretungen zu verdanken, die neue Wissensbestände, Begriffe und Repräsentationen geschaffen haben. Eine machtkritische pädagogische Forschung steht daher vor der Aufgabe, sich zu diesen Wissensbeständen in ein verantwortliches und solidarisches Verhältnis zu setzen und sie als Expert*innenwissen aufzunehmen.

        Vor diesem Hintergrund wird interinklusive Bildung als notwendige Bearbeitung pädagogischer Wissensordnungen gefasst. Ausgehend von den biografischen Erfahrungen und mit Bezug auf zentrales Wissen von Selbstvertretung werden Perspektiven für interinklusive Bildungsprozesse entwickelt.

        Kurzbiografie
        Mart Enzendorfer ist Bildungswissenschaftler*in sowie Sozialpädagogin und arbeitet als Senior Lecturer am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien (Arbeitsbereich Biografie, Bildung und Gesellschaft). 2024 erschien die auf einer qualitativ-rekonstruktiven Promotionsstudie basierende Monografie Intergeschlechtlichkeit in pädagogischen Kontexten: Biografische Erfahrungen in Familie und Schulzeit (transcript).

        Speaker: Mart Enzendorfer
      • 83
        Trans*männliche Biographien als Gender_Queer World-Making

        Der Beitrag versteht trans*männliche Biographien als Praktiken des Gender_Queer World-Making. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass geschlechtliche Transitionen relationale und soziomaterielle Hervorbringungen von Welt sind. In Auseinandersetzung mit poststrukturalistischen Subjektivierungstheorien (vgl. Judith Butler) und feministisch-neomaterialistischen Ansätzen (vgl. Karen Barad) wird Transition als materiell-diskursiver Prozess gefasst, in dem Körper, Technologien, Affekte, Objekte und institutionelle Regulierungen untrennbar miteinander verwoben sind.
        Empirische Grundlage sind biographisch-narrative Interviews mit trans*maskulinen Personen in Deutschland und Österreich. Im Zentrum steht die Frage, wie sich trans*männliches Werden im Lebensverlauf vollzieht und welche Welten, soziale, intime, medizinische, digitale, dabei hervorgebracht, verschoben oder unterlaufen werden. Transition erscheint dabei nicht als lineare Abfolge von Meilensteinen, sondern als nicht-linearer, von Brüchen, Umwegen und queeren Zeitlichkeiten geprägter Prozess.
        Trans*männliche Biographien machen normative Ordnungen von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und hegemonialer Männlichkeit sichtbar, indem sie diese zugleich reproduzieren, irritieren oder transformieren. Gender_Queer World-Making zeigt sich etwa in der Umcodierung von Körpern und Genitalien, im kreativen Umgang mit Hormonen und Prothesen oder in der Aneignung und Verschiebung männlicher Positionierungen. Der Beitrag plädiert dafür, trans*männliche Lebensverläufe nicht primär als Anpassung an bestehende Geschlechterordnungen zu lesen, sondern als produktive Praxis der Weltgestaltung, in der neue Möglichkeitsräume von Männlichkeit, Verkörperung und Zugehörigkeit entstehen.

        Bio
        Mein Name ist Hannah Sommerschuh, ich habe einen Masterabschluss der transdisziplinären Geschlechterforschung der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Oktober 2025 promoviere ich an der Universität Innsbruck im Doktoratskolleg „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformation“ zu trans*männlicher Verkörperung in biographischen Prozessen. Ich identifiziere mich selbst als nicht-binär und queer.

        Speaker: Hannah Sommerschuh (Universität Innsbruck, Institut für Soziologie)
      • 84
        Erlösung durch Fortschritt? Zur Funktion von (idealisierter) Queerness in audiovisuellen Anti-Gewalt-Kampagnen.

        Der Beitrag stellt weiterführende Überlegungen im Anschluss an meine Dissertation dar, die sich mit der Inszenierung sexistischer Gewaltformen in Anti-Gewaltkampagnen auseinandersetzte. Post- und dekoloniale Erkenntnisse miteinbeziehend habe ich mit Ludwik Fleck und Adele Clarke (et al.) nach der denkstiltheoretischen Konstitution sexistischer Gewalt in audiovisuellen Kampagnen gefragt. In der Analyse von 18 Anti-Gewalt-Kampagnen zeigte sich ein besonders überraschendes Motiv: Queerness.
        Die untersuchten Kampagnen inszenieren Heterosexualität als Inbegriff einer schützenswerten Ordnung und als Versprechen auf das „gutes Leben“. Jedoch verharrt die heterosexuelle Idylle in einer nostalgischen Krise; sie erscheint als schützenswertes Opfer, dessen Rettung nur durch progressive Transformation möglich wird.
        Diese Transformation entfaltet sich unter anderem im Motiv des Rechtsstaats („Nur ja heißt ja“). Die Justiz erscheint als die moralische Instanz, die den Weg für eine neue Weltordnung ebnet, deren volle Kraft sich erst durch die Öffnung zur Queerness entfaltet. Gewalt wird mit Nostalgie und dem „Gesetz des alten weißen Mannes“ verknüpft wird.
        Queerness fungiert in diesem Kontext als Symbol einer aufgeklärten, gewaltfreien Moderne. Sie löst das Versprechen der Aufklärung ein, das die heteronormative Ordnung aufgrund ihrer immanenten Krisenhaftigkeit und ihrer Bindung an imperiale Traditionen nicht halten konnte. In der audiovisuellen Logik dieser Kampagnen ist Queerness die bunte Zukunft, die den grauen Schatten der Gewalt endgültig verdrängt. Sie ist das erfüllte Versprechen der Erlösung durch Fortschritt, in dem sexuelle Selbstbestimmung und „Zivilisation“ einander bedingen.
        Eine Vorstellung von Queerness als sexuelle Selbstbestimmung wird als idealisiertes, gewaltfreies Fortschrittsversprechen positioniert. Sie wird als Instrument und ästhetische Neuinszenierung der idealisierten Gewaltfreiheit kolonialer Moderne wahrnehmbar.

        Bio
        Sephir Arden promovierte 2026 mit einer Arbeit zur Inszenierung sexistischer Gewalt in Anti-Gewalt-Kampagnen. Es ist zudem seit 2022 am Institut für Praxisforschung und Projektberatung München tätig und arbeitet dort in Projekten zu sexualisierter Gewalt in Institutionen. Ardens Forschungsschwerpunkte sind sexistische Gewaltformen, qualitative Methoden, audiovisuelle Datenanalyse, Queer Theory und Denkstiltheorie.

        Speaker: Sephir Arden (Institut für Soziologie, Center für interdisziplinäre Geschlechterforschung (CGI))
      • 85
        Surplusfizierung und prekäres trans* Worlding

        Durch gesellschaftspolitische Kämpfe wurden trans* Leben in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland begrenzt intelligibel. Zugleich sind insbesondere trans*feminine Leben durch prekäre Lebensverhältnisse gekennzeichnet: unsichere Wohnverhältnisse, Ausschluss aus Familienstrukturen, alltägliche Diskriminierung, Erwerbslosigkeit und Unterbeschäftigung erschweren ihre Reproduktion. Unter diesen Umständen bestreiten prekäre transfeminine Personen ihr Über_Leben durch eine Verbindung von Sozialleistungen und (illegalisierten) Gelegenheitsjobs, solidarischen Sorgenetzwerke und gemeinsamer Ökonomie.
        Anschließend an Laura Boemke, Tine Haubner und Mike Laufenberg (2025) schlage ich vor, diesen Dynamik als Surplusifizierung zu fassen. Hierunter fassen die Autor
        innen den dynamischen und teils widersprüchlichen Prozess des Überflüssig-Machens bestimmter Bevölkerungsgruppen in der Verschränkung politischer, gesellschaftlicher und kapitalistischer Verhältnisse, der sich im Zuge neoliberaler Verhältnisse auch im Globalen Nordwesten vollzieht und zugleich durch Prozesse der Wiedereinverleibung in Form un(ter)bezahlter Reproduktionsarbeit kennzeichnet ist. Ich rekonstruiere anhand von zwei biographisch orientierten Interviews mit trans* Frauen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen in Deutschland durch Widersprüche innerhalb sowie zwischen ökonomischen und sozialen Dynamiken gekennzeichnete Prozesse trans*femininer Surplusifizierung in der Gegenwart und begreife diese Surplusifizierung als eine Form hegemonialen, trans*misogynen Worldings. Dabei zeige ich, dass trans*feminine Surplusifzierungen sich durch spezifische Formen der Wiedereinverleibung auszeichnen. Diese vollziehen sich weniger durch die Einbindung in kommunale Dienstleistungen über ‚Freiwilligenarbeit‘ wie Boemke et al. beschrieben, als vielmehr über trans*- oder queer-zentrierte autonome und politisierte Communities of Care. Weil diese nicht nur Reproduktion ermöglichen – und damit durchaus als verstrickt in Prozesse der Surplusifizierung sind – sondern auch zu einem antikapitalitischen Bewusstsein beitragen und nonkonforme geschlechtliche Subjekte bestärken, stellen sie Prozesse und Orte widerspenstigen Worlding dar.

        Bio
        Zoe* Steinsberger ist Affilated Scholar am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck, promoviert mit einem Exzellenstipendium der Universität Innsbruck und lehrt an zahlreichen österreichischen Universitäten. Sie ist Mitglied der AG intertrans-nonbinary der ÖGGF, forscht und publiziert zur trans*femininer Prekarität und Praxen des Widerstands in dieser und gegen diese.

        Speaker: Zoe* Steinsberger
    • Panels: Institutionen, Räume, Temporalitäten 05 (D) Raum 4U102a (GEIWI)

      Raum 4U102a

      GEIWI

      Convener: Michaela Ralser
      • 86
        Biografische Diffraktionen im Gefüge des Lehrer*innen-Werdens

        Verteilungsgerechtigkeit und Gleichberechtigung zählen zu den Schlüsselproblemen von Bildung (Klafki 2019). Zielführend ist es daher, wenn Lehramtsstudent*innen sich nicht nur Wissen über Diversität bzw. wie man heterogene Schüler*innen gut unterrichten kann aneignen, sondern auch verstehen, dass es wichtig ist über dichotome, essentialistische Konzepte von Minderheit und Mehrheit hinauszugehen (Rowan u. a. 2021). Gleichzeitig ist der Anspruch an gerechtigkeitsunterstützender, inklusiver Bildung nur einer von vielen die an (angehende) Lehrer*innen formuliert werden. Das zeigt sich auch darin, dass das Lehrer*innen-Werden, das Entwickeln eines professionellen Selbstverständnisses komplex und vielschichtig ist (Adams 2021; Sachs 2005). Es ist eingebettet in ein soziales Gefüge, dem Zusammenspiel von unterschiedlichen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, welches hergestellt, erhalten und verändert wird (Deleuze/Guattari 2007; Gherardi 2016, 2019). In diesem Gefüge sind auch Diffraktionen (Donna Haraway 1992; Donna Jeanne Haraway 2018) erhalten, also Auswirkungen von vergeschlechtlichten, rassifizierten, klassistischen oder ableistischen Dynamiken, welche das Lehrer*innen-Werden beeinflussen. Die Frage ist jedoch, welche Diffraktionen werden für die Gestaltung inklusiver Bildung mobilisiert.

        Um dieser Frage nachzugehen, werden aus der Perspektive der posthumanistischen Praxistheorie (Gherardi 2016, 2019) 126 Einzelreflexionen von Lehramtsstudent*innen untersucht. Diese wurden im Rahmen von Seminaren zum Thema Inklusive Bildung von Master-Student*innen verfasst. Dabei reflektierten die Student*innen, wie ihre eigene Biografie und Identität von anderem im Gefüge des Unterrichtens wahrgenommen und einen Einfluss auf ihre (zukünftige) Tätigkeit hat. Dabei beleuchtet die Analyse, welche Formen der Privilegierungen und Benachteiligungen thematisiert und mobilisiert werden, um so die Auswirkungen von Ungleichheitsverhältnissen aufzeigen zu können. Darauf aufbauend wird gezeigt, was es braucht, um Bildungsgerechtigkeit zu fördern.

        Literatur
        Adams, Erin. (2021). Being before: three Deleuzian becomings in teacher education. Professional Development in Education, 47(2–3), 392–405. https://doi.org/10.1080/19415257.2021.1891954
        Deleuze, Gilles, Guattari, Félix. (2007). Tausend Plateaus (Nachdr.; Gabriele Ricke, Übers.). Berlin: Merve-Verl.
        Gherardi, Silvia. (2016). To start practice theorizing anew: The contribution of the concepts of agencement and formativeness. Organization, 23(5), 680–698.
        https://doi.org/10.1177/1350508415605174
        Gherardi, Silvia. (2019). How to conduct a practice-based study: problems and methods (Second edition). Cheltenham, UK Northampton, MA, USA: Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/978-1-78897-356-4
        Haraway, Donna. (1992). The Promises of Monsters: A Regenerative Politics for Inappropriate/d Others. In Lawrence Grossberg, Cary Nelson, & Paula A. Treichler (Hrsg.), Cultural studies (S. 295–337). New York, London: Routledge.
        Haraway, Donna Jeanne. (2018). Modest_Witness@Second_Millennium.
        FemaleMan_Meets_OncoMouse: feminism and technoscience (Second edition).
        New York: Routledge, Taylor and Francis Group.
        Klafki, Wolfgang. (2019). Allgemeine Erziehungswissenschaft. Systematische und historische Abhandlungen: herausgegeben und eingeleitet von Karl-Heinz Braun, Frauke Stübig und Heinz Stübig. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-23165-1
        Rowan, Leonie, Bourke, Terri, L’Estrange, Lyra, Lunn Brownlee, Jo, Ryan, Mary, Walker, Susan, Churchward, Peter. (2021). How Does Initial Teacher Education Research Frame the Challenge of Preparing Future Teachers for Student Diversity in Schools? A Systematic Review of Literature. Review of Educational Research, 91(1), 112–158. https://doi.org/10.3102/0034654320979171
        Sachs, Judyth. (2005). Teacher Education And The Development Of Professional Identity: Learning To Be A Teacher 1. In Michael Kompf & Pam Denicolo, Connecting Policy and Practice (1. Aufl., S. 5–21). London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9780203012529-3

        Bio
        Elisabeth Anna Günther ist Universitätsassistentin (post-doc) am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien. Ihre Forschung fokussiert auf das Zusammenspiel von Intersektionalität, Technologie, Organisation und Bildung in einer postdigitalen Welt. Aufbauend auf ihrer praxis-theoretischen Expertise wendet sie hierzu sowohl quantitative als auch qualitative Methoden an.

        Speaker: Elisabeth Günther
      • 87
        Karriereverläufe von Professor*innen an Hochschulen in Deutschland

        Hintergrund
        Die zunehmende Akademisierung der Gesundheitsfachberufe Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie verändert die institutionellen Landschaften deutscher Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) und erzeugt einen steigenden Bedarf an Professor*innen. Gleichzeitig verweisen diese Entwicklungen auf strukturelle Ungleichheiten in Bildungssystemen sowie historisch gewachsene Professionalisierungswege, die bestimmte Gruppen (z.B. Männer) bevorzugen. Während gesundheitliche Arbeitsfelder traditionell stark von Geschlechterverhältnissen geprägt sind, d.h. berufspraktisch weiblich dominiert sind, ist wenig darüber bekannt, wie sich diese Macht- und Wissensordnungen in Karriereverläufen innerhalb der Hochschulen in gesundheitlichen Fächern fortschreiben. Der Beitrag adressiert diese Leerstelle durch eine umfassende Analyse akademischer Biografien.

        Methode
        Untersucht wurden 340 öffentlich zugängliche Lebensläufe von HAW-Professor*innen mit Gesundheitsdenomination (Ausschluss Denomination Human- und Zahnmedizin; Erhebung 11/2023-12/2025). Die deskriptiv und inferenzstatistisch ausgewerteten Daten bilden ein institutionelles „Archiv“, welches Bildungswege, Übergänge, zeitliche Abfolgen und institutionelle Erwartungen sichtbar macht. Analysiert wurden Qualifikationsprofile, berufspraktische Erfahrungen sowie Unterschiede nach Geschlecht und Berufsgruppe.

        Ergebnisse
        Die Ergebnisse zeigen ausgeprägte berufs- und geschlechtsspezifische
        Pfadabhängigkeiten: Pflege stellt die größte berufliche Herkunftsgruppe dar (n = 170).
        Ärztliche Professor*innen (n = 70) sind zu 75,7% männlich, nicht-ärztliche (n = 270) zu 66,2% weiblich. Promotionszeiten differieren deutlich zwischen den Geschlechtern (p =.004), ebenso wie die Titeldiversität der professoralen Denominationen (p = <.001).

        Schlussfolgerung
        Die Studie zeigt, wie Hochschulen als Institutionen Karrierewege strukturieren, reproduzieren oder begrenzen. Sie liefert eine empirische Grundlage für gerechtere Qualifizierungs- und Rekrutierungsmodelle, die im Prozess der Disziplinentwicklung der Gesundheitsfachberufe berücksichtigt werden sollten, um repräsentatives Personal
        hinsichtlich soziodemographischer Faktoren sowie direkter Berufsbezogenheit zu fördern. Eine Ausweitung auf Österreich ist geplant.

        Kurzbiografien
        Caroline Haupt ist PhD-Studentin im Bereich Medical Psychology an der
        Medizinischen Universität Innsbruck, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt KIZ_GESUND und Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachbereich Gesundheit & Pflege der Katholischen Hochschule Mainz, Deutschland. Ferner ist sie Lehrlogopädin an dem Ausbildungszentrum für Logopädie der Universitätsmedizin Mainz, Deutschland.

        Philipp Struck ist Professor für Berufspädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen die Lehrer*innenbildung und Unterrichtsgestaltung, die Berufswahl- und Berufsbildungsforschung, die Berufliche Bildung im Gesundheitswesen und die Berufliche Förderpädagogik.

        Sabine Ludwig ist Professorin für Diversität in der Medizin und Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen Geschlechter- und Diversitätsaspekte in der Prävention, Krankheitsentstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen sowie Themen der Geschlechtergleichstellung und globale Gesundheit.

        Sonja Rossi ist Assistenzprofessorin an der Univ.-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen der Medizinischen Universität Innsbruck. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen neurowissenschaftliche, psychologische und behaviorale Korrelate von Sprache und Kognition bei unterschiedlichen Probandinnen- sowie Patientinnengruppen (psychische / neurologische / audiologische Erkrankungen sowie Risikofaktoren für Entwicklungsstörungen).

        Speaker: Caroline Haupt (Katholische Hochschule Mainz, Medizinische Universität Innsbruck)
      • 88
        Staatliche Reproduktion von Geschlechterideologie: Eine Analyse der „Ehe für Alle“ in Deutschland

        Der Beitrag untersucht die Transformation der staatlichen Reproduktion von Geschlechterideologie im Kontext der „Ehe für Alle“ in Deutschland. Zentral ist die Frage, welches Wissen der hegemonialen Konstruktion von Geschlecht zugrunde liegt und inwiefern der Staat es im Zuge sich wandelnder Herrschaftsverhältnisse (re-)produziert. Anhand einer historisch-materialistischen Policy-Analyse (HMPA) wird die Einführung der „Ehe für Alle“ als Ausdruck veränderter Machtverhältnisse im Kapitalismus analysiert. Dabei werden Nicos Poulantzas’ materialistische Staatstheorie mit feministisch-materialistischer Staatskritik mit Konzepten der Queer Theory, insbesondere von Judith Butler, in ein produktives Spannungsverhältnis gebracht.

        Es wird von der These ausgegangen, dass die Nivellierung der Kategorie Geschlecht innerhalb staatlicher Regulation Ausdruck einer hegemonialen Verschiebung ist. In diesem Prozess werden traditionelle geschlechtliche Normierungen zwar nicht obsolet aber verlieren an Relevanz, um den Erfordernissen flexibler Akkumulationsregime zu entsprechen. Die Analyse staatlicher und zivilgesellschaftlicher Diskurse zeigt, inwiefern sich die Form und der Inhalt hegemonialer Äußerungen über die Ehe und Geschlechterordnung im Verlauf der politischen Auseinandersetzungen verändert haben.

        Der Beitrag leistet eine kritische Intervention in machttheoretische Debatten über Staat, Geschlecht und Kapitalismus, indem er die Verstrickung staatlicher Policies in die Reproduktion sozialer Herrschaftsverhältnisse offenlegt. Damit trägt er zur theoretischen und
        empirischen Analyse von Geschlechterpolitik im Neoliberalismus bei. Der Beitrag setzt sich demnach mit der Zirkulation von Geschlechterwissen in Deutschland auseinander und ist daher für die Konferenz von Interesse.

        Bio
        Carla Riese beendet mit dieser Arbeit ihr Masterstudium an der Universität Leipzig unter der Betreuung von Dr. Stefanie Wöhl (BFI Wien) und Dr. Leon Rosa Reichle. Aktuell ist sie in Vorbereitung auf eine Promotion, in der sie sich aus kritisch feministischer Perspektive mit Poulantzas Raum-Zeit-Matrix auseinandersetzt.

        Speaker: Carla Riese
      • 89
        Einen Schritt in die Zukunft wagen: Wie feministische Räume die Imaginationsfähigkeit marginalisierter Frauen fördern

        Sich vorzustellen, dass eine andere, gerechtere Welt möglich ist, bringt nicht nur Unzufriedenheit mit bestehenden sozialen Strukturen zum Ausdruck, sondern entwirft zugleich Alternativen, die Gleichheit und Empowerment in den Mittelpunkt stellen. Feministische Forschungen zeigen, dass die Stärkung marginalisierter Frauen unter Bedingungen struktureller Ungleichheit eine zentrale Herausforderung darstellt und die Bewältigung schwieriger Lebenslagen eng mit der Fähigkeit verbunden ist, sich eine lebenswerte Zukunft vorstellen zu können. Anknüpfend an Bourdieus Konzept von Zukunftsorientierungen adressiert unser Vortrag, unter welchen Bedingungen marginalisierte Frauen mögliche Zukünfte entwerfen und eine Vorstellung von einem „guten Leben“ entwickeln.
        Der Vortrag basiert auf Reflexionen aus einem kritischen partizipativen Aktionsforschungsprojekt in Kooperation mit den Wiener Beratungsstellen Frauen* beraten Frauen* und Peregrina. Zwölf ehemalige Klientinnen wirkten als Community-Forscherinnen an der Entwicklung der Forschungsfragen, der Datenerhebung mittels Social Mapping und leitfadengestützter Interviews sowie an der gemeinsamen Auswertung mit. Untersucht wurden u.a. Bewältigungsstrategien in schwierigen Lebenslagen, die Rolle von Frauenberatung dabei, und welche psychosozialen Bedingungen es ermöglichen, sich ein gutes Leben als Frau in dieser Gesellschaft vorstellen zu können.
        Die Ergebnisse der Aktionsforschung zeigen, wie stark die Fähigkeit, eigene Zukunftsperspektiven zu entwickeln, durch strukturelle Unsicherheiten und Ungleichheiten begrenzt ist, u.a. prekäre Aufenthaltsbedingungen, Dequalifizierung, Diskriminierung und bürokratische Hürden. Viele Frauen richteten ihre Energie zunächst auf die Bewältigung existenzieller Probleme, während eigene Zukunftswünsche häufig unscharf oder schwer artikulierbar blieben. Zugleich erwies sich die Entwicklung von Zukunftsvorstellungen als Ausdruck der Hoffnung, dass positive Veränderungen für marginalisierte Frauen möglich sind und als zentraler Wendepunkt für Handlungsfähigkeit.

        Bio
        Dr. Barbara Rothmüller ist Soziologin und Senior Scientist an der Fakultät für Psychologie der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechter- und Sexualitätsforschung, partizipative Forschung, psychosoziale Gesundheit sowie soziale Ungleichheit. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin im FWF-Projekt „The Psychological is Participatory – Feminist critical participatory action research with women’s counseling centers and their clients”.

        Julia Struppe-Schanda, M.Sc., ist Psychologin und Junior Fellow an der SFU. In ihrer Dissertation untersucht sie Emotionen in der strafrechtlichen Verfolgung von Fällen partnerschaftlicher Gewalt in Österreich. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der sozialpsychologischen Geschlechterforschung, Gewalt und Geschlecht sowie Emotion und Recht. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „The Psychological is Participatory“.

        Dipl.-Ing. Isidora Šobot ist Projektmanagerin für Infrastrukturprojekte bei ISP ZT in Wien. Nach ihrem Architekturstudium an der Universität Novi Sad arbeitete sie an ihrer Dissertation am Institut für Raumplanung an der Technischen Universität Wien. Daneben interessiert sie sich für Kulturanthropologie, Migration, Identität und Politik. Sie war Community-Forscherin im Projekt „The Psychological is Participatory“.

        PD Dr. Nora Ruck ist Assistenzprofessorin für Psychologie und Vizestudiendekanin für Forschung an der SFU. Ihre Arbeit verbindet Sozialpsychologie und die Geschichte der feministischen Psychologie mit partizipativen Methoden, um soziale Machtverhältnisse und Ungleichheiten zu untersuchen – insbesondere im Kontext geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Sie war Projektleiterin des Projekts „The Psychological is Participatory“.

        Speaker: Barbara Rothmüller (Sigmund Freud PrivatUniversität Wien)
    • Panels: Militarisation, borders, belonging 02 (E) Seminarraum 12 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 12

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Katharina Wiedlack (Universität Wien)
      • 90
        Queer Ukrainian World-making Amidst the War-Driven Spatiotemporal Normativities

        My paper presents intermediary results of an ongoing ethnographic research of LGBTQ+ Ukrainians navigating and negotiating their subjectivities and social relations in the contexts of war, multiple colonialities, and displacement, with the complex and intersectional spatiotemporal injustices and normativities emerging within these contexts - e.g. gendered martial law and neoliberal policies of “worthiness” applied to Ukrainian refugees in the EU.
        The research draws on the data collected from over 50 semi-structured interviews conducted in 2023-2025 with LGBTQ+ Ukrainians currently primarily residing in Ukraine, Germany, and Poland. It explores, based on the respondents’ lived experiences, how practices of queer world-making (after Munoz, 1999) become baselines for re-negotiation of queer Ukrainian subjectivities and belonging amidst the militarised Ukrainian context as well as in the context of displacement and forced migration, and help navigate multiple oppressive, oftentimes gendered spatiotemporal normativities imposed by various actors of the war. While national identities and subjectivities remain important for LGBTQ+ Ukrainians during the war, my research shows that perceived possibilities of queer world-making, either while staying in Ukraine or in forced migration, are of core importance in shaping their life strategies. The research thus contributes to current debates on intersections of queerness and nationalism in militarised Eastern European context, as well as to the research on European sexual geographies and homonationalism.

        Bio
        Eugenia Seleznova is a PhD Candidate in Comparative Gender Studies at Central European University, Vienna. Her research interests include queer subjectivities and citizenship; queer migration, and colonialities in Eastern European contexts. She has contributed to Baltic Worlds and Tagebuch as an author, and serves as an editor in Peripheral Histories.

        Speaker: Eugenia (Yevheniia) Seleznova (Central European University)
      • 91
        From Democratic Resistance to National Defense: Affective Reconfiguration in Israeli Women's Movements After October 7th

        Israel's 2023 pro-democracy protests witnessed significant feminist mobilization against the far-right government's judicial overhaul. Women-led movements like Building an Alternative, Breaking Walls, and Women Wage Peace deployed embodied and affective strategies—including Handmaid's Tale imagery—to articulate the gendered stakes of democratic erosion. However, the October 7th attacks and subsequent Israel-Gaza war fundamentally disrupted this mobilization, forcing movements to navigate a radically altered political landscape marked by heightened nationalism, security anxieties, and societal polarization.
        This paper examines how emotions—hope, fear, grief, anger, solidarity, and moral distress—shaped feminist activism across this rupture. Drawing on feminist ethnography and in-depth interviews conducted between January 2023 and October 2024, I explore how the transition from protesting the state to defending (or questioning) the nation reconfigured feminist alliances, activist identities, and political imaginaries. Central questions include: How did the crisis reshape understandings of "security," "democracy," and "belonging"? Which activists withdrew from protest and which persisted—and what emotional logics guided these decisions? How did movements negotiate tensions between feminist principles and nationalist pressures?
        By foregrounding the affective dimensions of crisis-driven transformation, this research illuminates how violent ruptures alter feminist worldings—the processes through which movements create, maintain, and reimagine political possibilities. It contributes to theoretical debates on emotions in social movements while offering empirical insights into how feminist actors navigate the collapse of democratic space under conditions of war, revealing both the fragility and resilience of feminist solidarity in moments of national crisis.

        Speaker: Veronica Lion (New York University/Universität Gray)
      • 92
        Worlds in-becoming: reflections on Südtirolo Pride as practice of border-troubling and alternative belonging

        South Tyrol is a borderland where a shifted state border (to Brenner/o after 1919) intersects with everyday ethnic boundary-making (Barth 1969, Fassin 2011), reinforced by institutional procedures and structures naturalizing language-group belonging, e.g. ‘Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung’ (critically conceptualized as Ethnische Aufschreibung, Langer 1991) and broader divided schools and social spaces.

        Against this everyday bordering, in this paper we examine how the first Südtirolo Pride (2025), which we co-organized, enacts alternative world-making practices, while attending to embodied entanglement of borders/boundaries (Khosravi 2019) as the ground from which alternatives emerge. “Südtirolo”, a trans-linguistic neologism, exemplifies staging border-troubling and inviting disidentification (Muñoz 2009) from normativity regimes (Preciado 2024). Drawing on gendered lived experiences from collaboration and the drafting of the Political Manifesto, we engage feminist materialist accounts of collective experience (Federici 2026, Gago 2021), understanding it as collectively produced, politically generative, situated knowledge (Haraway 2004) about the negotiability of borders/boundaries.Across material, discursive and epistemic levels, we trace four intertwined dimensions of Pride as practice of world-making, which produces: (1) publics that render structural violence speakable (Warner 2002, Sedgwick 1990); (2) norms around gender, sexuality, dis/ability (Foucault 1978, Butler 1990); (3) affects that redistribute fear, discomfort and joy (Singleton/Hays 2008, Robson 2023); (4) belonging through care beyond inherited boundaries (Ahmed 2006, Formby 2023).

        Reading Pride as a laboratory for non-violent, speculative forms of belonging invites us to think of the ‘collective’ not as grounded in sameness or stable identities (Remotti 1996), but a provisional togetherness constantly renegotiated: worlds in-becoming.

        Short bio:
        Kae Sordi (they/them), member of the Center for Interdisciplinary Gender Studies (CSG) at the University of Trento. With an academic background in Educational Sciences in Bologna and a Master’s in Diversity Management at the University of Trento. My work within the first Südtirolo Pride focused on the drafting of the Political Manifesto.

        Laura Volgger (she/none), PhD-candidate at University Innsbruck (Social and Political Science) and Pre-doctoral research assistant at Center Interdisciplinary Gender Studies Innsbruck; working on lived experiences of sexualized violence and regimes of silence with queer_feminist political theory; part of the collective Südtirolo Pride, worked on the Political Manifesto

        Adele Zambaldi (she/they), activist and organizer of the first Südtirolo Pride, and a Master’s student in Anthropology at the University of Turin. My research focuses on linguistic anthropology, with a particular interest in processes of inclusion–exclusion and identity formation in schools.

        Speakers: Adele Zambaldi (University of Turin), Kae Sordi (Center for Interdisciplinary Gender Studies, University of Trento), Laura Volgger (Center Interdisciplinary Gender Studies, University Innsbruck)
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 05 (D) Seminarraum 11 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 11

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Tyan Fritschy
      • 93
        Where families (don’t) work

        Für die Konferenz der ÖGGF möchte ich mich mit einem Beitrag zur Untersuchung der Inszenierungen von Care-Arbeit und ihrer Rolle für Imaginarien von „Familienräumen“ in der Literatur der 1960er Jahre bewerben. Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann schafft in ihrer Prosa zwar selten räumlichen Platz für Familien, nutzt diesen aber als Hintergrund für die Verunmöglichung scheinbar ‚idealer‘ Familienräume. Durch Zuständig- und Abhängigkeiten werden gewaltvolle Strukturen re- und produziert. So bietet beispielsweise im Romanfragment Der Fall/Das Buch Franza ein heruntergewirtschaftetes Familienhaus den Schauplatz für ebenso brüchige Familienbanden inmitten patriarchaler sowie kolonialer Machtverhältnisse. Mit Blick auf die Inszenierung und die Möglichkeiten für textuell geschaffene Räume möchte ich an Bachmanns Texte Fragen aus dem Feld der Care Studies stellen: Wie und zu welchem Zweck werden Care-Verhältnisse inszeniert? Wie wird ein ‚Familienraum‘ oder eine ‚Familienwelt‘ durch Sorge-Konstellationen hergestellt und welche Rolle spielt der Raum dabei? Wo, in welchen Räumen und Konstellationen, werden sonst unsichtbare Familienbande literarisch sichtbar? Literatur ist der Ort, an dem Grenzen des Familiären aufgezeigt, überschritten und kritisch befragt werden und so die oft unsichtbaren (ideologischen und materiellen) Bedingungen des vermeintlich idyllischen ‚Familienraums‘ in erzählten Familien sichtbar gemacht werden können. Nicht zuletzt spielen bei der Suche nach den Inszenierungen von Care-Arbeit die Hinterfragung des Konstruktes ‚Familie‘ sowie die Möglichkeiten von Imaginarien in einer bestehenden Sprache zentrale Rollen. Dies unterstreicht die Aktualität von Bachmanns Werken, die im Jubiläumsjahr 2026 zu ihrem 100. Geburtstag stetig mehr Sichtbarkeit erlangen, ebenso wie das Potenzial der Literatur als Möglichkeitsraum und spiegelt dabei die Herausforderungen unserer Gegenwart.

        Bio
        Anna Seethaler studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache in Regensburg, London und München. Am Literaturhaus München verknüpfte sie als Kuratorin am Literaturhaus München ihre literaturwissenschaftliche Arbeit mit der Literaturvermittlung. Seit Oktober 2025 ist Seethaler Universitätsassistentin und Mitglied des Doktoratskollegs Geschlechter und Geschlechterverhältnisse in Transformationen an der Universität Innsbruck.

        Speaker: Anna Seethaler
      • 94
        creating queer universes

        Im Jahr 2022 haben Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl mit dem Werk „Invitation of the Soft Machine and Her Angry Body Parts“ Österreich auf der Biennale in Venedig vertreten. Das Oeuvre ihrer gemeinsamen Arbeiten („Begehrensräume“) zeichnet sich durch ein Ineinander-Spielen unterschiedlicher Kunstgattungen aus, das in raumgreifenden Installationen wie auch in Performancekunstwerken – als Ereignis im Raum – zum Ausdruck kommt. Mit dem Terminus „queer universe“ wird genau dieses Phänomen, Kunstwerke zu erschaffen, bei denen kunsthistorische Ausdrucksformen nicht nur gleichberechtigt miteinander kombiniert werden, sondern vielmehr ineinander verflochten und somit im Raum zu einer Einheit werden, bezeichnet. Der Terminus „queer“ avanciert zu einem kunstwissenschaftlichen Paradigma – im Sinne eines kritischen Denkmodells sowie einer künstlerischen Strategie zur Hinterfragung von Machtverhältnissen, Grenzziehungen und Normativitäten. Als Raumbegriff wird der Terminus „universe“ herangezogen, der die Gesamtheit von Raum, Zeit und jeglicher Materie ausdrückt und etymologisch auf das Lateinische „universus“ bzw. „Gegenteiliges in Eins gekehrt“ zurückzuführen ist. Basierend auf der Analyse der Installation „Invitation of the Soft Machine and Her Angry Body Parts“ werden Raumtheorien inklusive Erweiterungen von Raumformen durch avantgardistische Strömungen mit Forschungen der Queer Theory verknüpft. Ausgehend davon, wird das Kunstwerk von Scheirl und Knebl als „queer universe“ aufgefasst und stellt damit eine klare Gegenposition zum kunsthistorischen Paragone und den damit verbundenen normativen Aspekten der Kunstgeschichte dar. Zudem handelt es sich beim geschaffenen „queer universe“ von Seiten der Rezipient*innen um einen Erlebensraum, der wiederum erst durch den Prozess des Wahrnehmens und Erfahrens entsteht. Anhand dieser wechselseitigen Beziehung von Körper, Objekt und Raum rückt das „queer universe“ selbst in die Position des Agens und wird von den Rezipient*innen nicht nur wahrgenommen, sondern konfrontiert diese ebenso mit abstrakten, gesellschaftspolitischen Inhalten, wie unter anderem Heterogenität, Multiplizität und alternativen Narrationen sowie Weltentwürfen.

        Bio
        Felicitas Pilz ist Doktorandin am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft an der Universität Graz und schreibt ihre Dissertation zum Thema „creating queer universes. Queere Körper-Objekt-Raum-Beziehungen in zeitgenössischen Positionen von trans*, genderqueeren und nicht-binären Kunstschaffenden“. Auch im Angestelltenverhältnis ging sie ihrem Fokus auf Gender als Projektmanagerin der 10. ÖGGF-Tagung 2024 nach.

        Speaker: Felicitas Pilz
      • 95
        „Weil nur Queerness uns retten kann“: Sprachfindung gegen vergeschlechtlichte Gewalt in Kim de l’Horizons Blutbuch und Laura Leupis Das Alphabet der sexualisierten Gewalt

        Dieser Beitrag stellt die Frage, wie literarische Texte als künstlerisches Format zu einem Queeren Worlding beitragen können. Critical Diversity Literacy (CDL) nach Steyn & Dankwa (2021) dient als analytische Orientierung, um den Möglichkeitsraum auszuloten, der sich durch die Lektüre von Blutbuch (2021) von Kim de L‘Horizon und Das Alphabet der sexualisierten Gewalt (2024) von Laura Leupi auftut. CDL ermöglicht, vorherrschende soziale Beziehungen machtkritisch und diversitätssensibel zu lesen und zu benennen. Der Begriff des Worldings als Konstellationen des Gestaltens, der Sorge, der Imagination und des Werdens ist anschlussfähig an diese Literalität im Sinne einer Befähigung zu machtkritischer und diversitätssensibler Lektürepraxis.
        Der Beitrag schlägt die Weiterentwicklung der CDL durch Queering vor. Die Erweiterung zu Queer Diversity Literacy (QDL) ermöglicht in der Auseinandersetzung mit den Texten von de l’Horizon und Leupi eine Sensibilisierung für geschlechterbasierte Gewalt, die auf wirkmächtigen binären Kategorisierungen basiert. Es geht in beiden literarischen Texten um existentielle vergeschlechtlichte Gewalterfahrungen, wenn sie auch poetologisch und inhaltlich große Verschiedenheiten aufweisen. Die Lektüre im Sinne einer queeren, diversitätssensiblen Literalität eröffnet Wahrnehmungsweisen, um binären Kategorisierungen inhärente Gewaltformen zu erkennen, zu benennen und zurückzuweisen. Beide Texte knüpfen jedoch «Netze, um uns in der Welt zu halten» (de l’Horizon 2021: 248). QDL zeigt in diesem Beitrag auf, wie diese Netze in einer Lektüre, die beide Texte miteinander und durcheinander liest, weiter gespannt und zu einem queerem Worlding als Möglichkeitsraum beitragen können.

        Bio
        Christa Binswanger ist ständige Dozentin und Professorin für Gender & Diversity Studies an der Universität St.Gallen. Lehr- und Forschungsinteressen: Gender, Diversität, Intersektionalität, Affect Studies, Körper-Politiken, kritische Sexualitätsforschung, geschlechterbasierte Gewalt und inklusive Sprache. Sie ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (SGGF) und Sprecherin der KEG für die Schweiz.

        Speaker: Christa Binswanger (Gender & Diversity, University of St.Gallen)
      • 96
        Gay by Nature und Dirty Care – Trans Repräsentationen in Zeiten der Faschisierung

        Mein Beitrag fragt nach Möglichkeiten und Herausforderungen von aktuellen filmischen Repräsentationen von Transgeschlechtlichkeit im deutschsprachigen Raum – vor dem Hintergrund zunehmender diskursiver, symbolischer und materieller Attacken auf geschlechtliche Vielfalt im Kontext globaler Faschisierungstendenzen.
        Neben Antifeminismus sind inter- und transantagonistische Ideologien und Politiken in den letzten Jahren zentrale Elemente dieser Prozesse (nicht nur) im deutschsprachigen Raum. Mit Trans- und Interantagonismus meine ich eine über Trans- und Interfeindlichkeit hinausgehende, gezielt gegen trans* und inter* Personen und Existenzweisen gerichtete politische Strategie und Praxis, welche von kolonial-rassistischen und eugenischen Kontinuitäten geprägt ist (En et al. i. E.; Gill-Peterson 2024; Hechler 2021; Klapeer 2024; Wolff et al. 2022).
        Während das Konzept des Transgender Tipping Points (Steinmetz 2014) Mitte der 2010er Jahre eine zunehmend positive mediale Darstellung von Transgeschlechtlichkeit bzw. geschlechtlicher Vielfalt konstatierte, formulieren trans* und queer of color sowie weitere machtkritische Ansätze differenziertere Perspektiven auf Sichtbarkeit und Repräsentation (Tourmaline et al. 2017; Koch-Rein et al. 2020; Schaffer 2008). Machtkritische Perspektiven zeigen, dass Sichtbarkeit ambivalent ist und an den Intersektionen von Rassifizierung, Armut, geschlechtlicher Nonkonformität oder Transfeminität häufig Hypervisibilität mit Gewalt einhergeht. Tourmaline et al. sprechen in diesem Zusammenhang von einem Sichtbarkeitsparadox (Tourmaline et al. 2017).
        Ausgehend von trans*feministischen Strategien des Widerstands in Isa Schieches Kurzfilm DIRTY CARE und Schieches und Helen Webers GAY BY NATURE (beide AT 2025) diskutiere ich filmische, theoretische und politische Strategien im Kontext dieses Sichtbarkeitsparadoxes und frage, wie diese vor dem Hintergrund aktueller Faschisierungsprozesse re_artikuliert werden müssen.

        Bio
        Jul Tirler ist Postdoc im Forschungsprojekt "Queer Cinema Austria: Assembling LGBTIQ* viewing strategies of film, video and television production in Austria, 1906-2026" am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Universität Wien. Publikationen und Lehrtätigkeit in Film- und Medienwissenschaft, Gender/Queer und Trans Studies. Aktuelle Forschungsschwerpunkte: Trans Media Studies, LGBTIQ*-Filmproduktion in Österreich.

        Speaker: Jul Tirler (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Universität Wien)
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 06 (D) Raum 52U109 (GEIWI)

      Raum 52U109

      GEIWI

      Convener: Muriel Gonzalez Athenas
      • 97
        Queer_Worlding als barocke Inszenierung

        Der vorliegende Beitrag changiert zwischen künstlerischer Intervention und theoretischen Schlaglichtern, um bereits mit der Auswahl dieser Form die konstruierte und zugerichtete Separation der beiden Wissenszugänge zu boykottieren. Im Zentrum unseres Denkkörpers steht das Konzept des Mestizaje gemäß Bolívar Echeverría, dass wir als Gegen-Vorschlag zum Worlding präsentieren. Das Präfix -gegen meint keine konfrontative Position, sondern eine kritische Auseinandersetzung damit. Im Zuge dessen stellen wir den barocken Ethos vor, der als eine spezifische Widerstands- und (Über-)Lebenspraxis in den Amerikas gelesen werden kann. Barock muss dabei wie folgt verstanden werden: Diese aus der Kunst entnommene Form ist die absolute Inszenierung, die nicht der Darstellung der Wirklichkeit dient, sondern ein eigenes Formgesetz entwickelt. Das Mestizaje, so unsere These, wirkt materiell bis in die Jetztzeit und stellt fortlaufend poröse Welt(en) her, die gezwungen sind mit den gesellschaftlichen Verhältnissen umzugehen. Welche? In einer kapitalistischen, kolonialen und damit vergeschlechtlichten Moderne stehen sich zwei paradigmatische Strukturprinzipien gegenüber: (1) gesellschaftliche Lebenswelten sind vom Material her bestimmt, werden aber gleichzeitig (2) der Verwertung des Wertes untergeordnet. Diese Verwertungslogik ist mehr als eine ökonomische Analysemodalität, sondern inhärente Ideologie, welche die Moderne auszeichnet. Dem eben skizzierten Widerspruch setzt sich der barocke Ethos entgegen, indem er zum Leben Ja-sagt, bis in den Tod. Unsere künstlerisch-theoretische Intervention nimmt diese Form in aller Notwendigkeit ernst, d. h. nichts darf durch den Begriff überdeckt werden. In der Umsetzung bedeutet es: Wir stellen das theoretische Konzept des Mestizajes vor dem Hintergrund der gewaltvollen Kolonialgeschichte vor und montieren an diese Vernunftwahrheit autofiktionale Erinnerungen und historische Geschehnisse in Bild, Schrift und Ton. Unsere Forschung selbst ist prozesshaft, d. h. wir arbeiten uns an der Frage der Gewaltförmigkeit der Weltbildung ab. Worlding muss mit diesem Widerspruch umgehen. Die barocke Form, so unsere These, gelingt es, „das Unlebbare der kapitalistischen Unterdrückung lebbar zu machen“ (Echeverría 2021: 204).

        Bio
        Natalie Stanczak ist Soziologin, Künstlerin und Fotografin aus Augsburg. In ihrer Arbeit verbindet sie dokumentarische Fotografie mit gesellschaftlicher Analyse zu Care, Erinnerung, Sichtbarkeit und Teilhabe. Ihre Projekte bewegen sich zwischen Kunst, Forschung und öffentlicher Vermittlung mit intersektionalem und awareness-orientiertem Fokus.

        Melinka Parra Karrer ist Doktorandin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und arbeitet vor dem Hintergrund dekolonialer Theorien, der Kritischen Theorie und sozio-ontologischen Ansätzen zu der Figur der Mestiza. Kunst und im Speziellen literarische Texte bieten dabei die Reibungsfläche ihres
        Denkkörpers.

        Speakers: Melinka Parra Karrer, Natalia Stanczak
      • 98
        Art of Intervention: in kuratorischer Praxis alternative Räume behaupten

        Der Begriff der Heterotopie nach Foucault dient diesem Beitrag als Ausgangspunkt, um zu erörtern, wie Räume der künstlerisch-wissenschaftlichen Intervention und Transformation derzeit behauptet und gehalten werden können: Wie lassen sich angesichts gewaltförmiger Weltenbildungen Prozesse alternativer Wissens- und Weltenbildung gestalten? Heterotopien werden dabei als Möglichkeitsräume verstanden, um auf zentrale Ungleichheitsverhältnisse der Geschlechterordnung aufmerksam zu machen, diese zu analysieren und ein Stück weit zu verrücken. Doch ist das möglich an Orten wie dem Theater oder dem Museum, die durch ihre spezifische bürgerliche Geschichte nie von und für «alle» konzipiert wurden?
        Anhand der Vernetzungsplattform Art of Intervention, die wir seit 2018 kuratieren, werden die vielfältigen Herausforderungen beleuchtet, die mit der Durchführung von Veranstaltungen an der Schnittstelle von Geschlechterforschung, Kunst und öffentlicher Diskussion in Kooperation mit Kulturinstitutionen und Hochschulen einhergehen. Am Beispiel der Veranstaltungsreihe zur Ausstellung Paula Rego. Machtspiele im Kunstmuseum Basel wird nachvollzogen, wie ein Museum für einen Moment zu einem Möglichkeitsraum wurde, in dem widerständige Erzählungen und alternative Weltenbildung nicht lediglich geduldet, sondern aktiv hervorgebracht wurden. Gemeinsam mit (queer)feministischen Aktivist*innen, öffentlichen Intellektuellen, Studierenden der Geschlechterforschung und Mitarbeitenden des Museums wurden dialogisch-künstlerische Formate entwickelt, denen Regos Bildserien zu Abtreibung, häuslicher Gewalt und kolonialen Machtverhältnissen als Ausgangspunkte für eine kritisch-emanzipatorische Auseinandersetzung dienten. In der Kombination von künstlerischen Interventionen mit wissenschaftlichen Analysen und institutionellen Selbstbefragungen entstand anderes (affektives Erfahrungs-) Wissen. Die Spannung zwischen musealer Rahmung und (queer)feministischer Dringlichkeit machte sichtbar, wie fragil und zugleich produktiv heterotopische Räume sind: Welche Implikationen ergeben sich aus dem Anspruch, alternative Wissensformen zu entwickeln und für eine kuratorische Praxis zugänglich zu machen? Kann ein heterotopisches Zusammenspiel mit Institutionen gelingen, die durch intersektionale Ein- und Ausschlüsse strukturiert sind?

        Bio
        Dr. Andrea Zimmermann (sie/ ihr) (CSR Basel und IZFG Universität Bern)
        ist Geschlechterforscherin, leitet seit 2018 Projekte zum Thema „Geschlechterverhältnisse in Kulturbetrieben“ und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen. Sie setzt sich mit den Themen Gleichstellung, emanzipatorische Kritik, geschlechtsbasierte Gewalt und Männlichkeiten auseinander. Seit 2018 engagiert sie sich mit Art of Intervention für einen lebendigen Austausch zwischen Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit.

        Dr. Dominique Grisard (sie/ ihr) (CSR Basel und Zentrum Gender Studies Basel) ist Geschlechterforscherin und forscht zu Geschlechterverhältnissen und Diversität in Schweizer Kulturbetrieben mit Fokus auf visuelle Kunst. Seit 2018 kuratiert sie «Art of Intervention», um den Austausch zwischen Wissenschaft und Kultur zu fördern. Ausserdem schreibt sie eine Geschlechtergeschichte rund um die Farben rosa und pink.

        Speakers: Andrea Zimmermann (IZFG, Universität Bern), Dr Dominique Grisard (ZGS, Universität Basel)
      • 99
        "Dreaming ahead": Ein Manifest für Briefe, from one queer idealist to you

        Dieser Beitrag versteht sich als Manifest für eine bestimmte Praxis der Solidarität und des In-Beziehung-Tretens – den Brief; ein Format, das in vielen Momenten der Geschichte queer-feministischen Begehrens ein Medium gegenseitiger Entäußerung war und als solches einander über Distanzen hinweg im Alltag präsent hielt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Im August 1949 schreibt Violette LeDuc an Simone de Beauvoir: „Je le répète: vous êtes dans mon corps, dans mon esprit, dans mon coeur tous les jours. Je vous aime. Je vous écrirai.“(2) Im Berlin der 1940er Jahre überbrückt ein Gedicht den Raum zwischen Lilly Wust (Aimée) und Felice Schragenheim (Jaguar): „Du musst dich über mich neigen, und mach die Augen zu – dann will ich’s hinüberschweigen, zu deinem geliebten Du.“(3)
        Heute ist der Brief vielerorts nicht mehr Teil unserer Praxis des Mitteilens. So gibt die dänische PostNord im März 2025 bekannt: „PostNord will deliver its final letter at the end of 2025.“ Entgegen dieser Entwicklung besteht der Beitrag darauf, das Briefeschreiben als eine Alltagspraxis des Daseins fortzuführen und Briefe als persönliches, physisch greifbares Archiv zu sammeln. Das Argument schöpft einerseits aus persönlichen Erfahrungen, andererseits aus der Antwort von Mari Ruti auf Lee Edelmans anti-futuristischer Konzeption von Queerness: Wir brauchen sowohl Zukunftsvisionen als auch die Kraft der Gegenwart – „the distinctive cadence of the here and now“ – um diese Visionen aufrechtzuerhalten.(4) Mit anderen Worten: Worlding kann so schön sein; aber auch viel Kraft kosten. Und einander mit Briefen, mit Fragmenten unserer Präsenz zu umarmen, kann eine pragmatische Praxis kraftspendender Solidarität sein.

        Referenzen
        1 Titel "Dreaming ahead", Aus Tony Kushners Angels in America: Perestroika.
        2 Violette LeDuc, Correspondences 1945-1972, 125.
        3 Erika Fischer, Aimée und Jaguar.
        4 Mari Ruti (2008): Why there is always a future in the future, Angelaki: Journal of Theoretical Humanities, (113) 124.

        Bio
        Lisa Chi ist Universitätsassistentin am Institut für Rechtsphilosophie der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Legal Gender und Queer Studies und politische Philosophie.

        Speaker: Lisa Chi (Universität Wien)
    • Panels: Performatives Arbeiten an Gewalt: Regeneration, Reparation, Verneinung (D) Seminarraum 9 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 9

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      • 100
        Performatives Arbeiten an Gewalt: Regeneration, Reparation, Verneinung

        Im Fokus unseres Panels stehen künstlerische Arbeiten, die strukturelle Gewalt der krisenhaften Gegenwart – sexuelle Gewalt, Rassismus, Ableismus – in ihren ästhetischen Verfahren reflektieren und Worlding-Prozesse befragen. Das Panel zeigt drei Modi dieser Reflexion auf: Regeneration, Reparation und Verneinung. Chorische Relationalität entwirft soziale Gefüge und Verkörperungsformen neu, reparative Affektpolitiken verschieben Wahrnehmungs- und Zeitordnungen ohne versöhnende Zukunft, und vulnerable Erinnerungen destabilisieren die normativen Voraussetzungen gegebener Weltbildungsprozesse. Ziel des Panels ist es, künstlerische Praktiken als Orte zu analysieren, an denen Welt nicht nur entworfen, sondern in ihren gewaltförmigen Voraussetzungen offengelegt und unterbrochen wird.

        Bio
        Louise Décaillet konzentriert sich auf die Aushandlung von Erfahrungen sexualisierter Gewalt in zwei chorischen Aufführungen feministischer Künstlerinnen: im zeitgenössischen chorischen Theater von Marta Górnicka in Mothers. A Song for a Wartime (2024) und in der spektakulären choreografischen Ästhetik von Ophelia’s Got Talent (2022) von Florentina Holzinger. In beiden Aufführungen manifestiert sich die Erfahrung sexualisierter Gewalt in ihrer Singularität und ihrem systemischen Charakter durch die chorische Performanz feminisierter Körper. Dabei wird der Chor als eine Figur der Relationalität, als eine „Umweltfigur“ (environmental figure) (Annuß 2023, Haß 2020) eingesetzt, die sich der Vereinheitlichung und Totalisierung widersetzt. Die „Chor-Arbeit“ der auf der Bühne kollektiv handelnden Körper lässt sich somit als „Weltbeschaffungsarbeit“ (von Redecker 2020, S. 202) bezeichnen: Sie bringt fluide Beziehungsgefüge und regenerierende Verkörperungsmodi hervor, wodurch der Sozialkörper und die ihm innewohnenden Formen der Disziplinierung und der geschlechtsspezifischen Gewalt stets neu entworfen werden.

        Sandra Biberstein widmet sich der Videoarbeit RESET (2020) von Alberta Whittle. RESET ist eine unmittelbare Antwort auf die Black-Lives-Matter-Bewegung und reflektiert gegenwärtige und historische Bedingungen von kolonialer Gewalt, Rassismus und Extraktivismus als ein totales Klima, dem besonders Schwarze, diasporische Körper dauerhaft ausgesetzt sind
        (Sharpe 2016, Neimanis und Hamilton 2026). Anstatt gewaltvolle Darstellungen und Traumata zu reproduzieren, nutzt Whittle eine performative, reparative Praxis, um Strategien des Überlebens innerhalb von strukturellen Gewaltverhältnissen aufzuzeigen, ohne jedoch einen Zukunftsentwurf anzubieten. Inspiriert von Eve Kosofsky Sedgwicks Schriften zu reparativen Praktiken (Sedgwick 2003) evoziert Whittle in RESET verschiedene Affekte, die ein nicht-paranoides, kollektives Aushalten von Vulnerabilität ermöglichen. Die Videoarbeit zeigt dadurch auf, wie Affektpolitiken relationale Hervorbringungsprozesse der Welt strukturieren und verschiebt Wahrnehmungs- und Zeitordnungen, um prekäre Möglichkeitsräume für Bündnisse innerhalb einer krisenhaften Gegenwart zu markieren.

        Karina Rocktäschels Beitrag wird zwei Performances von Perel analysieren – ein*e US amerikanische Künstler*in, deren performative Arbeiten sich mit Disability und Queerness auseinandersetzen. Sowohl die Arbeit Life (un)worthy of Life: A Queer Dis/Crip Talkshow (2021) als auch Desire Lines and Death Loops (2022) beschäftigen sich mit vulnerablen Erinnerungen an die Geschichte von behinderten Leben, besonders die extrem gewaltvollen Spuren, die die NS-Zeit in dieser Geschichte hinterlassen haben und die ableistische Gegenwart prägen. Ausgehend von einem Konzept negativer Performativität wird gezeigt, dass in diesen Performances keine neue Welt entworfen, sondern die Möglichkeit gegebener Weltkonstitution verneint wird. Diese performative Negativität richtet sich, so die These, nicht nur gegen ableistische und cis-heteronormative Ordnungen, sondern auch gegen affirmative Zukunftspolitiken. Der Beitrag schlägt vor, negative Performativität als notwendige Revision des Performativitätsdiskurses zu begreifen und vulnerable Erinnerungen, die im erinnerungskulturellen Feld verortet sind, als epistemisches Instrument der Worlding-Analyse zu fassen, das die normativen Voraussetzungen von Weltkonstitution nicht fortschreibt, sondern deren Möglichkeit der Verneinung freilegt.

        Speakers: Sandra Biberstein (Ruhr-Universität Bochum), Louise Décaillet (Universität Wien), Karina Rocktäschel (Ruhr-Universität Bochum)
    • 16:00
      Kaffeepause Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • ÖGGF Generalversammlung Ágnes-Heller-Haus, Audimax (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, Audimax

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Rahmenprogramm: Conference Dinner und Get-Together Ágnes-Heller-Haus: Unilounge, Erdgeschoß (Universität Innsrbuck)

      Ágnes-Heller-Haus: Unilounge, Erdgeschoß

      Universität Innsrbuck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • Panels: (Onto-)Epistemologien von Worlding 05 (D) Raum 4U102a (GEIWI)

      Raum 4U102a

      GEIWI

      Convener: Zoe* Steinsberger
      • 101
        Wenn Wissen unwirksam bleibt: Überlegungen zum Verhältnis von Körperwissen und Wahrheit unter Bedingungen von Aus_Schweigen

        Obwohl seit #MeToo zunehmend Wissen über sexualisierte Gewalt öffentlich verfügbar ist (Alcoff 2018), bleibt es oft unwirksam: Gewalterfahrungen werden Betroffenen abgesprochen, sie werden bagatellisiert, pathologisiert (Volgger 2025; Ganterer u.a. 2026). Wie also macht dieses Aus_Schweigen Körperwissen über sexualisierte Gewalterfahrungen epistemisch unwirksam, und wie lässt sich dieses Wissen als verkörperte Wahrheitspraxis verstehen, ohne es auf ‚Sprechen‘ zu reduzieren?
        Aus_Schweigen erzeugt „epistemic obstacles“ (Bargu 2024) und „epistemic friction“ (Medina 2013): Sexualisierte Gewalterfahrungen ‚produzieren‘ Körperwissen, das institutionelle Deutungsrahmen regulieren. Diese Deutungsrahmen bilden Wahrheitsregime (Foucault 1972), die festlegen „what may be spoken of“ und “what can be true“ (Alcoff 2018); feministische Theoretiker*innen haben die strukturelle „epistemic injustice“ (Fricker 2009) dieser Regime herausgearbeitet, die bestimmte Subjekte von vornherein als Wissenssubjekte delegitimiert (Campbell 2003; Brunner 2020). Zudem formen diese Deutungsrahmen das Verhältnis von Subjekten zu Wahrheit, was Foucault (2005, 2010, 2011) an antiken Selbstpraktiken zeigt.
        Relevant ist parrhesia als „act of telling all“ (Bargu 2024): Im Kontext sexualisierter Gewalterfahrung wird sie zur Erwartung kohärenter, glaubwürdiger Rede, während diese Kohärenz durch „epistemic injustice“ (Fricker 2009) erschwert wird. In diesem Spannungsfeld operiert Aus_Schweigen als ‚worlding Apparat‘: Es stabilisiert eine Ordnung, in der nur kohärent artikuliertes Wissen als wahr gilt, während strukturell erzeugte Artikulationsbrüche als Unglaubwürdigkeit gelesen werden. Dadurch werden spezifische Subjekt- und Anerkennungsordnungen produziert, die Körperwissen an sprechbare Subjektpositionen knüpfen.
        Anlehnend an Brown (2005) schlage ich vor, Ausdrucksformen sexualisierter Gewalterfahrungen nicht notwendig verbal zu begreifen. Unter asymmetrischen Wahrheitsregimen können sie vielmehr als verkörpertes Schweigen (z.B. Stottern, Zittern, Weinen) auftreten, was heißt, „corporeal agency“ (Bargu 2024) als Modus des Wahrsprechens ernst zu nehmen. Dadurch werden alternative Anerkennungsweisen sichtbar, die andere Konfigurationen von Wahrheit, Subjektivität und Weltbezug hervorbringen können.

        Bio
        Laura Volgger (she/none), PhD-candidate at University Innsbruck (Social and Political Science) and Pre-doctoral research assistant at Center Interdisciplinary Gender Studies Innsbruck; working on lived experiences of sexualized violence and regimes of silence with queer_feminist political theory

        Speaker: Laura Volgger (Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck, Universität Innsbruck)
      • 102
        Chrononormative Gewalt? Trans* Zeitlichkeiten zwischen Disziplinierung und Selbstentwurf

        Ausgehend vom Konzept des Worlding fragt der Beitrag danach, wie hegemoniale Zeitregime als gewaltförmige Technologien der Weltgestaltung wirken. In westlich-modernen, kapitalistisch umklammerten Gesellschaften strukturieren chronologische, lineare und produktivitätsorientierte Zeitmodi nicht nur Biografien, sondern auch geschlechtliche Anerkennung und damit Dynamiken gesellschaftlicher Positionierung. Anknüpfend an Elizabeth Freemans Konzept der Chrononormativität und Jasbir Puars Analyse homonationaler Einschließungslogiken argumentiere ich, dass trans* Subjektivierung in spezifische zeitliche Skripte eingebunden wird: Transition erscheint als linearer Fortschritt, Anerkennung als teleologisches Ziel, Zugehörigkeit als administrativ regulierte Passage.
        Diese zeitlichen Ordnungen produzieren trans* Körper nicht lediglich als marginalisierte, sondern als prekär verwaltete Subjekte. Wartezeiten, medizinische und rechtliche Verfahren sowie normative Entwicklungserzählungen fungieren dabei als biopolitische Instrumente, die trans* Leben in nationale und neoliberale Normalisierungslogiken einschreiben. Chrononormativität erweist sich so als gewaltförmiges Worlding, das bestimmt, welche Lebensverläufe lebbar, denkbar und politisch anerkennbar sind.
        Zugleich eröffnen affektive und kollektive Praktiken von trans* Personen und Communities alternative Zeitlichkeiten, die lineare Fortschrittsnarrative etwa durch diskontinuierliche Biografien, geteilte Erinnerungen, eigene Entwürfe von Zeitlichkeit und Zukunft und sorgende Praxen irritieren. Trans* Worlding erscheint als ein umkämpftes Feld, in dem Gewalt, politische Verweisungen auf die Gegenwart, affektive Zukünfte sowie Widerstand und Für_Sorge miteinander verwoben sind.
        Der Beitrag ist theoretisch-konzeptionell angelegt und basiert auf meinem
        Dissertationsprojekt „(Un)Möglichkeiten von trans* Subjektivierung, Politiken und Widerständigkeiten in ihren verwobenen Zeitlichkeiten“, das qualitative Interviews und Walking-Methoden vorsieht.

        Bio
        Toni Kronies ist seit Oktober 2025 Doktorand* in den Erziehungs- und
        Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck und Kollegiat* im Doktoratskolleg Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformation. In seiner* Dissertation untersucht er* Prozesse der trans* Subjektivierung in ihren zeitlich-affektiven Dimensionen an der Schnittstelle von Trans* und Queer Temporalities, Affekttheorie und queerer Phänomenologie.

        Speaker: Toni Kronies (Doktoratskolleg "Geschlechter und Geschlechterverhältnisse in Transformationen", Universität Innsbruck)
    • Panels: Archives, knowledges, un_learning 02 (E) Seminarraum 14 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 14

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Inès Moumen
      • 103
        Art as a space of Memory: Giuseppina and the ghosts of good manners Seminarraum 14

        Seminarraum 14

        Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

        This story begins in the orthopedic brace that held upright my grandmother’s cyborg body. It does not end: it continues in my own body, living across generations, within the habits and prohibitions that inhabit our gestures and define what the West has established as “the art of living.” This story is a theory of control: it concerns etiquette - both a literary genre and a disciplinary instrument - its ways of cataloguing postures and shaping bodies, and its contribution to the fabrication of the law of sexual difference. I present here a number of excerpts from an amateur editorial assemblage of Italian magazines and newspapers, compiled by Giuseppina Marabelli between 1945 and 1978 and found by me in 2020. Focused on crime reporting and etiquette, it become a tool for analyzing norms of conduct: instructions on “how to live” within proto-capitalist reality, orienting the body toward reproduction, maintenance, and success; a repertoire of behaviors directed toward the homogenization of habits, a promise of supervised freedom. Etiquette manuals inscribe behaviors - particularly those of women - within an ostensibly neutral moral regime: excess is defused through morality, which preemptively demonizes uncontrollable impulses, thereby reducing individual agency within the social sphere. Giuseppina juxtaposed etiquette norms with crime reportage, constructing a Warburgian atlas that traverses Italy’s transformations from the dawn of the atomic era to the protests of 1968, awakening only then, in her visual narrative, what had seemed repressed: the harrowing images of war, bodies distorted by death, the celebration of the colonial myth. I wish I could go back in time and tell Giuseppina Marabelli that the body is not a neutral field of inquiry: her editorial puzzle of etiquette and trauma has left me wondering whether those postures still inhabit us - a haunting presence that can be overturned and understood only through a radical reading of the traces of power on living beings, an analysis of memory grounded in a materialism attuned to bodies, to epistemologies, and to the systems of control that have traversed them.

        Bio
        Teresa Barbagallo is an artist and researcher in the field of performing arts. She is a PhD candidate in the National Interest Doctorate (DIN) in Performing Arts, Staging Acts and Musical Creativity at the Accademia di Belle Arti di Napoli, and a member of the PerLa Research Unit (Performance Epistemologies Research Lab) at IUAV University of Venice, where she completed her Master’s degree in Theatre and Performing Arts in 2022. She is the founder and a member of the collective Royal Divorce, active on the national performance and theatre scene since 2024. She collaborates, and has collaborated, as a project designer, artist, or performer with cultural institutions based in Venice, including La Biennale/Biennale Educational, the Peggy Guggenheim Collection, Ocean Space, and the Pinault Foundation. She lives and works in Italy, between Venice, Catania, and Naples.

        Speaker: Teresa Barbagallo (Accademia di Belle Arti di Napoli)
      • 104
        The Invisible Labor and Limits of Artistic Estates

        The presentation is conceived as a collaborative output of two researchers - artist and curator. We would like to share the theoretical framework and research connected with a collaborative video project rooted in the topic of Artistic estates. Grounded in doctoral research of both authors, the presentation examines the "invisible labor" of artistic estates through a sociological and feminist lens, interrogating how institutions and families participate in worlding - shaping the endurance of cultural legacies across precarious temporalities.
        The video project investigates the physical, mental, and systemic limits of preservation, addressing how institutions and archives often conceal the emotional and administrative labor vital to cultural memory. Methodologically, we draw on Ewa Majewska’s concept of "weak resistance," understood as a form of political agency grounded in hidden infrastructures of solidarity. By centering networks of care, friendship, and informal collaboration to our work, we propose a radical reshaping of existing institutional structures through relational film-making.
        We will present four video chapters - case studies of specific estates -framed by queer-feminist methodologies. Beyond the visual excerpts, we will reflect on the shared research process, including systemic challenges - physical, mental, and spatial- and the complexities of categorizing authorship in collaborative video practice. By highlighting these hidden actors, the project proposes a more just worlding that recognizes the daily rituals and resource conflicts inherent in sustaining artistic heritage.

        Bios
        Lenka Štěpánková is an interdisciplinary artist working primarily with video and painting. Her practice explores how artists are represented in their studios today in relation to gendered, historical, and geopolitical contexts, opening up questions of access: who does or does not enter these spaces, and why?

        Petra Widžová is a doctoral researcher, curator and cultural manager based in the Czech republic. She is currently pursuing her doctoral research at Faculty of Art and Design UJEP, focusing on the topic of Artistic estates in the Czech context. In her curatorial work she specializes in collective exhibitions and interdisciplinary curatorial research.

        Speakers: Lenka Štěpánková, Petra Widžová (PhD. researcher, curator)
      • 105
        Academic gender gap revisited: Lessons from interdisciplinarity Seminarraum 14

        Seminarraum 14

        Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

        Closing the gender gap in academia is usually attempted by three related fixes: fixing the numbers, fixing the knowledge, and fixing the competence. Fixing the numbers aims at removing the barriers to the participation of women and marginalized groups in science and is rooted in the argument from justice. Fixing the knowledge aims at identifying and preventing problematic forms of gender and other bias in scientific reasoning. It is rooted in an epistemic argument that claims that diversified knowledge production does not only make science a more just institution, but it also makes it produce epistemically better knowledge.
        Fixing the competence, on the other hand, means closing the gap in knowledge about gender as a social category and a social science subject, and its relation to knowledge claims and methods across and beyond academic disciplines, in as much as this gap exists in academic practitioners. To fix the competence, gender as social science knowledge needs to find epistemic and practicing homes in disciplines traditionally hostile or estranged from it, such as STEM.
        Uneasy collaboration between the sciences is well documented in science studies scholarship. I draw from STS literature on interdisciplinarity (Gallison 1999; Callard & Fitzgerald 2015; Lyall 2019) to argue that some of the strategies for fostering successful interdisciplinary collaborations could be one of the resources for fixing the competence gap.

        Speaker: Daria Jadreškić (Universität Innsbruck)
    • Panels: Care, economy, bodies 02 (E) Seminarraum 12 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 12

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Tamás Jules Fütty
      • 106
        “Including all of our Lives”: Caring Democracy and Dis/Ability as approaches to alternative Worldings

        The ways we (don’t) care shapes our Worldings. The predominant liberal-capitalist formations of democracy are characterized by structural carelessness (Aulenbacher/Dammayer 2014) which makes them outright hostile towards those who do care work and thus potentially and perhaps paradoxically anti-democratic. In this context, feminist politics of care are being discussed as a feminist antidote. To contribute to these debates, I suggest that we turn to the still marginalised knowledge of those who are often degraded to mere objects of care and thus excluded from the political sphere: people with disabilities.
        Carefully reading Liz Crow's groundbreaking text „Including all of our lives: Renewing the social model of disability”, I reconstruct two possible approaches to the political inclusion of people with disabilities mediated via different understandings of disability and the respective politics of care. In my reading, the first approach aims at reconfiguring infrastructures of care. It corre-sponds to the important strand of contemporary vulnerability-centered feminist care politics. While they are crucial, Crow enables me, too, to perceive how these tend to romanticize or simplify matters of care. The second approach confronts complex issues involving pain, chronic illness and exhaustion that hinder inclusion and that cannot be easily mediated through estab-lished understandings of care. It urges us to grasp care as historically entangled with ableism and inherently riddled with embodied contradictions. Combining these two approaches helps us to confront ableism in feminist politics of care by complicating notions of what it means to take care of each other democratically – and thus reshape our Worlding.

        References
        Brigitte Aulenbacher und Maria Dammayr (2014): Für sich und andere sorgen. Krise und Zukunft von Care in der modernen Gesellschaft. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.
        Crow, Liz (1996): Including all of our Lives. Renewing the social model of disability. In: Morris, J (Ed) Encounters with Strangers. Feminism and Disability, Women’s Press, London.

        Bio
        Carolin Zieringer is a feminist political theorist at University of Bremen, Germany. She specializes in democratic theories, feminist and queer theories of power and subjectivity while taking a keen interest in their intersections with critical disability studies as well as queer crip theories. She completed her PhD in 2025.

        Speaker: Carolin Zieringer
      • 107
        The transformative potential of combining feminist economics' analyses of care with theories of queer aging

        This presentation connects a feminist economics' interpretation of queer aging conceptualizations of caring labor with considerations of biopolitics related to older LGBTQI people and their needs for long-term residential care. The analysis is theory-driven and grounded in data derived from qualitative interviews with older LGBTQI persons in Austria. On the demand side, historical legal contexts for older queer people and their accumulation of financial and social capital over the life course are considered; on the supply side, the formation of queer gender performances of care workers in the global organization of care provision as part of neoliberal governmentality is examined. Framed by community structures and socioeconomic policy frameworks, key to the interactions between care providers and recipients in a long-term residential care for older queer adults are specific interpersonal affections and commitments, including dynamics of romanization, exploitation and solidarity in strategies addressing (in)visibility and connection. The research confirms the transformative potential of combining feminist economics analyses and queer aging theories for critiquing how current biopolitical regimes frame adult age care and also promote alternatives explored in queer aging discourses.

        Speaker: Karin Schönpflug (IHS)
      • 108
        New Family Forms or Enhanced Social Inequalities? Challenges in Sharing Parenting

        This presentation examines how parenting leave policies—intended to promote gender equality and social sustainability—may instead reinforce inequalities within an androcentric capitalism that devalues certain bodies and care regimes. Drawing on the COST Report Mapping the Unknown Research Gaps in Parenting Leave Inequality Research in Europe, I analyze barriers to equitable access and uptake of paid parenting leave, focusing on Austria as a case study.
        While Austrian policy grants leave to all parents regardless of gender, ethnicity, or employment status, research reveals persistent social barriers. Most studies concentrate on parents in stable, standard employment, neglecting precarious workers, the self-employed, migrants, and low-income families—groups whose care needs are marginalized. This bias limits understanding of whether leave policies reduce inequalities or primarily benefit already advantaged groups.
        I discuss recent Austrian family policy changes, linking policy design (eligibility, benefits, individualization, flexibility) to outcomes (leave uptake and long-term inequality effects). The analysis highlights the need for intersectional, multi-level, and comparative research to address these blind spots.
        Finally, I explore how parenting leave research can contribute to a broader perspective on intersecting inequalities, and how reimagining leave as a universal social right could foster more livable and utopian futures for diverse families. Finally, I propose a scenario where parenting leave functions as a tool for reducing inequalities, advocating for its design as a social right accessible across all employment trajectories. This approach not only challenges existing hierarchies but also opens pathways to more just and inclusive forms of care and belonging.

        Bio
        Gerlinde Mauerer, Senior Researcher and Lecturer at the Department of Sociology at the University of Vienna. Research and teaching focus: empirical social research, gender and family research, masculinity research, health sociology and social inequalities. Spokesperson for the section Feminist Theory and Gender Studies of the ÖGS – Austrian Sociological Association. And management committee member of the international COST experts network CA21150 on "Parental Leave Policies and Social Sustainability" (https://sustainable-leave-policies.eu/), as well as an associate member of the International Network on Leave Policies and Research (ILPR) (https://www.leavenetwork.org/introducing-the-network/).

        Speaker: Gerlinde Mauerer
    • Panels: Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität 05 (D) Seminrarraum 13 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminrarraum 13

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Patricia Karina Natalia Schwarz (Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung - Universität Innsbruck)
      • 109
        Zugang zur Gesundheitsversorgung älterer und hochaltriger Frauen im ländlichen Tirol: Bedarfe, Barrieren und geschlechtsbezogene Versorgungsungleichheiten

        Hintergrund
        Der demografische Wandel verstärkt insbesondere im ländlichen Raum bestehende Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung älterer Bevölkerungsgruppen. Frauen sind aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung, geschlechterbezogener Lebensverläufe sowie struktureller Ungleichheiten in besonderem Maße betroffen. Alters- und geschlechtsbezogene Differenzierungen wurden in Versorgungsanalysen bislang unzureichend berücksichtigt. Ziel dieser Studie war es, Bedarfe, Barrieren und geschlechtsbezogene Versorgungsungleichheiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung von älteren Frauen im ländlichen Tirol zu erheben.

        Methoden
        Es wurden leitfadengestützte Interviews mit zwölf Frauen ab 66 Jahren aus ländlichen Regionen Tirols durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte vom 09/2025-10/2025. Die erhobenen Daten wurden mittels fokussierter Interviewanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) auf Basis eines deduktiv-induktiv entwickelten Kategoriensystems ausgewertet.

        Ergebnisse
        Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist durch strukturelle Rahmenbedingungen, biografische Erfahrungen und geschlechtsbezogene Zuschreibungen geprägt. Zentrale Barrieren sind Mobilität, eingeschränkte fachärztliche Verfügbarkeit sowie lange Wartezeiten. Die Qualität der Kommunikation erweist sich als entscheidender Zugangsfaktor und beeinflusst maßgeblich das Vertrauen sowie die subjektive Bewertung der gesundheitlichen Versorgung. Gesundheitskompetenz und das Bewusstsein für geschlechtsbezogene Stereotypisierung beeinflussen die Fähigkeit zur aktiven Inanspruchnahme von Versorgung. Darüber hinaus verdeutlichen die Befunde, dass Frauen ab 66 Jahren keine homogene Gruppe darstellen und sich Bedarfe und Versorgungserfahrungen innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe unterscheiden.

        Schlussfolgerung
        Strukturelle, kommunikative und geschlechtersensible Anpassungen in der Gesundheitsversorgung älterer Frauen im ländlichen Raum sind notwendig. Neben dem Ausbau wohnortnaher Versorgungsangebote und niedrigschwelliger Mobilitätslösungen sind Maßnahmen zur Stärkung der Gesundheits- und Geschlechterkompetenz auf Seiten der Versorgenden und der Betroffenen zentral. Für die Forschung ergibt sich ein Bedarf an lebensverlaufsorientierten Analysen, um langfristige Wirkmechanismen besser zu verstehen und gezielte Interventionen entwickeln zu können.

        Literatur:
        Kuckartz, Udo; Rädiker, Stefan (2024): Fokussierte Interviewanalyse mit MAXQDA : Schritt für Schritt. 2. Auflage: Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden: Imprint: Springer VS, zuletzt geprüft am 19.01.2026.

        Kurzbiographien
        Ingrid Schranz ist Biomedizinische Analytikerin und Bereichsleiterin der klinischen Labordiagnostik des Zentralinstituts für med. u. chem. Labordiagnostik am Landeskrankenhaus Innsbruck. Sie absolviert derzeit den MBA im Gesundheitswesen an der fh gesundheit in Innsbruck. Ihre Forschungsinteressen gelten der geschlechtsbezogenen Gesundheitsversorgung und dem Versorgungszugang älterer Frauen im ländlichen Raum aus Public-Health-Perspektive.

        Eva Jabinger ist Studiengangsleitung unter anderem für Qualitäts- und Prozessmanagement an der fh gesundheit in Innsbruck. Zu ihren Schwerpunkten zählen Projektevaluation sowie Begleitungen von Organisationen mit dem Fokus auf Patient:innensicherheit. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf praxisnahen Ansätzen mit wissenschaftlicher Rigorosität, um nachhaltige Verbesserungen in Bildung, Governance und Versorgungsprozessen zu fördern.

        Sabine Ludwig ist Professorin für Diversität in der Medizin und Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen Geschlechter- und Diversitätsaspekte in der Prävention, Krankheitsentstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen sowie Themen der Geschlechtergleichstellung und globale Gesundheit.

        Speaker: Ingrid Schranz
      • 110
        Geschlechter- und Diversitätsaspekte in der Inanspruchnahme von Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements – eine Querschnittsstudie

        Hintergrund
        In der Bundeswehr werden seit 2015 Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) durchgeführt. Das Ziel der vorliegenden Analyse war es, die Inanspruchnahme der angebotenen Maßnahmen und Gründe für die Nicht-Inanspruchnahme unter Berücksichtigung von Geschlechter- und Diversitätsaspekten zu evaluieren.

        Methoden
        Von 06-09/2022 wurde eine Beschäftigtenbefragung online und in Papierform durchgeführt. Alle rund 220.000 Mitarbeitenden der Bundeswehr wurden zur Teilnahme an der Befragung eingeladen. Die Beschäftigten wurden zur Teilnahme an BGM-Maßnahmen sowie den Gründen einer Nicht-Teilnahme befragt.

        Ergebnisse
        Insgesamt nahmen 23.568 Mitarbeitende teil (11%; Alter 42 ± 11.4, 70,8% Männer (M), 29,0% Frauen (F), 0,2% divers). Ein Anteil von 54,6% (6772/12406) gaben an, an BGM-Maßnahmen teilgenommen zu haben (F: 61,1% (2431/3978); M: 51,3% (4282/8340); divers: 60,9% (14/23)). Insgesamt war die Chance, dass männliche Beschäftigte an den Maßnahmen teilnahmen, um 30% geringer als für weibliche Beschäftigte [OR 0.70; 95%; CI [0.63, 0.77]. Für Führungskräfte war die Chance um 9% [OR 0,91; 95%; CI [0.83, 0.99] und für Beschäftigte im Schichtdienst um 32% geringer [OR 0,68; 95%; CI [0.53, 0.88]. Die Chance einer Teilnahme war für Beschäftigte der oberen Bildungsgruppe im Vergleich zu Beschäftigten der unteren Bildungsgruppe um 18% erhöht [OR 1,18; 95%; CI [0.87, 1.61]. Als Hauptgrund für eine Nicht-Teilnahme wurde keine Zeit (43%; (5412/12627)) und kein passendes Angebot (41%; (5162/12626)) genannt.

        Schlussfolgerung
        Es bestehen Unterschiede in der Inanspruchnahme von BGM Maßnahmen nach Geschlecht, Führungsposition, Bildungsgruppe und Schichtarbeit. Die Angebote müssen daher adäquat an die Bedarfe der Zielgruppen angepasst und geschlechter- und diversitätssensibel konzipiert werden, um eine bessere Inanspruchnahme der Maßnahmen zu erreichen.

        Kurzbiographie der vortragenden Person:
        Sabine Ludwig ist Professorin für Diversität in der Medizin und Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen Geschlechter- und Diversitätsaspekte in der Prävention, Krankheitsentstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen sowie Themen der Geschlechtergleichstellung und globale Gesundheit.

        Speaker: Sabine Ludwig (Institut für Diversität in der Medizin, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich und Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland)
      • 111
        Zwischen Ankunft und Anbindung: Geschlechterdifferente Zugänge zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationserfahrung in Österreich

        Hintergrund:
        Menschen mit Migrationserfahrung berichten in europäischen Aufnahmeländern von erheblichen Barrieren beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen. Für Österreich liegen diesbezüglich bislang nur begrenzt systematische Daten vor, die diese Ungleichheiten im Sinne von „Worlding“-Prozessen analysieren. Ziel dieses Scoping Reviews ist es, die verfügbare Literatur zur Gesundheit und Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationserfahrung mit Schwerpunkt auf Geschlechterunterschiede im Zugang und in der Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen zusammenzufassen.

        Methode:
        Es wurde ein Scoping Review nach dem Framework von Arksey und O’Malley sowie den Empfehlungen des JBI durchgeführt. Die systematische Literaturrecherche erfolgte in PubMed, Web of Science und CINAHL und umfasste Studien ab 2015, die den Zugang zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationserfahrung in Österreich untersuchen, der Schwerpunkt lag auf der geschlechterbezogenen Auswertung. Die Daten wurden in einer Charting-Tabelle erfasst und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.

        Ergebnisse:
        Insgesamt wurden 92 Artikel eingeschlossen. Es zeigt sich eine Diskrepanz zwischen formalem Versorgungsanspruch und realen Zugangsbedingungen, vermittelt durch sprachliche Barrieren (n=25; 28,1%), unzureichende Information und fehlende kultursensible Angebote. Frauen sind in Bereichen wie reproduktiver Gesundheit, Schwangerschaft und Vorsorge besonders betroffen. Zugleich werden traditionelle Care-Rollen, geschlechterbasierte Gewalt und eine erhöhte psychische Belastung sichtbar, die beeinflussen, wie Frauen mit Migrationserfahrung ihren Alltag und ihre Gesundheit managen.

        Diskussion:
        Menschen mit Migrationserfahrung sind keine homogene Gruppe; Gesundheitsrisiken und Versorgungszugänge differenzieren sich intersektional nach Geschlecht, Herkunft, Aufenthaltsstatus und sozioökonomischer Lage. Erforderlich sind migrations-, kultur- und geschlechtersensible Reformen in der Gesundheitsversorgung, einschließlich systematischer Erfassung von Sex/Gender in Studien, Kulturmediation, zielgruppenspezifischer Präventionsstrategien und migrationssensibler Leitlinienentwicklung, um gesundheitliche Chancengleichheit und emanzipatorische Zukunftsentwürfe von Frauen* mit Migrationserfahrung zu fördern.

        * alle Personen, die sich als Frau identifizieren.

        Bio
        Judith Söller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und PhD-Candidate am Institut für Diversität in der Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Zu ihren Forschungsinteressen zählen der Zugang zur Gesundheitsversorgung von Menschen mit Migrationserfahrung, geschlechtersensible Versorgung und Fairness im Gesundheitssystem. Sie verfügt über einen beruflichen Hintergrund in der Pflege sowie im öffentlichen Gesundheitsdienst.

        Jennifer Birke ist Psychologin mit einem PhD in Medizinischer Psychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich sexueller Gewalt. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Diversität in der Medizin tätig und befasst sich mit psychosozialen sowie geschlechterbezogenen Fragestellungen.

        Sabine Ludwig ist Professorin für Diversität in der Medizin und Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen Geschlechter- und Diversitätsaspekte in der Prävention, Krankheitsentstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen sowie Themen der Geschlechtergleichstellung und globale Gesundheit.

        Speaker: Judith Stefanie Söller (Medizinische Universität Innsbruck, Institut für Diversität in der Medizin)
      • 112
        Die Berücksichtigung von Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung – ein Scoping Review

        Hintergrund: Für eine chancengerechte Gesundheitsversorgung sollten sowohl biologische als auch soziokulturelle Geschlechterunterschiede adäquat von Angehörigen aller Gesundheitsprofessionen in der Prävention, Diagnose, Therapie und Forschung berücksichtigt werden. In diesem Scoping Review liegt der Fokus auf der Berufsgruppe der Logopädie. Es wird untersucht, inwiefern Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung berücksichtigt wird. Dabei steht die Stimmanpassung bei trans* und genderdiversen Personen im Fokus. Darüber hinaus soll analysiert werden, inwiefern Geschlecht insgesamt in stimmtherapeutischen Analysen oder Behandlungen von Bedeutung ist und berücksichtigt wird.

        Methoden: Basierend auf die JBI-Methode für Scoping Reviews wurde eine Literaturrecher-che in den Datenbanken PubMed, EBSCO (Medline) und PsycINFO durchgeführt. Eingeschlossen wurden zwischen 2022 und 2025 veröffentliche Studien. Die Auswahl erfolgte durch zwei unabhängige Reviewer*innen anhand definierter Einschlusskriterien.
        Ergebnisse: Von insgesamt 2.234 gesichteten Abstracts erfüllten bislang 130 Artikel die Einschlusskriterien. Den größten Teil der Analyse bildeten Studien, die sich auf die Stimmanpas-sung bei trans* und genderdiversen Menschen bezogen. Zusätzlich wurden Studien identifiziert, die sich explizit mit der Therapie bzw. Stimmanalyse bei Frauen beschäftigten, Ge-schlechterunterschiede untersuchten oder die Wahrnehmung von Stimme in Abhängigkeit vom Geschlecht der Sprechenden analysierten. Auch wenige Prävalenzstudien wurden einge-schlossen.

        Schlussfolgerung: Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung durchaus berücksichtigt wird, jedoch mit dem Fokus auf der Stimmanpassung bei trans* und genderdiversen Menschen. Um eine evidenzbasierte, personenzentrierte und adäquate Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, sollte Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung systematisch im gesamten Forschungsprozess einbezogen werden und Berücksichtigung finden.

        Speaker: Annika Erning (Katholische Hochschule Mainz und Medizinische Universität Innsbruck)
    • Panels: Institutionen, Räume, Temporalitäten 06 (D) Seminarraum 8 (Ágnes-Heller-Haus, 1.Stock)

      Seminarraum 8

      Ágnes-Heller-Haus, 1.Stock

      Convener: Verena Sperk (Universität Innsbruck)
      • 113
        Das Institutionelle und Sorge – (queer-)feministische und rassismuskritische Erkundungen eines ent_politisierten Verhältnisses

        Ausgangspunkt des Vortrags ist der von uns in einem empirisch - theoretischen Vorgehen modellierte Topos der „Sorgeverwaltung” als entleerter Sorgebegriff im Institutionellen. Darauf aufbauend beschäftigen wir uns mit einem in unserer Lesart bestehenden Widerspruchsverhältnis zwischen einem kritisch-politischen Verständnis von Sorge(-verantwortung) und den (Verwaltungs-)Logiken des Institutionellen als Strategie der Entpolitisierung (Laclau & Mouffe 2006; Thompson & Zablotsky 2016). In der Auseinandersetzung mit dem Ort Hochschule, fragen wir, mit welchen Effekten (für wen) dieses Widerspruchsverhältnis verbunden ist und was über dieses Widerspruchsverhältnis gesellschafts- und institutionentheoretisch zum Ausdruck kommt. Im Sinne des »Queerings« als einer körperlich gelebten Praxis des Neuausrichtens (Ahmed 2006) diskutieren wir Utopien einer sorgenden Hochschule. Wie kann Sorge so gedacht und entworfen werden, dass die gesellschaftliche Vermitteltheit von Sorgebedarfen und damit verbunden Körper und Erfahrungen einbezogen wird? Wie kann in einer differenztheoretischen Sorgeperspektive eine andere Idee des Institutionellen unter den Bedingungen von Differenz gedacht und Wissenschaft als Arbeits- und Lebenswelt anders gelebt werden?
        Unsere Überlegungen schließen an die Arbeit im Projekt „Sorgeverantwortung (an) der Hochschule. (Selbst-)Verständnisse und Bedarfe im Spiegel der Erfahrungen relevanter Akteur:innen“ an, in dem wir das Verhältnis von Sorge(-verantwortung) und Hochschule im Spiegel der Erfahrungen von relevanten Akteurinnen, die in den institutionellen Zusammenhängen (in-)offiziell als Expertinnen für den Themenbereich gefasst werden, untersuchen. Aus einer machtkritischen, differenz- und sorgetheoretischen Perspektive setzen wir uns damit auseinander, wie Sorge(-verantwortung) in den unterschiedlichen strukturellen Zusammenhängen der Hochschule thematisiert bzw. bearbeitet wird.
        Im Anschluss an (queer-)feministische und rassismuskritische Arbeiten (Ahmed 2012; Gutiérrez Rodríguez 2014; Thompson 2021) interessieren wir uns dafür, wie das Institutionelle durch gesellschaftliche Differenzverhältnisse diskursiv hergestellt wird und wie es wiederum ein bestimmtes Verständnis dieser Verhältnisse reproduziert, verstärkt oder verschiebt.

        Literatur
        Ahmed, S. (2006). Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others. Durham: Duke University.
        Ahmed, S. (2012). On being included: Racism and diversity in institutional life. Durham: Duke University Press.
        Gutiérrez Rodríguez, E. (2016). Sensing dispossession: Women and gender studies between institutional racism and migration. In: Women's Studies International Forum (54), 167-177.
        Laclau, E. & Mouffe, C. (2006). Hegemonie und radikale Demokratie: Zur Dekonstruktion des Marxismus. 3. Aufl. Wien: Passagen Verlag.
        Thompson, V. E. (2021). Rassismus an der Hochschule. Intersektionale Verstrickungen und Möglichkeiten des Abolitionismus.
        Thompson, V.E. & Zablotsky, V. (2016). Rethinking Diversity in Academic Institutions. In: Wagadu: A Journal of Transnational Women’s and Gender Studies (16), 77-95.

        Kurzbiografien
        Sheila Ragunathan (sie/ihr) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Sorgeverantwortung (an) der Hochschule (SoHoch)“ an der Universität Bielefeld und interessiert sich für intersektionale Herrschaftskritik als interdisziplinäre Forschungsperspektive und politische Praxis. Sie promoviert in der Erziehungswissenschaft zu Entwürfen des kritisch Werdens am Ort politischer Bildung aus einer machtkritischen, (queer-)feministischen und diskurstheoretischen Perspektive.

        Saphira Shure (sie/ihr) ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Rassismus- und Differenzforschung an der Universität Bielefeld. Sie leitet das Projekt „Sorgeverantwortung (an) der Hochschule (SoHoch)“ als Teil des Verbundvorhabens „Wissenschaft und Sorge. Eine intersektional-explorative Studie“ (BMFTR).

        Speakers: Sheila Ragunathan (Universität Bielefeld), Saphira Shure (Universität Bielefeld)
      • 114
        Gewalt, Affekte und Emotionen im Deutschen Bundestag als Gendered Organization

        In ihrer Arbeit zu Gendered Organizations, in der sie Arbeitsorganisationen fokussiert, nimmt Joan Acker (1990) Bezug auf vermeintlich geschlechtslose Körper, die jedoch männlich kodiert sind. Sexualisierte Belästigung ist in die Organisationskultur eingebettet. Emotionen sind nicht vorgesehen. In ihrer Adaption für das schwedische Parlament schließen Erikson/Josefsson (2023) daran an. Geschlechtsbasierte Gewalt ist in beiden Arbeiten auf die strukturelle Funktion von sexualisierter Belästigung fokussiert. Doch das durch Gewalt erzeugte Leid der betroffenen Person ist nicht nur vergeschlechtlicht, sondern immer auch körperlich und affektiv.

        Ausgehend von dieser Überlegung frage ich in meiner Präsentation danach, wie Abgeordnete des Deutschen Bundestags affektive Aspekte erfahrener Gewalt reflektieren und wie Strukturen und Normen des Bundestags als Gendered Organization Emotionen bezogen auf diese Gewalt sozial herstellen und regulieren (vgl. Penz/Sauer 2016, Hossain 2021).

        Die Datenbasis sind 26 Interviews mit Bundestagsabgeordneten im Rahmen des Projekts ‘Not in my Parliament‘. Gewalt und Geschlecht im Deutschen Bundestag aus intersektionaler Perspektive“. In der Präsentation werden die Narrationen der Gesprächspartner*innen über körperliche und affektive Aspekte von erfahrener Gewalt herausgearbeitet und deren Bezugnahmen auf Strukturen und Normen des Bundestags diskutiert.

        Ziel meiner Präsentation ist es auszuloten, inwiefern affekt- und emotionstheoretische Zugänge die konzeptionelle Brücke zwischen der strukturellen und der individuellen Dimension von Gewalt gegen Politiker*innen schlagen können. Personale Gewalt als blinder Fleck klassischer Demokratietheorien erhält damit einen konzeptionellen Rahmen. Damit wird auch der Imagination des autonomen Subjekts liberaler Demokratien, das mangels Körper und Emotionen keine Gewalt erfahren kann (Beck 2020), ein menschliche(re)s politisches Subjekt gegenübergestellt.

        Bio
        Dr. Dorothee Beck forscht als feministische Politikwissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg. Ihre Schwerpunkte beziehen sich auf politische Partizipation und Geschlecht sowie auf Antifeminismus/Anti-Gender (aktueller Fokus: genderbezogene Sprachverbote). Derzeit leitet sie das DFG-Projekt „‘Not in my Parliament‘. Gewalt und Geschlecht im Deutschen Bundestag aus intersektionaler Perspektive“ (Laufzeit 2023-2027).

        Speaker: Dorothee Beck (Philipps-Universität Marburg)
      • 115
        Entziehen ausgeschlossen! – Digitale Gewalt gegen Bundestagsabgeordnete

        Die Präsenz von Politiker:innen in digitalen Öffentlichkeiten ist zur politischen Kommunikation und für den Kontakt zu den Wähler:innen unverzichtbar geworden (Esposito 2024). Höhere Anonymität und begrenzte juristische Mittel zur Verfolgung stellen hier aber eine besonders niedrige Hemmschwelle für Anfeindungen dar. Digitale Gewalt gilt als häufigste Form von Anfeindungen gegen Politiker:innen. Bisherige Studien zeigen geschlechtsspezifische Unterschiede. Jedoch sind die Befunde zum Ausmaß nach Geschlecht heterogen, während geschlechtsspezifische Unterschiede in der Art der Anfeindungen vermehrt gefunden werden. Forschungslücken bestehen hinsichtlich des Zusammenhangs von wahrgenommenen Motiven, Formen und Auswirkungen von digitaler Gewalt gegen Politiker:innen (Raney and Collier 2024), da tendenziell nur einer dieser Aspekte fokussiert wird.

        Hier setzt der Beitrag an und zielt darauf ab mit einer Triangulation der Daten des NimP-Projektes (Survey, Social Media Posts, Interview-Daten) für Mitglieder des Bundestages den Zusammenhang der drei genannten Aspekte zu untersuchen. Dies soll das Verständnis unterschiedlicher Betroffenheiten und dem Erleben digitaler Gewalt erhöhen sowie potentielle Blindflecken singulärer methodischer Zugänge überwinden. Den erst durch die Triangulation der Einzelbefunde zu den wahrgenommenen Motiven, Formen (Inzivilität bis schwerwiegendes grenzverletzendes Verhalten) und den Auswirkungen (aktives Begegnen, Resignation oder Retraumtisierungen) ergibt sich ein vollständiges Bild des Phänomens. Die Befunde werden in ihren geschlechtsspezifischen Zusammenhängen im Rahmen der Konzeptualisierung von Gewalt als Kontinuum (Boyle 2019, Kelly 1978) diskutiert. Das soll dazu beitragen, digitale Gewalt stärker als Teil genereller Gewaltbetroffenheit zu verstehen und subjektives Erleben besser erklären zu können.

        Bio
        Daniel Moosdorf arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Not in my Parliament – Gewalt und Geschlecht im Deutschen Bundestag aus intersektionaler Perspektive“ an der Universität Marburg.
        Davor war er am Fachgebiet für politikwissenschaftliche Methoden tätig. Er promoviert zur Akzeptanz des Alterssicherungssystems in Deutschland und untersucht dafür die Bedeutung von Policy-Wissen.

        Speaker: Daniel Moosdorf (Philipps-Universität Marburg)
    • Panels: Militarisierung, Grenzen, Zugehörigkeit 03 (D) Seminarraum 9 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 9

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Flavia Guerrini (Institut für Erziehungswissenschaft / CGI - Center für interdisziplinäre Geschlechterforschung)
      • 116
        Von der LSB‑Bewegung zur Anti‑Gender‑Lobby: Diskursive Strategien eines europäischen transfeindlichen Think Tanks

        Der Beitrag untersucht den transfeindlichen Think Tank Athena Forum, der bemerkenswerterweise von zwei langjährigen österreichischen Aktivist*innen der Schwulen- und Lesbenbewegung initiiert wurde. Ausgehend von dieser paradoxen Genese rekonstruiert der Beitrag die diskursiven Strategien von Athena sowie seine frühe mediale und politische Rezeption im österreichischen und europäischen Kontext. Dabei wird sichtbar, wie sich die Organisation als EU-Lobby-Gruppe inszeniert, die vermeintlich evidenzbasierte Wissensproduktion betreibt und über Policy Papers, Briefing-Dokumente und strategische Öffentlichkeitsarbeit versucht, Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse zu nehmen.

        Im Zentrum steht eine diskursanalytische Untersuchung der Publikationen des Think Tanks. Diese zeigt, dass Sexualität darin als offene, vielfältige und individuelle Ausdrucksform konzipiert wird, während Gender als stabile, biologisch fundierte und unveränderliche Kategorie dargestellt wird. Grundlegende Einsichten queer-feministischer Theoriebildung werden damit negiert. Diese Dichotomie bildet die Grundlage für eine Reihe wiederkehrender Argumentationsmuster, die deutliche Schnittmengen mit christlich-fundamentalistischen und rechtsextremen Anti-Gender-Diskursen aufweisen. Dazu gehören Bedrohungsnarrative (etwa die Gefährdung „unschuldiger Kinder“), verschwörungsaffine Deutungen (z. B. die Vorstellung orchestrierter „Gender-Ideologien“), die instrumentelle Mobilisierung von Frauenrechten sowie die Relativierung von Hate Speech durch eine rhetorische Überhöhung von „Free Speech“. Der Beitrag zeigt, wie der Think Tank durch diese diskursiven Strategien Räume der Legitimität für transfeindliche Positionen schafft, sich in bestehende Anti-Gender-Narrative einreiht und zugleich neue Allianzen zwischen ehemals progressiven Akteurinnen, konservativen Kräften und extrem rechten Milieus ermöglicht.

        Bio
        Judith Goetz, Dr.in, Politik- und Bildungswissenschaftlerin, Gender-Forscherin, Rechtsextremismus-Expertin. Sie lehrt und forscht an der Universität Innsbruck im Bereich Politische Bildung. Ihre Interessensschwerpunkte liegen bei Antifeminismus, Gender und Rechtsextremismus. Zuletzt erschien ihre Dissertation "Geschlechterpolitiken der Identitären. Ein Beitrag zur politischen Bildung gegen Rechtsextremismus" (2024).

        Stefanie Mayer, Dr., feministische Politikwissenschaftlerin in Wien. Ihre Dissertation erschien 2018 unter dem Titel „Politik der Differenzen“ im Budrich Verlag. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IKF Wien und Lehrende an österreichischen Universitäten und der Hochschule Campus Wien. Aktuelle Forschungsschwerpunkte im Bereich Antifeminismus, Verschwörungsdenken und autoritärer Politiken.

        Speakers: Judith Goetz (Universität Innsbruck), Dr Stefanie Mayer (Institut für Konfliktforschung (IKF Wien))
      • 117
        Faschistisch-maskulinistisches Worlding: Vom liberalen Fortschrittsnarrativ zur autoritären Beherrschung der Zeit

        Nostalgie für Ostpreußen, apokalyptische Erzählungen und techno-futuristische Visionen für ein zukünftiges Vaterland: Die autoritäre Rechte scheint neue Welten aus der Vergangenheit heraus schaffen zu wollen. Diese faschistischen Utopien beruhen vermeintlich auf einem Bruch mit der liberalen Fortschrittserzählung der westlichen Moderne. In einer Zeit erhöhter Prekarität unter dem beschleunigten Kapitalismus, in der es schwierig geworden ist, sich eine Zukunft vorzustellen, versprechen autoritäre Bewegungen durch ein spezifisches „Spiel mit der Zeit“ (Bargetz/Eggers/Minelli 2023) einen Ausweg aus der Krise.

        Aus queer-feministischer und postkolonialer Perspektive wird deutlich, dass diese Zukunftsvorstellungen mitnichten im Gegensatz zum liberalen Fortschrittsnarrativ stehen, sondern vielmehr auf ebendiesem aufbauen. Denn das westlich moderne historische Regime ist selbst in miteinander verschränkten heteronormativen, maskulinistischen, kapitalistischen und kolonialen gewaltvollen Zeitauffassungen verankert. So ist ein bestimmter „reproduktiver Futurismus“ (Edelmann 2004) bzw. eine „Repro-Time“ (Halberstam 2005), die auf Generativität zielt, für die westliche liberale Moderne konstitutiv. Auch gegenwärtige autoritäre Chronopolitiken sind der Reproduktion der Nation gewidmet und manifestieren heteronormative und koloniale Zeit (McClintock 1995). Der Spätfaschismus (Toscano 2023) gipfelt in Fantasien von nationaler Wiedergeburt.

        In unserem Beitrag zeigen wir, dass diese autoritären Chronopolitiken gewaltvolle Formen des Worldings sind, die eine Zukunft der Wenigen imaginieren, während sie die Räume für widerständige Utopien weiter einschränken. Worlding ist also auch eine Frage der Zeitlichkeit: Denn über die Beherrschung der Zeit, kann sich das gegenwärtige „faschistische Moment“ weiter ausdehnen. Die autoritäre Rechte kann mit ihren Zeitpolitiken auch deshalb erfolgreich mobilisieren, weil sie nicht außerhalb, sondern innerhalb des modern-hegemonialen, linearen Zeitregimes operiert und Bündnisse mit liberalen und konservativen Strömungen schließen kann. Sie (re-)artikuliert so maskulinistische Machtverhältnisse, die auf Souveränität, Stärke, Leistung und Fortschritt pochen.

        Bios
        Brigitte Bargetz ist Sozialwissenschaftlerin (JKU Linz/WU Wien) und leitet die Abteilung für Gesellschaftstheorie und Sozialanalysen an der JKU Linz. Aktuell beschäftigt sie sich mit gegenwärtigen Tendenzen der Autoritarisierung und Remaskulinisierung, ehrenamtlichem Engagement im Kontext des wohlfahrtsstaatlichen Wandels sowie affektiven Methodologien.

        Nina Elena Eggers ist Politikwissenschaftlerin (Universität Bremen/CAU Kiel) und beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Mobilisierung von und über Männlichkeit im Spannungsfeld von Populismus und Faschismus. Sie interessiert sich auch für Theorien des politischen Erzählens und Erinnerns sowie für Antifeminismus und Queerfeindlichkeit.

        Sara Minelli ist Politische Theoretikerin (JKU Linz/Centre Marc Bloch, Berlin). In ihrer Promotion befasste sie sich mit der Kritischen Theorie des „politischen Mythos“ im Zusammenhang mit dem Faschismus des 20. Jahrhunderts. Sie interessiert sich auch für Geschichtsphilosophie und -politik, Theorien der Zeitlichkeit und Utopien.

        Speakers: Brigitte Bargetz (Johannes Kepler Universität Linz), Nina Elena Eggers (Universität Bremen), Sara Minelli (Johannes Kepler Universität Linz)
      • 118
        Naturbeherrschung postkolonial weiterdenken: Klimafaschistische Politiken und die Sicherung privilegierter Welten.

        Gewaltvolle Strukturen der Moderne verdichten sich in der Klimakrise: rassistische und koloniale Gewaltverhältnisse sowie globale Ungleichheiten spitzen sich zu. Die Hochrüstung des europäischen Grenzregimes verhindert, dass Menschen nach Europa fliehen können, die bereits durch die – primär vom Globalen Norden verursachte – Klimakrise ihre Lebensgrundlagen verlieren. Ziel dieser Abgrenzung ist die Sicherung der eigenen Welt und privilegierter Lebensweisen im Globalen Norden. Ausgeblendet wird, dass diese immer schon auf gewaltätigen Strukturen basiert und auf Kosten anderer Welten hervorgebracht wird. Ich argumentiere im Beitrag, dass diese Entwicklungen in klimafaschistischer Poltik zu münden drohen, die auf autoritäre, exkludierende und externalisierende Weise Wohlstand im Globalen Norden sichern sollen. Besonders sichtbar wird dies bei rechtsextremen Akteur*innen, die argumentieren, dass die ‚Überbevölkerung‘ im Globalen Süden die wahre Ursache für die Klimakrise sei.

        Im vorliegenden Beitrag schlage ich vor, für die Analyse dieser Gewaltverhältnisse in der Klimakrise das Konzept der Naturbeherrschung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus der Dialektik der Aufklärung fruchtbar zu machen, indem ich es postkolonial weiterentwickle. Damit zeige ich, dass Naturbeherrschung und soziale Herrschaft miteinander vermittelt und zentral für die Herausbildung des weißen (männlichen) bürgerlichen Subjektes sind, welches zugleich aufs engste mit kolonialer Gewalt verflochten ist: Dieses Subjekt konstituierte sich im Kontrast zum naturalisierten, kolonialisierten ‚Anderen‘. Das ‚Außen‘ von Europa wurde zum Objekt der Ausbeutung, zur Ressource für fossile Freiheiten und Reichtum im Globalen Norden. Destabilisiert die Klimakrise im Globalen Norden das Gefühl von Naturbeherrschung, so stabilisieren sich privilegierte Subjekte verstärkt über soziale Herrschaft gegenüber dem Globalen Süden, z.B. in Form von klimafaschistischer Politik.

        Bio
        Carla Ostermayer schreibt ihre Dissertation an der Schnittstelle von Politischer Theorie, Geschlechter- und Rechtsextremismusforschung am Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck zum Thema „Mit dem Rückbezug auf die ‚Natur‘ gegen die Ungewissheiten in der Klimakrise: Regressive Krisenbearbeitung durch rechte Ideologien in Deutschland“. Aktuell Forschungsaufenthalt am Center for Right-Wing Studies UC Berkeley.

        Speaker: Carla Ostermayer (Doktoratskolleg "Geschlechter und Geschlechterverhältnisse in Transformationen", Universität Innsbruck)
    • Panels: Narrative, Darstellungen, Erinnerungen 07 (D) Seminarraum 11 (Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock)

      Seminarraum 11

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Convener: Dagmar Fink
      • 119
        Unter fremden Sternen träumen - Feminist science fiction worlding als epistemologische Methode

        Die Zukunft ist ein seltsamer Ort. Niemand war je dort, trotzdem sind die Medien voll von Bildern davon. Manch eine*r denkt diesen Ort genau zu kennen. Diese Zukunftsvorstellungen sind wirkmächtig, sie formen was wir als denkbar begreifen und beeinflussen dadurch unser Handeln (Mehnert 2026). Sie sind inhärent politisch (Dries et al. 2025) und mächtige politische und ökonomische Akteur*innen sind bemüht solche Zukunftsentwürfe zu formulieren und zu popularisieren, um ihre eigenen Machtansprüche zu verfestigen. Um feministische Alternativen zu diesen Zukunftsvorstellungen zu formulieren, hat sich die Methode des worlding (Haraway 2016) herausgebildet. Ich schlage vor dieses Konzept wieder in seinem ursprünglichen Kontext, nämlich der Science fiction, zu verorten. Science fiction, als Literaturgenre und als epistemologische Methode, hat es schon immer vermocht, das Unmögliche denkbar zu machen und damit zu er-möglichen. Vieles, was in der Vergangenheit als unmöglich bezeichnet wurde, ist durch Science fiction denkbar und möglich geworden. Zum Beispiel hat Star Trek 1966 mit Lieutenant Uhura eine schwarze Frau auf der Kommandobrücke gezeigt und damit für Mae Jemison eine Zukunft im All zuerst denkbar und danach möglich gemacht. Feministische Science fiction erschafft alternative gesellschaftliche Verhältnisse und macht sie damit denkbar. Das vorgestellte Forschungsprojekt versucht alternative Zukünfte aus feministisch gelesenen Science Fiction Werken (z.B. Ursula K. Le Guin, Octavia Butler, Naomi Alderman, Nnedi Okorafor) zu extrahieren und durch eine qualitative Analyse deren worlding Prozess nachzuzeichnen. Mit der resultierenden epistemologischen Methode des feminist science fiction worlding können alternative Zukunftsvorstellungen imaginiert werden.

        Kurzbiographie
        Isabella Scheibmayr forscht zu Geschlechterverhältnissen in Organisationen und Berufsfeldern im Bereich Human Resource Management. Sie promovierte 2019 im Fach Betriebswirtschaftslehre an der Universität Salzburg zum Thema „HRM’s gendered agency“ und ist seit 2020 Habilitandin am Fachbereich Betriebswirtschaftslehre an der Universität Salzburg.

        Speaker: Isabella Scheibmayr (Universität Salzburg)
      • 120
        Alternative sexuelle Welten imaginieren und leben: Eine narrative Studie zu sexueller Fluidität

        Sexuelle Fluidität ist nicht nur kaum erforscht, sondern auch stigmatisiert und pathologisiert. Sexuell fluide Personen, die eine Veränderung ihrer sexuellen Orientierung, Präferenzen, Lust und/oder Beziehungsarrangements im Lebensverlauf erleben, sind von Benachteiligungen und Minderheitenstress in jenen Lebensphasen betroffen, in denen sie sich mit einer sexuellen Minderheit identifizieren; darüber hinaus jedoch auch mit spezifischen Diskriminierungen. Aufgrund des vorherrschenden Monosexismus und von Bi-Feindlichkeit erleben fluide Personen sowohl in der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft als auch in manchen queeren Communities Ablehnung und Ausschluss.

        Ausgehend von der Prägung sexueller Welten und der gewaltvollen Konfiguration von Sexualität, Begehren und sexueller Zugehörigkeit durch die Unterdrückung sexueller Fluidität möchte der Vortrag zeigen, wie Menschen sexuelle Veränderungen im Lebensverlauf erleben und welche emanzipatorischen Imaginationen sie vor dem Hintergrund ihrer vergangenen Erfahrungen für ihre sexuelle Zukunft entwickeln. Der Vortrag basiert auf rund 40 narrativ-biografischen Interviews mit sexuell fluiden Personen zwischen 20 und 60 Jahren, die seit 2023 in ganz Österreich geführt wurden und Teil einer qualitativen Längsschnittstudie sind, die auf 10 Jahre angelegt ist. Die Befragten wurden u.a. gefragt, was sie noch brauchen, um ihre Sexualität in Zukunft so leben zu können, wie sie es gerne möchten.

        Auf der Grundlage aktueller Ansätze der Queer & Critical Sexuality Studies und einer Soziologie imaginierter Zukünfte werden aktuell jene Passagen systematisch ausgewertet, in denen Befragte mögliche oder gewünschte Zukünfte artikulierten. Die Ergebnisse zeigen, welche Bedeutung positive Erfahrungen wie Authentizität, Befreiung von hetero- und mononormativen Erwartungen, und die Suche nach sozialer Anerkennung und tragfähigen Gemeinschaften für die Zukunft als politisches Projekt zur Veränderung sexueller Kulturen haben.

        Bios
        Dr.in Barbara Rothmüller ist Soziologin und Sexualpädagogin und arbeitet seit 2019 als Senior Scientist an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Gender- und Sexualitätsforschung, psychosoziale Gesundheit, Ungleichheit und partizipative Forschungsmethoden. Aktuell leitet sie das Projekt „Fluide Sexualitäten: eine qualitative Längsschnittstudie zu Veränderungen von Sexualität im Lebensverlauf“.

        Camilla Geißelbrecht, BA, hat Kulturwissenschaften studiert und absolviert zurzeit das MA-Studium Science – Technology – Society an der Universität Wien. Sie interessiert sich für alltagskulturelle Themen, besonders im Hinblick darauf, wie Geschlecht und Sexualität in den Alltag hineinwirken. Seit 10/2025 ist sie Studienassistentin im Projekt „Fluide Sexualitäten“.

        Speakers: Barbara Rothmüller (Sigmund Freud PrivatUniversität Wien), Camilla Geißelbrecht
      • 121
        Wo die Fantasie aufhört - Zukunftsentwürfe aus dem aromantischen und asexuellen Spektrum

        Gender und Queer Studies haben sich als hervorragender Ausgangspunkt für das Imaginieren von Welten jenseits von Patriarchat und Heteronormativität erwiesen. Ihr kritisches Potenzial ist nicht auf die Analyse intimer Zweierbeziehungen begrenzt, sondern ermöglicht ein grundsätzliches Hinterfragen naturalisierter Normen des Hier und Jetzt. Und doch diagnostiziert Asexualitätsforschende Ela Przybylo ein Scheitern der Fantasie innerhalb der Erforschung von Sexualitäten, nämlich in Form einer Unfähigkeit das aromantische und asexuelle Spektrum (A*Spec) mitzudenken. Seit einigen Jahren dekonstruieren Forschende der Asexuality Studies mithilfe des Konzeptes der Compulsory Sexuality die naturalisierte Annahme, dass jeder vermeintlich ‘normale’ und ‘gesunde’ Mensch ein sexuelles Wesen sei, sexuelles Begehren verspüren und sich nach einer romantischen, sexuellen Beziehung sehne. Eine Aufmerksamkeit für aromantische und asexuelle Perspektiven könnte für Gender und Queer Studies eine große Bereicherung darstellen.
        Dieser Beitrag fragt danach, wie Vorstellungen einer lebenswerten, sogar einer utopischen Zukunft durch A*Spec Perspektiven erweitert werden können. Welche Kollektivitäten, welche Welt(en) bringen A*Spec Personen hervor? Durch welche Praktiken des Zusammenlebens, der Fürsorge und der Nähe gestalten sie ein Leben, das romantische und sexuelle Beziehungen nicht zwingend ablehnt, sie aber auch nicht zwingend zentriert oder privilegiert? Wie werden A*spec Personen aus queeren Zukunftsprojekten ausgeschlossen? Wie formiert sich Widerstand gegen diese Ausschlüsse?
        Der Beitrag erkundet diese Fragen auf Grundlage von qualitativen Interviews, die im Rahmen meines Dissertationsvorhabens am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien geführt wurden.

        Bio
        Isabella Hesse promoviert am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Ihr Schwerpunkt liegt auf Alltagswelten und Zukunftsentwürfen von aromantischen und asexuellen Personen. Hesse studierte Europäische Ethnologie in Freiburg und Wien. Ihre Masterarbeit über Berufsalltage von Stripclub-Tänzerinnen wurde mit dem Gender & Agency Preis 2023 der Forschungsplattform „Gender: Ambivalent In_Visibilities“ ausgezeichnet.

        Speaker: Isabella Hesse (Universität Wien)
      • 122
        Worlds of Desire in Contemporary Pornography and Post-Pornography

        Pornografie kreiert eine sehr spezielle Art virtueller Welten. Im Vordergrund steht dabei der „male-gaze“, die (cis-)männliche Perspektive auf Lust in einer heteronormativen, kapitalistischen Gesellschaft. Darüber hinaus ist ein elementarer Grund Pornografie herzustellen das Ziel Geld damit zu verdienen. Dieses Phänomen wird seit Jahrzehnten kritisch untersucht (Bridges et al., 2010; Burke, 2022; Coleman & Held, 2014; Fraiman & MacKinnon, 1995; Schwarzer, 1988). Eine besondere Aufmerksamkeit verdient hier das zeitgenössische Phänomen der INCELs, der unfreiwillig zölibatär lebenden (meist männlichen) Personen (Hart & Huber, 2023; Stickel, 2020; Tranchese & Sugiura, 2021; Verdugo-Thomson, 2023).
        Als Gegenreaktion hat sich das Medienphänomen Post-Pornographie entwickelt. Wie Virgine Despentes es formuliert: “The answer to bad porn is not no porn, but to make better porn.” (Despentes, 2021, p. 69)
        Das vorgestellte Paper untersucht das Medienphänomen Post-Pornografie, insbesondere im Vergleich zur sogenannten Mainstream-Pornografie mit einem Fokus auf Bewegtbild und Kunst. Welche Welten bauen die Filmemacher_innen und Künstler_innen dieses Genres? Welche Mittel nutzen sie, was machen sie anders, und wie und warum setzen sie explizite Darstellungen von Sexualität ein?
        Das Paper basiert einerseits auf einer umfangreichen Analyse zeitgenössischer Studien zu Pornografie, aggressiven Darstellungen und Inceldom (Bridges et al., 2010; Fritz et al., 2020; Stickel, 2020; Tranchese & Sugiura, 2021; Verdugo-Thomson, 2023). Weiters wurden vergleichende Inhaltsanalysen von zeitgenössischen Pornografischen und Post-Pornografischen Filmen durchgeführt und ausgewertet. Darüber hinaus wurden 15 qualitative Interviews mit Filmemacher_innen und Veranstaltern sogenannter (Post-) Porn Filmfestivals durchgeführt (Kollros, 2024).
        Die aktuellen Entwicklungen in den USA, mit der Zerstörung von Minderheitenrechen und Diversitätsprogrammen, und der Diskreditierung von Trans*-Personen, welche schon 2023 von der Heritatge Foundation im Project 2025 vorgezeichnet wurden, werden hier ebenfalls berücksichtigt (Dans & Groves, 2023).
        Das Paper gibt somit einen Überblick über das Medienphänomen Post-Pornografie im Vergleich zu sogenannter Mainstream-Pornografie. Es wird deutlich, dass das Genre Post-Pornografie sehr divers ist und es durchaus eine Schnittmenge mit sogenannter Mainstream-Pornografie gibt. Eine Gemeinsamkeit Post-Pornografischer Arbeiten ist jedoch, dass diese eher im Feld der Kunst zu verorten sind und der Profit-Aspekt, welcher der Pornografie grundsätzlich innewohnt, nicht vorhanden ist oder zumindest stark in den Hintergrund rückt.

        Bio
        Lars* Kollros ist Künstler_in und Researcher_in mit Abschlüssen in Bildender Kunst und Kunst und kulturwissenschaftliche Studien an der Akademie der bildenden Künste Wien. Die theoretische Magisterarbeit hatte das Thema „Contemporary Perspectives on European Post pornography in Motion-Picture“. Derzeit ist Lars* im Doktoratsstudium an der Akademie der bildenden Künste Wien und der Universität Athen mit dem Thema „Desires of Humans and Androids in Science Fiction and Contemporary Life“.

        Speaker: Lars* Kollros (Akademie der bildenden Künste Wien)
    • 11:00
      Kaffeepause Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock (Universität Innsbruck)

      Ágnes-Heller-Haus, 1. Stock

      Universität Innsbruck

      Innrain 52a, 6020 Innsbruck
    • 11:30
      Fußweg zur Medizinischen Universität Innsbruck, ca. 10 Min

      Dauer: ca. 10 Minuten

    • Keynote: Stella Nyanzi & Abschluss Audimax (Medizinische Universität Innsbruck)

      Audimax

      Medizinische Universität Innsbruck

      Fritz-Pregl-Straße 3, EG